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StartseiteCampus & KarriereStudiengebühren statt Vietnam11.04.2008

Studiengebühren statt Vietnam

Die Themen der Studierendenvertreter haben sich seit 1968 gewandelt

Das Attentat auf Rudi Dutschke vor 40 Jahren traf eine der herausragenden Figuren der Studentenbewegung. Anders als damals stehen für die Studierendenvertreter heute keine internationalen Revolutionen auf der Agenda, sondern die ganz konkreten Probleme der Studierenden vor Ort, so die Einschätzung von Florian Hillebrand, Vorstandsmitglied beim Freien Zusammenschluss der StudentInnenschaften.

Moderation: Jörg Biesler

Protest gegen Studiengebühren (AP)
Protest gegen Studiengebühren (AP)

Jörg Biesler: Heute vor 40 Jahren wurde Rudi Dutschke bei einem Attentat schwer verletzt. Die Studentenbewegung verlor damit ihre Integrationsfigur. Für uns Anlass, darüber zu sprechen, wie engagiert Studierende heute in Sachen Politik sind. Dutschke hatte 1968 Maximalziele formuliert, und es klingt, als habe er auch daran geglaubt, sie verwirklichen zu können.

O-Ton Rudi Dutschke: "Sie können eine Welt gestalten, wie sie die Welt noch nie gesehen hat, eine Welt, die sich auszeichnet, keinen Krieg mehr zu kennen, keinen Hunger mehr zu haben, und zwar in der ganzen Welt."

Biesler: Ja, das damals die Forderung. Was wollen Studierende heute? Florian Hillebrand ist Vorstandsmitglied beim Freien Zusammenschluss der StudentInnenschaften, guten Tag, Herr Hillebrand!

Florian Hillebrand: Guten Tag, Herr Biesler!

Biesler: Eine Gesellschaft ohne Hunger und Krieg weltweit, das waren die Forderungen 1968. Was sind heute die Themen?

Hillebrand: Also heute sind die Themen, die von Studierendenvertretungen bearbeitet werden, in aller Regel sehr viel bezogener auf die Hochschullandschaft und auf die konkreten Probleme, die Studierende betreffen. Aktuell seien da die Entwicklungen im Bereich Studiengebühren genannt, aber auch die Umstellung der ganzen Studiensysteme auf Bachelor- und Master-Studiengänge und auch viele direkten sozialen Probleme von Studierenden. Allerdings ist es natürlich auch immer so, dass man auch heute noch nicht sagen kann, wir betrachten die Hochschule als eine Insel, wo Studierende ganz isoliert von der Gesellschaft entfernt leben, sondern dass man natürlich viele Probleme auch heute noch im gesellschaftlichen Gesamtkontext betrachten muss.

Biesler: Aber der Wille zur Revolutionierung der gesamten Gesellschaft ist begrenzter geworden, sagen wir mal.

Hillebrand: Da würde ich Ihnen zustimmen.

Biesler: Von außen kann man ja vermuten, dass die Arbeitsbelastungen in den verschulten Studiengängen Bachelor und Master heute und auch der Druck, schnell fertig zu werden, der ja auch durch die Studiengebühren erzeugt wird, politisches Engagement erschweren, weil einfach die Zeit fehlt?

Hillebrand: Ja, das hört man immer wieder. Man kommt mit sehr vielen Studierenden ins Gespräch, wenn man gerade die Arbeit der studentischen Interessenvertretung darstellt und wenn man versucht auch natürlich, neuen Nachwuchs dafür zu gewinnen, was schon immer schwierig war. Aber in letzter Zeit kommt ganz häufig die Begründung, dass die Studierenden einfach nicht wissen, wann sie das noch leisten sollen.

Biesler: Spielt Parteipolitik eine Rolle an den Hochschulen?

Hillebrand: Das ist ganz unterschiedlich. Es gibt an vielen Hochschulen Hochschulgruppen der jeweiligen Parteien oder von einigen Parteien, die dann auch für das Studierendenparlament beispielsweise kandidieren. Allerdings würde ich sagen, ist die studentische Interessenvertretung allgemein jetzt nicht von Parteipolitik geprägt. Vor allem ist es nicht so, dass irgendwie die Parteien auf Bundesebene oder auf Landesebene irgendeinen Einfluss hätten, sondern es ist vielmehr so, dass die Parteien teilweise Strukturen anbieten, in denen sich Studierende organisieren.

Biesler: Aber da steht doch die Unmittelbarkeit im Vordergrund, also nicht die Verbreitung von Doktrinen oder von Ideologien, die von den einzelnen Parteien vorgegeben werden, von bestimmten politischen Richtungen, sondern die Arbeit ist wahrscheinlich noch etwas unmittelbarer?

Hillebrand: Das auf jeden Fall. Wenn man da von Parteipolitik sprechen kann, ist es eher so, dass die Studierenden sich vor Ort vollkommen unabhängig organisieren und dann teilweise innerhalb einer Partei auf Bundesebene vernetzen und sagen, es ist uns nicht nur wichtig, dass wir beispielsweise vor Ort einen AStA oder ein StuRa, dort unsere Meinung und unsere Position einbringen, sondern auch gleichzeitig innerhalb der Partei versuchen, unsere Interessen durchzusetzen und die Belange der Studierenden dort zu vertreten, dass sie irgendwann auch mal in einem Parlament ankommen.

Biesler: Würden Sie sich denn wünschen, dass Studierende sich vehementer einmischen, wäre das vielleicht auch für die Gesellschaft gut, da ein kritisches Korrektiv zu finden bei ja vielleicht idealistischen jungen Leuten, die weniger in Kategorien des Machbaren denken, als in denen des Wünschenswerten?

Hillebrand: Ja, ich würde mir auf jeden Fall wünschen, dass sich sehr viel mehr Studierende engagieren, denn die Wunschvorstellung ist natürlich, dass sie es nicht nur aus persönlicher Betroffenheit tun, sondern dass sie den Gesamtblick haben, dass man merkt, die momentane Hochschulreform oder auch die Auswirkungen, die sich durch die Föderalismusreform jetzt gerade für die Hochschulen ergeben, das ist der falsche Weg. Und da müssen auch wir als Studierende aktiv werden, um zu zeigen, dass eben wir erkennen, dass dort ein falscher Umbruch passiert und dass wir dagegen sind. Aber ich glaube, das erste Ziel oder die erste Möglichkeit, überhaupt Studierende dafür zu bekommen, ist über diese Schiene der persönlichen Betroffenheit, indem sie beispielsweise Studiengebühren bezahlen müssen. Und selbst das klappt viel zu wenig in den letzten Jahren.

Biesler: Könnte ein Grund auch sein, dass es eigentlich gar nicht die Hoffnung gibt, dass man die eigenen Interessen irgendwo durchsetzen kann, außer dann durch vielleicht politische Zufälle?

Hillebrand: Ja, selbstverständlich. Man sieht das ja, wenn man mal wirklich sich betrachtet, wie viel Einflussmöglichkeit Studierende haben in Gremien der Hochschule oder auch auf Landes- und Bundesebene. Wen interessiert das denn eigentlich, wenn ein AStA oder wenn der fzs sagt, wir haben diese und jene Position? Natürlich werden wir gehört, aber der Bundestag richtet sich jetzt noch nicht sofort danach. Wenn ich allein so die Gremien in der Hochschule betrachte, wenn wir da auf einen Weg kämen, dass Studierende in einer Drittel- oder Viertelparität wenigstens in den wichtigen akademischen Gremien beteiligt werden oder dass eben stärkerer Wert auf die Aussage eines AStAs gelegt wird, dann glaube ich, würden sich auch mehr Studierende engagieren, weil sie einfach merken, dass man da etwas tun kann. Aber solange es so aussieht oder wenn es häufig so aussieht, dass Studierende sich engagieren und hinterher nichts Entscheidendes aufgenommen wird, ist das natürlich klar. Also da müsste auf jeden Fall eine Stärkung der studentischen Interessenvertretung und auch studentischer Mitbestimmung erfolgen, um eben auch Studierende wieder begeistern zu können.

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