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StartseiteForschung aktuellRessourcen knapper als gedacht04.12.2015

Süßwasser-StudieRessourcen knapper als gedacht

Etliche Studien versuchen, den zumindest annähernd genauen jährlichen Wasserverbrauch aller Menschen zu berechnen. Eine neue Untersuchung legt nun nahe, dass die Ergebnisse bisheriger Kalkulationen die realen Verhältnisse stark unterschreiten. Zudem wird allzu oft eine wichtige Komponente außer Acht gelassen.

Von Dagmar Röhrlich

Ein Person trinkt im Hochsommer Wasser aus einer Flasche. (dpa / picture alliance / Karl-Josef Hildenbrand)
Trinkwasser könnte in Zukunft noch knapper werden als bisher gedacht. (dpa / picture alliance / Karl-Josef Hildenbrand)
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Seit Jahrtausenden bauen Menschen Dämme und bewässern Land und beeinflussen so lokal und regional die Wasserbilanz. Es gibt bereits etliche Studien, die versuchen, aus diesen und anderen Nutzungen den globalen Süßwasserverbrauch der Menschheit zu bestimmen, sagt Fernando Jaramillo von der Universität Stockholm. Aber: Selbst die jüngsten Abschätzungen, die von internationalen Organisationen und für wissenschaftliche Veröffentlichungen diskutiert werden, stammen aus den Jahren 1997 und 98. Diese Abschätzungen sind also überholt.

Außerdem zeigten Messungen, dass das zugrunde liegende Zahlenwerk Schwächen hat:

"Wir wussten aufgrund früherer Untersuchungen, dass die Effekte der Bewässerung in der Landwirtschaft und des Baus von Dämmen regional deutlich höher sind als angenommen. Wir nahmen deshalb an, dass das auch für die globale Bilanz gilt."
Die vergessene Komponente

Der Grund: Bei den bisherigen Berechnungen des globalen Wasserverbrauchs sei eine wesentliche Komponente vernachlässigt worden, erklärt Georgia Destouni von der Universität Stockholm: die Evapotranspiration. Das ist der Beitrag, den die Verdunstung aus Boden- und Wasserflächen und die Transpiration der Pflanzen leisten, indem sie Wassers in die Atmosphäre verteilen. Um diese Lücke zu schließen, wählten die Forscher nicht den Weg über Modellrechnungen, sondern zogen frei verfügbare Messdaten heran:

"Wir betrachteten zunächst die Daten von etwa 2.000 Wassereinzugsgebieten rund um die Welt. Aber nur für 100 hatten wir komplette, weit zurückreichende Datensätze, die klimatische Faktoren wie Niederschlag und Temperaturen ebenso berücksichtigten wie die technischen Details von Bewässerungssystemen und Dämmen. Diese 100 Wassereinzugsgebiete bildeten die Grundlage unserer Berechnungen."

Schwierige Datenlage

Um den Einfluss von Dämmen und Bewässerung abschätzen zu können, mussten die Wissenschaftler andere Faktoren aus diesen Daten herausfiltern: die Folgen der Verstädterung etwa oder der unbewässerten Landwirtschaft. Das Ergebnis: In der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts stieg durch den Bau von Dämmen und Bewässerungsanlagen die Evapotranspiration deutlich an: Sie steigerte den Gesamtverbrauch der Menschheit um 18 Prozent:

"Wir schätzen damit den Fußabdruck durch Dammbau und Bewässerung insgesamt auf 3.563 Kubikkilometer pro Jahr ein. Wenn wir dann noch den Verbrauch von Industrie und Gemeinden oder der unbewässerten Landwirtschaft hinzunehmen, verbrauchen wir Menschen pro Jahr 4.370 Kubikkilometer. Damit liegen wir schon in diesen Bereichen oberhalb der planetaren Grenze, die anderen Analysen zufolge mit jährlich 4.000 Kubikkilometern angenommen wird."

Große Unsicherheiten

Jenseits dieser planetaren Grenze sind unumkehrbare Umweltveränderungen zu befürchten:

"Wir beeinträchtigen unser Süßwasser sehr viel stärker, als bislang angenommen und auf Wegen, die wir als kaum relevant eingestuft haben. Unsere Studie zeigt, wie groß unsere Unsicherheiten beim globalen Verbrauch sind. Wir wissen so viel weniger, als wir glauben, selbst bei einer so einfachen Sache wie Wasser."

Trotzdem werden immer mehr Messprogramme zugunsten von Modellrechnungen eingestellt. Eine fatale Entwicklung angesichts der heutigen Trinkwasserknappheit und der Aufgabe, bald zehn Milliarden Menschen mit sauberem Wasser versorgen zu müssen: Der wirkliche Verbrauch, so Georgia Destouni, müsse sehr viel besser abgeschätzt werden können als heute.

Mehr zur Studie finden Sie in der aktuellen Ausgabe des Magazins "Science".

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