Campus & Karriere 27.12.2019

Studium und DigitalisierungIngenieursausbildung in der KritikVon Dirk Groß-Langenhoff

Beitrag hören Studenten an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) Aachen verfolgen am Mittwoch (12.04.2006) eine Vorlesung im Fach Maschinenbau. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft und der Wissenschaftsrat haben im Rahmen der Exzellenzinitiative die RWTH Aachen auf ihre Liste der Elite-Unive. (Oliver Berg / dpa)Studenten an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) Aachen verfolgen eine Vorlesung im Fach Maschinenbau (Oliver Berg / dpa)

Die Ingenieursstudiengänge an deutschen Hochschulen seien veraltet und die Studenten im digitalen Bereich nicht besonders fit, kritisieren die Ingenieursverbände VDI und VDMA. Die Hochschulen versuchen auch, mit dem rasanten technologischen Wandel Schritt zu halten. Oft bremsen aber auch Kleinigkeiten.

"Ich bin jetzt hier draußen und habe quasi eine Grube und ein Brett vor mir. Und das scheint so ein bisschen alles unsicher zu sein. Und was dann halt die Aufgabe des Probanden ist, ist es dann halt sicher zu gestalten und die Gefahren zu erkennen."

Samed Bükrü steht nicht wirklich auf einer Baustelle. Der Student der angewandten Informatik befindet sich in einem fensterlosen Raum der Ruhr-Universität Bochum und hat eine VR-Brille auf dem Kopf. Damit bewegt er sich durch eine virtuelle Baustelle. In der Hand hat er einen umgebauten Winkelschleifer. Der hat zwar keine scharfe Trennscheibe, dafür aber jede Menge Sensoren, die die Bewegungen an den Computer übertragen. Neben ihm im VR-Labor steht Professor Markus König, Lehrstuhlinhaber für Informatik im Bauwesen. Fester Bestandteil des Lehrplans sei die virtuelle Realität allerdings noch nicht, sagt der Professor.

Üben an der virtuellen Baustelle

"Wir bringen auch eigentlich alle Studierende ganz am Anfang des Studiums, also in der Einführungswoche, einmal hier in dieses VR-Labor, um einfach mal zu zeigen, was gibt es so, um auch so das Interesse zu wecken. Jetzt ist es nicht so, dass wir das permanent in einer Lehrveranstaltung haben. Aber man hat schon eben in den ein oder anderen Kursen, die man dann wählen kann - wir machen so einen Kurs zur geometrischen Modellierung auch für Bau-Ingenieure, angewandte Informatiker, da sind auch die Maschinenbauer mit dabei, die dann so lernen, wie man 3D-Modelle aufbaut, wie man das gestaltet. Und dann kommen die auch mal für ein oder zwei Veranstaltungen mal in diesen Raum."

Auf der virtuellen Baustelle lauern jede Menge Gefahren. Die beginnen schon beim Überqueren der Baugrube. Es fehlen Geländer und Abzäunungen. Am Ende soll der Proband eine Gasleitung mit dem Winkelschleifer bearbeiten. Samed Bükrü führt vor, was passiert, wenn man dabei einen Fehler macht.

"Und zwar befindet sich hier noch Gas in den Leitungen. Und was die Person eigentlich machen sollte, ist die richtigen Leitungen zuzumachen, die Ventile zuzudrehen. Wenn man das dann nicht macht …(lauter Knall) gibt es dann halt die entsprechende Explosion als Resultat dann quasi."

VDI hält Studiengänge für zu antiquiert 

Eine Art Explosion hat auch der Verein Deutscher Ingenieure in der Hochschullandschaft ausgelöst, als er im Frühjahr die Studiengänge als zu antiquiert kritisiert hat. Und seitdem geht die Diskussion um die Reformbedürftigkeit weiter. Der VDMA hat erst kürzlich von der "digitalen Unfitness" gesprochen. So ein VR-Labor sei zwar ein Schritt in die richtige Richtung, sagt VDI-Direktor Ralph Appel. Doch so lange die Curricula noch die alten seien und solche Projekte auf Freiwilligkeit beruhten, werde sich nicht viel ändern. Appel richtet deswegen drei Forderungen an Hochschulen und Politik.

"Wo es hapert, und das hören wir auch von ganz vielen Hochschullehrern, ist Zeit, also Ressourcen zur Weiterentwicklung der Lehrpläne, also der Curricula. Und deshalb ist unsere Forderung, dass wir hier mehr Ressourcen zur Verfügung gestellt bekommen, sodass die Hochschulen ganz praktisch gesprochen, Zeit haben um die Lehrpläne weiter zu entwickeln. Der zweite Punkt, der sich aus unserer Analyse ergibt, ist dass die Themen der digitalen Transformation zu einem Pflichtbestandteil des Studiengangs werden müssen."

Künstliche Intelligenz wird den ganzen Ingenieur-Bereich umkrempeln

Und die dritte Forderung des VDI: Die Hochschulen sollten sich besser mit der Industrie verzahnen und schauen, welche Fähigkeiten in der Praxis gebraucht würden. Professor König von der Ruhr-Uni in Bochum kann die Kritik nachvollziehen, gibt allerdings zu bedenken, dass eine Universität nicht immer gleich jedem Trend hinterherrennen könne. Denn eine Akkreditierung von neuen Lehrplänen findet nur alle fünf Jahr statt. Trotzdem bemühen sich gerade junge Professoren wie Markus König, Innovationen mit in den Unterricht einzubinden.

"Das ganze Machine-Learning, Künstliche Intelligenz - das wird, glaube ich, den ganzen Ingenieur-Bereich total umkrempeln. Da versuchen wir jetzt, das in verschiedenen Studiengängen das schon reinzubringen. In so einen Spezialstudiengang Computation Engineering, da haben wir jetzt die ersten KI-Veranstaltungen mit reingebracht, die man wählen kann. Ich hoffe mal, dass wir das in den Standard-Bauingenieur auch ein bisschen mit integrieren können."

Doch das brauche alles seine Zeit, sagt der Professor. Zeit, die Henrike Schülke nicht mehr hat. Die Bauingenieurin sitzt gerade an ihrer Masterarbeit. Auf die Frage, ob sie sich ausreichend auf das Berufsleben in der Industrie vorbereitet fühlt, antwortet sie diplomatisch.

"Geht so! Also, man muss immer noch beachten: Wir sind halt an einer Universität und es ist ja nicht so, dass man hier mit perfekter Berufsvorbereitung rausgeht, sondern bekommt das Grundwerkzeug an die Hand und muss dann gucken, in welchen - ja, in welchen Betrieb man geht. In welche Richtung man sich vertiefen möchte. Es ist ja nicht so, dass wir hier eine Berufsausbildung bekommen."

Mittel für technische Ausstattung fehlen

Doch genau diesen Anspruch habe die Ruhr-Universität sagt dagegen jemand, der es wissen muss. Andreas Ostendorf ist als Pro-Rektor Teil der Hochschulleitung und selbst Ingenieur.

"Ich glaube schon, dass es Aufgabe auch der Hochschulen ist, Ingenieure und auch Naturwissenschaftler und andere Studierende so auszubilden, dass sie auch auf dem Arbeitsmarkt gut Fuß fassen können und gut vorbereitet sind. Wenn das nicht der Fall ist, dann müssen wir dort noch mehr tun."

Man sei dabei bereits auf einem guten Weg, aber eben noch nicht am Ziel, sagt Ostendorf. Das werde noch ein bis zwei Jahre dauern. Eine Idee ist dabei, die Digitalisierung von Studienbeginn an zu integrieren.

"Genau wie jeder die Grundlagen der Physik und die Grundlagen der Chemie lernen muss, muss man auch von Beginn eigentlich informationstechnische Grundlagen vermitteln. Und das muss auch nicht nur ein Semester, sondern das muss gleich drei oder vier Semester lang sein."

Die Pläne klingen gut, doch wie immer liegt die Tücke im Detail. Teilweise fehlen die Mittel für teure technische Ausstattungen, manchmal sogar für Dinge, die man eigentlich für selbstverständlich an einer Hochschule halten würde.

"Also, wir haben, ganz banal gesagt, noch hier an vielen Stellen auf dem Campus zu langsame Internetverbindungen. Was die Infrastruktur angeht, könnte man noch sehr viel mehr tun und da sind unsere Studierenden noch nicht up to date."

Und mit solchen oder ähnlichen Problemen hat nicht nur die Ruhr-Universität in Bochum zu kämpfen. Die Kritik des VDI ist auf jeden Fall in der Hochschullandschaft angekommen. Doch bis die Forderungen umgesetzt werden können, wird es noch eine zeitlang dauern.

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