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StartseiteKultur heuteStück über Supernerd mit Starruhm16.08.2012

Stück über Supernerd mit Starruhm

Werkstattporträt über die Dramatikerin Angela Richter

Der Wikileaksgründer Julian Assange erhält von Ecuador politisches Asyl, darüber ist ein Streit entbrannt. Und für die Dramatikerin Angela Richter ist die Person Assange der "Supernerd" in ihrem nächsten Stück - dafür hat sie mit ihm bereits stundenlange Interviews geführt.

Von Verena Herb

WikiLeaks-Gründer Julian Assange (picture alliance / dpa / Facundo Arrizabalaga)
WikiLeaks-Gründer Julian Assange (picture alliance / dpa / Facundo Arrizabalaga)
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Ein roter Teppich auf weißer Marmortreppe säumt den Eingang des alten Jugendstilgebäudes im West-Berliner Stadtteil Wilmersdorf. "Richter – ganz nach oben", sagt der Mann, der vis à vis des Aufzugs hinter einem Computerbildschirm aufpasst, wer ins Haus kommt. Mit dem Fahrstuhl geht es hoch zum Dachgeschoss. Die Wohnungstür steht schon offen und Angela Richter empfängt den Gast freundlich, locker und leger gekleidet in schwarzer Bluse und Jeanslatzhose. Die halblangen Haare zu einem Zopf zusammengebunden. Schon während wir in die Bibliothek gehen, erzählt sie, woran sie gerade arbeitet.

"Im Augenblick arbeite ich an einem Projekt über WikiLeaks und Julian Assange. Also ich recherchiere daran schon seit einem Jahr."

Das Projekt soll im September auf Kampnagel in Hamburg auf die Bühne gebracht werden – die Frau des Malers Daniel Richter ist Theaterregisseurin. Ursprünglich wollte die in Kroatien geborene Künstlerin ein Stück über Supernerds schreiben, eben jene Sonderlinge, deren soziale Inkompetenz durch Intelligenz, Fachwissen – meist Computerfähigkeiten - ausgeglichen wird. Ein Supernerd, so Richter, ist ein Sonderling und Fachidiot, aber er bringt es zu Starruhm. Julian Assange, der Gründer von Wikileaks, ist demnach ein Supernerd wie er in Richters Buche steht. Und so beginnt sie zu recherchieren vor über zwölf Monaten: Versucht, über Transparency International Kontakt zum "Staatsfeind" Assange herzustellen. Und bekommt dann durch Zufall mit, dass WikiLeaks aus Geldgründen ein konspiratives Mittagessen mit dem Australier versteigert. Sie hat Glück – ersteigert den letzten von acht Plätzen für umgerechnet 1600 Euro und fliegt nach London. Sie filmt das Essen mit Julian Assange, an dem auch der slowenische Philosoph Slavoy Zizek teilnimmt:

"So bleibt dann die Kamera stehen für den Rest des Essens. Das sind ungefähr zwei Stunden, wo ein Standbild ist. Und die beiden reden und reden – und das ist eigentlich ganz gut."

Angela Richter schreibt über dieses Zusammenessen in London einen Artikel für den Spiegel.

"Und für mich war eigentlich auch schon der Artikel im Spiegel Teil des Probenprozesses. Also, für mich war der erste Probentag, als ich auf diesem Essen saß."

Kaum hat sie Assange persönlich kennengelernt, ist kein Platz mehr für weitere Supernerds in ihrem Projekt. Der weißblonde Australier mit der blassen Haut wird zum Singular-Protagonisten:

"Er selbst als Figur ist für mich fast wie eine griechische Cassandra. Er ist jemand, der zunächst in der Gunst der Presse und der Öffentlichkeit nach oben gespült wird. Man verliebt sich in ihn und schenkt ihm seine Liebe. Er ist ja wie eine Art Prophet gewesen in dem Moment. Wie Apollo Cassandra eben auch zur Prophetin macht. Und dann wurde die Liebe aber nicht, wie erwartet, erwidert. Das könnte man eben auch bei Julian Assange sagen: Dass er sich nicht unbedingt so benommen hat, wie erwartet wurde. Daraufhin wurde er abgestraft und ähnlich wie Cassandra kann er sagen, was er will: Es wird ihm nicht mehr geglaubt."

Am 19. Juni war der WikiLeaks-Gründer in die ecuadorianische Botschaft in London geflüchtet, um dort politisches Asyl zu beantragen. Damit will er sich einer Auslieferung nach Schweden entziehen, wo er zu Vergewaltigungsvorwürfen befragt werden soll. Noch in dieser Woche will Ecuador über seinen Antrag entscheiden. Existentielle Zeiten für Julian Assange, an denen Angela Richter in den vergangenen Wochen hautnah hat teilnehmen können. Regelmäßig hat sie sich mit ihm getroffen, zuletzt noch telefoniert. Das ist der Stoff, aus dem ihre Geschichte ist. Worüber man redet? Richter stellt Fragen – 150 standen zu Beginn auf ihrer Liste.

"Also, das sind die alle. Das sind ganz unterschiedliche Fragen. Nature or Technology? Safety or Adventure? Is the internet infinite? Oder auch zu seiner privaten Situation. Was sein letzter Traum war, zum Beispiel. Ob er in drei Worten erklären kann, was WikiLeaks ist. Und auch zu seiner jetzigen Situation."

Angela Richter zeichnet die Gespräche, die in der Regel mehrere Stunden dauern, auf. Die 40-Jährige lässt hineinhören:

"Normalerweise wäre ich, glaube ich, gehemmter, etwas vorzuspielen von irgendjemandem, mit dem ich zusammenarbeite. Aber da Julian Assange ja für Total Transparency steht, kann man ja in diesem Fall eine Ausnahme machen."

Hi, Angela. I warn you Angela, I´m in a very bad mood... Today an article appeared in the Guardian with my US lawers ...

"Er wird jetzt sehr ausführlich erzählen, warum er schlechte Laune hat. Das hat drei Gründe: Der erste Grund ist eben, wie in verschiedenen Zeitungen Statements seines amerikanischen Anwalts falsch zitiert worden sind einfach durch Auslassungen. Und das macht er sehr ausführlich: Und ich muss sagen, dass er mit allem sehr ausführlich ist. Deswegen sind von den 150 Fragen auch erst nur 15 beantwortet worden in 4,5 Stunden fast."

Angela Richter will das Phänomen, den Fall, die Person Julian Assange auf die Bühne bringen: Mithilfe des Materials – dem Videofilm, den Telefonaufzeichnungen sowie Sekundärartikeln-, die über ihn geschrieben wurden. Entsprechend wird die Vorführung auf Kampnagel eine Mischung aus Performance, Schauspiel und Theater sein.

"Also, im Grunde stehe ich jetzt vor der Aufgabe, das gesamte Material was ich habe und meine ganz subjektive Sichtweise auf das ganze Problem zusammenzufügen mit dem Material, was allgemein erhältlich ist. Und das irgendwie auf der Bühne sinnlich erfahrbar zu machen. Und das mache ich mit Hilfe von Musikern, Dramaturgen und Schauspielern. Und wir werden eigentlich auch alle auf der Bühne sein."

Im Gespräch merkt man: Die zierliche Frau ist schon jetzt vollkommen absorbiert von ihrem Projekt. Für sie sei es notwendig, in eine Art Flow zu geraten.

"Und in so eine Welt reinkommen, die auch so Fantasien für mich eröffnet. Und das ist ein schmerzhafter Prozess. Wenn das nicht passiert, dann kann es eben sein, dass ich komplett versage. Und das ist so die Gefahr. Deshalb muss ich dem so nachgeben, im Grunde für ein paar Wochen asozial zu werden."

Das mache ihr manchmal auch das Familienleben so schwer, gibt sie freimütig zu. Besonders zum Ende der Probenzeit hin. Die letzten Wochen sei sie für nichts anderes mehr ansprechbar – es geht allein um das Projekt. Fragt man Angela Richter, welche Umgebung sie braucht, um gut arbeiten zu können, antwortet sie: nichts Zwanghaftes, nichts Festgelegtes, keine Routine. Routine tötet jede Kreativität:

"Es geht manchmal sogar, wenn ich arbeite, damit los, dass es mich verrückt macht, dass ich, wenn ich wach werde, morgens auf Toilette muss. Das ist ja sowas, was man fast nicht vermeiden kann. Also stehe ich morgens auf. Und manchmal gehe ich dann auf allen Vieren auf die Toilette. Oder ich gehe rückwärts laufend auf die Toilette, damit ich nicht schon in so einen Automatikmodus reinverfalle."

Entsprechend flexibel wird auch das Stück auf der Bühne sein: Sie hasst Theaterabende, denen sie ansehe, dass die schon dreißig Mal genau so stattgefunden haben.

"Da überfällt mich so eine Art Zombietum. Das kann ich nur schwer ertragen. Deshalb versuche ich bei meinen eigenen Theaterstücken, immer so eine Variabilität drin zu haben. Aber da mir natürlich der Inhalt wichtig ist, muss es jedesmal so sein, dass einerseits die gleiche Aussage, der gleiche Inhalt ist. Gleichzeitig gibt es einen gewissen Raum an Beweglichkeit in diesem festgesetzten Rahmen. Der jedes Mal bitte ein bisschen anders sein soll, damit irgendwie das Lebendige erhalten bleibt."

Das Material hat Angela Richter nun fast zusammen. Stundenlange Telefonate, transkribiert und ausgewertet, das Video vom "Lunch mit dem Staatsfeind". Eine Menge Zeug, wie sie sagt. Jetzt wird sie entscheiden, welche Teile mit Schauspielern umgesetzt werden und welche Teile im Original eingespielt werden.

"Das wird es beides geben. Wir werden natürlich auch ein bisschen damit spielen, den Leuten etwas vorzusetzen, von dem sie gar nicht wissen: Ist das echt, oder nicht? Also dieses Thema mit Wikileaks bietet sehr viele Möglichkeiten, eben mit Wahrnehmung zu spielen. Wann lügen die Leute auf der Bühne? Und wann ist das Material authentisch? Und auf was kann man sich eigentlich verlassen?"

Diese Zusammenstellung, sagt sie, das ist die eigentliche Inszenierung.

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