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StartseiteEine WeltPräsident droht Journalisten mit Mord31.10.2015

SüdsudanPräsident droht Journalisten mit Mord

Im Südsudan tobt ein brutaler militärischer Konflikt. Mehr als zwei Millionen Menschen sind vor der Gewalt geflüchtet, mindestens zehntausend wurden getötet. Auch Journalisten werden bedroht, verfolgt und umgebracht - trotzdem lassen sich nicht alle einschüchtern.

Von Bettina Rühl

Südsudans Präsident Salva Kiir. (AFP / Zacharias Abubeker)
Südsudans Präsident Salva Kiir. (AFP / Zacharias Abubeker)
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Ein Besuch bei dem Sender "Radio Bakhita" in Juba, der Hauptstadt des Südsudan. Die Redakteurinnen und Redakteure arbeiten alle gemeinsam an einem großen Tisch - mehr Platz gibt es nicht. Der Sender gehört zum katholischen Radionetzwerk, aber in den Programmen geht es nicht nur um Religion - ganz im Gegenteil.

Die Sendungen "Bits and pieces" oder "Wake up Juba" beschäftigen sich mit aktuellen Themen aus Gesellschaft und Politik. Tony Oliver moderiert die Frühsendung "Wake up Juba", er ist einer der Redakteure von Radio Bakhita.

"Ich packe die sehr kritischen, politischen Themen an. Das ist seit einiger Zeit ziemlich problematisch geworden, weil manche Leute im Südsudan die Rolle der Medien nicht begreifen. Sie fühlen sich von der Presse bedroht. Wir haben deshalb in den vergangenen Monaten einige Kollegen verloren. Im August wurde auch wieder einer getötet. Es ist also im Moment ein bisschen schwierig, als Journalist im Südsudan zu arbeiten."

Eine Untertreibung. Opfer des Mordes, von dem Tony Oliver spricht, wurde der Redakteur Moi Peter Julius. Der Zeitungsjournalist wurde in Juba auf offener Straße erschossen, die Kugel traf ihn gezielt in die Brust. Der Tote wurde nach Angaben seines Arbeitgebers nicht bestohlen, der Mord bislang nicht aufgeklärt. Nur wenige Tage vorher hatte Präsident Salva Kiir kritischen Journalisten kaum verholen mit dem Tod gedroht.

Am Flughafen von Juba war Präsident Kiir Mitte August vor die Presse getreten. Er reagierte damit auf die anhaltende Kritik von Menschenrechtsorganisationen und Medien. Es ging dabei um das harte Durchgreifen der Regierung gegen kritische Zeitungsverlage und Sender, um deren vorübergehende oder dauerhafte Schließung.

"Wenn man sie zumacht, beschweren sie sich immer darüber, dass es keine Meinungsfreiheit gibt. Aber Pressefreiheit bedeutet nicht, dass man gegen sein Land arbeitet. Sollten einige unter ihnen nicht wissen, dass dieses Land Menschen getötet hat - dann werden wir das eines Tages an ihnen demonstrieren."

Zeitungsjournalist starb durch eine Kugel

Kurz darauf starb Moi Peter Julius durch eine Kugel in sein Herz. Nach Angaben des "Komitees zum Schutz von Journalisten" ist er der Sechste allein in diesem Jahr. Pressevertreter werden immer öfter bedroht, verfolgt, verhaftet, getötet. Das kritisieren die Menschenrechtsorganisationen Amnesty International und Human Rights Watch in einem gemeinsamen Bericht, veröffentlicht bereits 2014.

Tony Oliver, der Redakteur von Bakhita Radio, lebt mit der alltäglichen Angst um sein Leben - und um seine Freiheit. Mitte September sei er fast verhaftet worden. Wegen eines Interviews:

"Nhial Bol, der Chefredakteur der Zeitung 'Citizen', hatte seinen Posten und den Journalismus aufgegeben. Er sagte zur Begründung, er sei mehrfach bedroht worden. Ich lud ihn als Gast in meine Frühsendung ein. Noch am selben Morgen rief die Staatssicherheit den Direktor unseres Senders an und stellte ihm ein paar Fragen. Warum wir Nhial Bol interviewt hätten? Warum wir uns als kirchlicher Sender mit Politik beschäftigen? Die Direktion von Radio Bakhita ist immer noch damit beschäftigt, diese Angelegenheit zu klären."

Nhial Bol war einer der erfahrensten und engagiertesten Journalisten im Südsudan:

"Nach etlichen Drohungen und mehreren Warnungen habe ich beschlossen, den Journalismus aufzugeben. Wobei ich mich über die Drohungen noch hinweg gesetzt hätte. Aber ich wusste nicht mehr, was ich in der Medienlandschaft überhaupt noch zu suchen hätte. Die Regierung hat die Presse zu einer Waffe im ethnischen Konflikt gemacht. Mit so einem Journalismus will ich nichts zu tun haben. In so einem Umfeld kann ich nicht mehr professionell arbeiten. Unser Beruf hat seine eigene Ethik. Jeder Bericht muss ausgewogen sein. Wenn ich nicht mehr beide Seiten eines Konfliktes darstellen darf, wie soll ich dann noch die Wahrheit berichten? Das ist der eigentliche Grund, warum ich aufgegeben habe."

"Ich wusste von Anfang an, worauf ich mich einlasse"

Nhial Bol gehört zur selben Ethnie wie Präsident Kiir. Das könnte ihm in vieler Hinsicht nutzen. Aber Nhial Bol verweigert sich der Logik des Tribalismus, der Rücksichtnahme auf Stammeszugehörigkeiten.

Genauso sieht das Tony Oliver, 29 Jahre alt und zu allem entschlossen.

"Das ist unser Land. Wir müssen die Wahrheit berichten und dürfen uns nur von der journalistischen Ethik leiten lassen. Eines Tages werde ich sowieso sterben, wir alle werden eines Tages sterben. Als ich in Khartum im Sudan Kommunikationswissenschaft studiert habe, hat unser Dozent uns immer wieder gewarnt: 'Wenn ihr nach dem Ende des Studiums zu arbeiten anfangt, werdet ihr vor vielen Problemen stehen. Ihr werdet bedroht werden, auch mit dem Tod.' Ich wusste also von Anfang an, worauf ich mich einlasse."

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