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StartseiteForschung aktuell"Das ist ein sehr partizipatives Verfahren"28.09.2020

Suche nach Endlager für Atommüll"Das ist ein sehr partizipatives Verfahren"

54 Prozent der Fläche Deutschlands kommen nach einem Bericht der Bundesgesellschaft für Endlagerung aus geologischer Sicht als Endlager für Atommüll in Frage. Nun müsse man die Flächen auf weitere Kriterien überprüfen, sagte Geschäftsführer Steffen Kanitz im Dlf. Dabei sei auch Bürgerbeteiligung erwünscht.

Steffen Kanitz im Gespräch mit Uli Blumenthal

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Die Karte zeigt die Flächen, die nach rein geologischen Kriterien als Endlager in Frage kommen. Eingefärbt sind sie nach der Art des Gesteins. (Bundesgesellschaft für Endlagerung)
Die Karte zeigt die Flächen, die nach rein geologischen Kriterien als Endlager in Frage kommen. Eingefärbt sind sie nach der Art des Gesteins. (Bundesgesellschaft für Endlagerung)
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2017 haben Regierung und Opposition beschlossen, die schwierige Suche nach einem Ort für ein Endlager für Atommüll nochmal von vorne zu starten. Seitdem wird bundesweit und ergebnisoffen gesucht. Am Montag (28.09.) hat die Bundesgesellschaft für Endlagerung einen Zwischenbericht zur Suche nach einem Standort veröffentlicht. Wir haben mit Steffen Kanitz, dem Geschäftsführer der Gesellschaft gesprochen.

Uli Blumenthal: Herr Kanitz, welche Gebiete kommen in Deutschland für ein Endlager infrage und welche nicht?

Steffen Kanitz: Grundsätzlich haben wir erst mal sehr viele Gebiete identifiziert, insgesamt 90 Teilgebiete, die zusammengenommen 54 Prozent der Bundesfläche ausmachen. Das zeigt schon sehr deutlich, ein Teilgebiet ist längst noch kein Endlagerstandort, sondern ein Teilgebiet zeigt uns aufgrund der vorhandenen Daten an, dass es dort geologische Formationen gibt, die wir mal näher untersuchen sollten. Und das ist die Aussage, die wir heute auch tätigen.

Steffen Kanitz bei einem Interview (imago images / Oliver Schaper)Steffen Kanitz, Mitglied der Geschäftsführung der Bundesgesellschaft für Endlagerung BGE (imago images / Oliver Schaper)

Blumenthal: Nach welchen Kriterien sind Sie bei dieser Studie vorgegangen, um diese Regionen oder Gebiete auszuwählen oder zu identifizieren?

Kanitz: Der Gesetzgeber hat, nachdem eine wissenschaftliche Kommission getagt hat und die Kriterien empfohlen hat, uns auch Kriterien mit auf den Weg gegeben, die wir eins zu eins abgearbeitet haben. In einem ersten Schritt haben wir festgestellt anhand von sogenannten Ausschlusskriterien, wo wir Regionen haben, die sich gar nicht für die Endlagerung eignen. Das sind Regionen, in denen es beispielsweise Vulkanismus, Erdbeben gibt oder alte Bergwerke oder Bohrungen, die potenziell die Barriere, die geologische Barriere hätten schädigen können.

Die dort übrig gebliebenen Gebiete haben wir näher untersucht und geschaut anhand von den Daten, die ja schon zur Verfügung gestellt worden sind von den Ländern, wo sogenannte Mindestanforderungen eingehalten werden. Mindestanforderungen sind mindestens 100 Meter Mächtigkeit, mindestens 300 Meter unter Geländeoberkante und ausreichend groß und ausreichend dicht, um dort ein Endlager beherbergen zu können. Nach diesen Mindestanforderungen haben wir dann geschaut, welche der übrig gebliebenen sogenannten identifizierten Gebiete im Rahmen einer geowissenschaftlichen Abwägung günstig sind, und das Ergebnis sind die Teilgebiete.

Blumenthal: Was heißt jetzt nach einer geowissenschaftlichen Abwägung günstig sind – also was heißt grundsätzlich als Atommüllendlager geeignet?

Kanitz: Das heißt erst einmal, dass die Datenlage uns anzeigt, dass wir hier Wirtsgesteinsvorkommen haben, die mindestens 100 Meter mächtig sind und mindestens 300 Meter unter der Geländeoberkante liegen, die im Rahmen einer Abwägung anhand von Kriterien, beispielsweise wie Temperaturempfindlichkeit, wie Hydrogeologie, aber auch Hydrochemie, anhand von Kriterien wie Deckgebirge, also Kriterien, die die Robustheit des sicheren Einschlusses zeigen, nach diesen Kriterien potenziell untersuchungswürdig erscheinen. Das heißt also, das ist noch kein Endlagerstandort, sondern wir haben auf Basis von Daten, die nicht wir selber erhoben haben, sondern die uns die Landesämter zur Verfügung gestellt haben – das sind Daten, die aus der rohstoffgewinnenden Industrie stammen beispielsweise –, diese Auswertung, diese erste Auswertung vorgenommen.

"Haben uns rein auf geologische Kriterien fokussiert"

Blumenthal: Gibt es auch nicht geologische Kriterien, die bei Ihrer Auswahl mit eine Rolle gespielt haben?

Kanitz: In diesem frühen Stadium nicht. In diesem frühen Stadium haben wir uns rein auf geologische Kriterien fokussiert, so sieht es das Gesetz auch vor, und die sogenannten planungswissenschaftlichen Abwägungskriterien, also alle Kriterien, die an der Oberfläche stattfinden, die werden in einem nächsten Schritt angewendet. Das sind Kriterien wie beispielsweise die Siedlungsdichte, die jetzt noch keine Rolle gespielt hat. Deswegen haben wir auch Teilgebiete ausgewiesen unter großen Städten, wie beispielsweise das Vorhandensein von Naturschutzgebieten oder von Überschwemmungsgebieten. All diese Kriterien kommen hinterher zu Anwendung, aber gestuft nur unter geologisch sonst gleichen Bedingungen. Das heißt also, ein Endlager muss erst einmal die geologische Hürde überspringen, und dann können in der Abwägung und im Vergleich auch planungswissenschaftliche Kriterien eine Rolle spielen.

Blumenthal: Bei der Suche nach einem atomaren Endlager heißt es nun zurück auf Anfang, das heißt, man geht bei der Suche quasi von einer Art weißen Landkarte aus. Wie geht es weiter?

Kanitz: Genau, man ging von einer weißen Landkarte aus, die sich ja heute jetzt deutlich eingefärbt hat. Das, was jetzt im Nachgang folgt in mehreren Phasen, ist im Prinzip, einen Vorschlag zu erarbeiten für die Standortregionen, die übertägig erkundet werden. Übertägige Erkundung heißt, wir bohren von oben, und mit Seismik, also Ultraschall- oder Schallmessung, bekommen wir einen Hinweis über die geologische Situation des Gebirges. Das ist dann die Phase zwei, und die Phase drei ist die unterirdische Erkundung, wo wir dann tatsächlich auch Bergwerke auffahren und die geologische Situation vor Ort näher untersuchen. Das Ganze soll 2031 abgeschlossen sein mit einem Vorschlag, den wir dann präsentieren, der durch die Rechtsaufsicht geprüft wird und im Anschluss dem Bundesgesetzgeber zur Entscheidung vorgelegt wird.

Luftaufnahme mit einer Drohne atomaren Zwischenlager Gorleben in Niedersachsen (picture alliance / dpa / Sina Schuldt) (picture alliance / dpa / Sina Schuldt)Die Standortsuche für radioaktiven Abfall
2022 gehen die letzten deutschen Atommeiler vom Netz. Doch an welchen Standorten kommt ein Endlager für hochradioaktiven Atommüll infrage? Eine erfolgreiche Suche scheint fast unmöglich.

Blumenthal: Wenn man sich die Vergangenheit bei der Suche nach einem atomaren Endlager vorstellt, muss man sich jetzt schon fragen, 90 Gebiete in Deutschland, die günstige geologische Voraussetzungen für ein solches Endlager haben, wie will man da technisch vorgehen. Will man wirklich 90 Mal exakt die gleichen Untersuchungen, Tiefenbohrungen und, und, und machen?

Kanitz: Nein, das will man nicht. Die Tiefenbohrungen kommen erst in der nächsten Phase. Das, was jetzt im Schritt zwei der ersten Phase folgt, ist noch ein Aktenstudium, das heißt, die Eingrenzung erfolgt auf Basis der Daten. Wir werden die Daten, die wir haben, detaillierter auswerten, wir werden insbesondere untersuchen, an welchen Stellen der Teilgebiete wir besonders gute Situationen haben, an denen wir ein Endlager potenziell realisieren können. Es geht dann in dem nächsten Schritt schon um die Frage, wo in dem Teilgebiet wir die Langzeitsicherheit, aber auch die Betriebssicherheit am besten gewährleisten können. Diese Eingrenzung, das sind dann die Standortregionen, das heißt, wir werden deutlich weniger und deutlich kleinere Standortregionen bekommen, die wir dann zu obertägigen Erkundungen vorschlagen.

Blumenthal: Wie ist das weitere Vorgehen bei der Eingrenzung des – wie Sie es formulieren – Suchraums von Teilgebieten zu Standortregionen? Wie muss man sich das als wahrscheinlich so eine Art iterativen Prozess vorstellen?

Kanitz: Ja, das ist richtig, das ist auch eine Art iterativer Prozess, indem man in den Teilgebieten untersucht, wo die geologische Situation besser ist. Beispielsweise im Norden eines Teilgebietes hat man vielleicht eine besonders gute Situation auf Basis der Daten, die ausreichend groß ist, um dort ein Endlager zu realisieren. Es geht bei den vorläufigen repräsentativen Sicherheitsuntersuchungen im Prinzip darum, dass man schon mal nachschaut und überprüft, ob man dort ein Endlager errichten könnte, das den Langzeitsicherheitskriterien entspricht. Gleichzeitig wird berücksichtigt, ob es ein Endlager geben könnte, wo auch die Betriebssicherheit während des Betriebes sichergestellt werden kann. Der Betrieb des Endlagers wird etwa 40 Jahre dauern, deswegen ist die Betriebssicherheit auch eine ganz relevante Kenngröße, die im nächsten Schritt überprüft wird.

"In allen drei Wirtsgesteinen sichere Endlager realisierbar"

Blumenthal: Salzstock, Tonschicht oder Granit – gibt es Präferenzen für die eine oder andere geologische Situation und damit möglicherweise auch schon so eine Art Vorfestlegung für einen Standort?

Kanitz: Nein, die gibt es nicht. Unsere Nachbarn zeigen, dass grundsätzlich in allen drei Wirtsgesteinen sichere Endlager realisiert werden können. Die Schweden und die Finnen haben sich für das Wirtsgestein Kristallin entschieden, mangels Alternative, und haben dort einen Standort gefunden in einer geologischen Situation, die sich seit 140 Millionen Jahren nicht verändert hat. Insofern besteht dort eine gute Chance, dass es eben auch die nächste eine Million Jahre so bleibt, wie es ist. Der Vorteil des kristallinen Wirtsgesteins ist, dass es nicht wasserlöslich ist, dass es sehr stabil ist, aber der Nachteil ist, dass es gleichzeitig zu klüftig sein kann. Im Ton haben wir den großen Vorteil, dass es sehr dicht ist, eine abdichtende Barriere gegen Grundwasser führende Schichten darstellt, aber gleichzeitig temperaturanfällig und insofern die guten absorbierenden Eigenschaften des Tons dann verloren gehen. Bei Salz ist der Vorteil, es ist plastisch, es umschließt die Abfälle, wenn sie warm sind, es hat den Nachteil, dass es wasserlöslich ist. Das heißt, es hängt immer vom Endlagersystem, vom Endlagerkonzept ab, dass Sie wählen. Grundsätzlich können Sie in jedem der drei Wirtsgesteine ein langzeitsicheres Endlager errichten.

Blumenthal: Hubert Aiwanger von den Freien Wählern hat heute Morgen im Deutschlandfunk gesagt, "ich glaube, dass am Ende die Wissenschaft wieder politischen Kriterien ausgesetzt ist" – also doch alles nicht so wissenschaftlich und so geowissenschaftlich begründet?

Kanitz: Das Verfahren sieht ja eine klare Rollentrennung vor, die lautet: Es gibt eine Vorhabenträgerin, die wissenschaftsbasiert arbeitet und auf Basis von vorher definierten Kriterien eine Entscheidungsgrundlage liefert, die möglichst objektiv ist, und darüber hat dann die Politik zu befinden. Und diese Rollentrennung, glaube ich, ist gut, wenn wir uns alle gemeinsam daran halten.

Drei schwarze Atommüll-Fässer, wobei eines im Vordergrund in der Mitte scharf abgebildet ist, im Hintergrund zwei weitere Fässer unscharf. (imago stock&people / imagebroker) (imago stock&people / imagebroker)Aiwanger - "Jedes Bundesland wird sagen, ich bin ungeeignet"
"Am Ende ist auch die Wissenschaft politischen Kriterien ausgesetzt", sagte Hubert Aiwanger, stellvertretender Ministerpräsident in Bayern, über die Suche nach einem Atommüll-Endlager.

Blumenthal: Welche Fehler aus der ersten Phase der Suche nach einem atomaren Endlager sollten wir nicht wiederholen?

Kanitz: Das gesamte Standortauswahlverfahren ist ja ein Verfahren, das aus den Fehlern der Vergangenheit lernt. Das ist ein sehr partizipatives Verfahren, das erstens die Kriterien von Anfang an festlegt, für alle offensichtlich nachvollziehbar macht, und das zweitens eine transparente Bürgerbeteiligung ermöglicht. Das ist der Grund, warum dieser Zwischenbericht zu einem Zeitpunkt vorgelegt wurde, zu dem noch keine Fakten geschaffen worden sind.

Blumenthal: Im Oktober soll es jetzt eine zweitägige Onlinekonferenz zum Thema Standortsuche für ein Endlager geben. Was passiert da im Oktober?

Kanitz: Im Oktober präsentieren wir den Bericht noch mal im Detail und stellen uns den Fragen der Öffentlichkeit. Die Fachkonferenz Teilgebiete wird dann im Anschluss dreimal tagen und uns einen Bericht übergeben, den wir im Anschluss auch zu berücksichtigen und umzusetzen haben. Das ist eben eine Form des selbsthinterfragenden Systems und des partizipativen Verfahrens.

Blumenthal: Wann werden wir Ihrer Meinung nach in Deutschland tatsächlich ein Endlager haben?

Kanitz: 2031.

Blumenthal: Und halten Sie ein Scheitern bei der Endlagersuche für möglich?

Kanitz: Ein Scheitern ist grundsätzlich immer möglich, ich glaube aber, dass die Grundlage geliefert ist, jetzt auch Vertrauensbildung zu vollziehen und die Menschen an diesem Verfahren teilhaben zu lassen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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