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StartseiteEuropa heuteVon Helden und politischen Fronten28.10.2019

SüdtirolVon Helden und politischen Fronten

Die Südtiroler sind stolz auf ihre Eigenständigkeit von Italien und ihre Nationalhelden Andreas Hofer. Doch die Wahlen vor einem Jahr haben den Landtag in Bozen aufgemischt: Die bürgerliche Partei der Südtiroler (SVP) muss sich mit der rechten Lega Nord arrangieren. Eine Zwangsehe mit Hindernissen.

Von Kirstin Hausen

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13.10.2018, Italien, Brixen: An einem Wahlkampfstand der rechtspopulistischen Partei Die Freiheitlichen werben Mitglieder der Partei um Stimmen. (dpa / Lena Klimkeit)
Die Lega Nord verzeichnete bei der Landtagswahl in Südtirol im Herbst 2018 große Gewinne (dpa / Lena Klimkeit)
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Die "Schützenkompagnie Andreas Hofer" im Passeiertal bei einer Gedenkveranstaltung für ihren Namensgeber. Andreas Hofer ist ihr Held, ein Freiheitsheld, der für Tirol gestorben ist. 1809 führte er als Schützenhauptmann den Aufstand der Tiroler gegen die bayerische und französische Besatzung an und wurde dafür auf Anordnung Napoleons in Mantua hingerichtet. Die Schützen tragen seine Tracht, mit Lederhosen, Wams und Lodenhut. Was anderswo als unterhaltsame Folklore oder bestenfalls als schützenswertes Brauchtum durchgeht, ist in Südtirol eine bitterernste Angelegenheit.

"Bei uns hier in Südtirol ist es ja so, dass die Schützen auch sehr politisch engagiert sind, im Unterschied zu Nordtirol, wo sie eine rein kulturelle Gruppierung sind und bei uns ist eben diese politische Dimension seit der Faschistenzeit sehr verankert", sagt Albin Pixner, der vor mehr als 20 Jahren ein Museum für Andreas Hofer ins Leben gerufen hat.

Dieser Beitrag gehört zur fünfteiligen Reportagereihe Wind von rechts in Südtirol.

Andreas Hofer, der Held aus dem Passeiertal

Es dokumentiert sein Leben und die geschichtlich-politischen Zusammenhänge. Allerdings heißt es heute offiziell Museum Passeiertal und soll auch die Kultur des Tals im Ganzen zeigen. Ausgestellt werden also nicht nur Helden, sondern auch Mistgabeln, Milchschemel und ein ganzer Heuschober.

"Mit so Gebäuden wie sie früher einen Hof ausgemacht haben, der ein bisschen Platz hatte. Das ist ein Haufenhof, den wir hier hergestellt haben, aus dem Tal. Dazu gehörte eine Mühle, hier ein Kornkasten, ein Bauernhaus mit Stall und Stadl, das war so ein kleiner, in sich geschlossener Hof, und die machen einen recht netten Eindruck in diesem Freigelände, das wir hier bestücken dürfen."

Hofer, Andreas Tiroler Freiheitskämpfer. 1767–1810. “Der Tiroler Landsturm”. (9. April 1809; Volkserhebung gegen die bayrische Herrschaft). Gemälde, 1819, von Joseph Anton Koch (1768–1839). Öl auf Holz, 56 × 74 cm. Innsbruck, Tirol. Landesmus. Ferdinandeum.  (picture alliance / akg-images)"Der Tiroler Landsturm im Jahre 1809" von Joseph Anton Koch (picture alliance / akg-images)

Albin Pixner ist ein drahtiger Mann mit grauem Schnauz. Er steht kurz vor der Pensionierung, aber das sieht man dem Deutsch- und Geschichtslehrer nicht an. Das Museum liegt ihm am Herzen. 20.000 Besucher kommen jährlich. Die meisten aus Deutschland und Österreich. Finanziert wird es zur Hälfte durch die Eintritte, zur Hälfte durch die drei Gemeinden des Passeiertals und das Land Südtirol. Getragen wird es von einem privatrechtlichen Verein, politisch ist es unabhängig, das ist dem Obmann wichtig. Politische Fronten gebe es in Südtirol schon genug.

"Das macht Südtirol aus, dass im Grunde eine Polarisierung in unserem Lande immer noch stattfindet, es also Leute gibt, die sagen, wir leben jetzt seit 70, 80 Jahren friedlich zusammen in den Volksgruppen und wir wollen die Sache mit dem Faschismus jetzt so langsam vergessen. Auf der anderen Seite gibt es bestimmte Kreise, die sagen: Nein, wir wollen Unrecht nicht vergessen, was uns 1919 durch die Annexion angetan wurde."

Eigenständigkeit Südtirols wird beschworen

Zu diesen Kreisen zählten und zählen auch die Schützen. "Und es hat sich in diesem Sinne nicht viel geändert, es gibt zwar einen neuen Schützenkommandant, der aber in die gleiche Richtung geht, ganz stark diese Eigenständigkeit Südtirols heraushebt, weg von Italien. Wir möchten entweder ein eigener Staat sein oder zurück zu Österreich. Das ist auch das Gehabe des italienischen Staates, das bringt diese Gemüter in Aufruhr."

Ein Beispiel: Die offizielle italienische Bezeichnung für Südtirol lautet "Alto Adige", auf deutsch "Obere Etsch". Die historisch-kulturelle Verbindung Südtirols zu Tirol kommt in diesem Begriff nicht vor. Den wenigsten deutschsprachigen Südtirolern gefällt der Begriff, er wird als künstlich empfunden, als ein Versuch, Südtirol ein für alle Mal von Tirol und damit einem Teil Österreichs zu trennen. Deutschsprachige Politiker des rechten Spektrums fordern, den Begriff abzuschaffen.

"Es geht eigentlich um Belangloses, was macht ein Name schon aus? Aber wir in Südtirol müssen uns natürlich auch in dieser Richtung wehren, dass man sich da nicht alles gefallen lässt."

Los von Rom - aber nicht auf die harte Tour

Immer auf der Hut vor Rom– ist das das Lebensgefühl der deutschsprachigen Bevölkerung Südtirols? "Ich bin eigentlich einer, der für das Zusammenleben eintritt. Wir müssen schauen, dass wir in diesem schönen Land doch mit einander auskommen, dass die Volksgruppen miteinander auskommen, dass man versucht, Kompromisse zu finden. Für mich ist die Idee der Europaregion eine sehr gute, weg von den Nationalstaaten hin zu den Regionen, die eine bestimmte Eigenständigkeit und Autonomie haben. Dieses Modell gefällt mir persönlich am besten."

Los von Rom – das wünscht sich also auch Albin Pixner. Nur eben nicht auf die harte Tour, sondern als Teil eines europaweiten Prozess. Diese Vision wird politisch von der Südtiroler Volkspartei repräsentiert, nur hat sie jetzt mit der Lega einen Partner in der Regierung, der sich programmatisch in eine ganz andere Richtung entwickelt, bemängelt Pixner.

"Diese Partei hat sich sehr stark gewandelt. Es ist nicht mehr die Lega Nord. Sie haben mit dem Thema Zuwanderung ja auch im Süden gepunktet und wollen jetzt eine gesamtstaatliche Partei werden, die eben auch sich in diese Richtung gewandelt hat, ganz stark zentralistisch zu werden." Kurz gesagt: "Ich würde denen sehr wenig trauen."

Und doch hat Albin Pixner persönlich gute Erfahrungen mit einem Vertreter der Lega gemacht. "Wir haben ja auch kleine Projekte mit dem Trentino entwickelt, mit dem museo storico, und da haben wir auch mit dem Landeshauptmann des Trentino zu tun, der ist auch ein Lega-Exponent, der ist aber anders orientiert, da blickt man nicht ganz durch. Auf jeden Fall sind das nicht die gleichen Paar Schuhe, wenn man Lega in den Provinzen hernimmt oder Lega im Zentralstaat."

Ein typisches Merkmal italienischer Politik. Und mit der müssen die Südtiroler wohl oder übel ihre Rechnung machen. Albin Pixner schaut auf die Uhr. Eine Führung durch das Museum steht jetzt auf dem Programm – mit 40 Bürgermeistern aus Bayern. Zum Thema Andreas Hofer, dem Helden aus dem Passeiertal.

"Die Passeier werden mit Andreas Hofer in dem Sinne identifiziert, dass es heißt, ihrs seids ja die Haudegen, ihr seids die Starken, ihr könnt auf den Tisch hauen und da zieht sich in der Geschichte bis heute herauf ein Wesensmerkmal der Passeier: harte Schale, weicher Kern."

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