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"Superspreader-Events"Massenveranstaltungen haben Corona-Infektionen offenbar kaum beeinflusst

Teilnehmer der Anti-Rassismus-Demonstration von Black Lives Matter in der Deutzer Werft in Köln (Imago/ Future Image/ C.Hardt)
Anti-Rassismus-Demonstration in Köln (Imago/ Future Image/ C.Hardt)

Tausende auf einer Party am Berliner Landwehrkanal mitten in der Coronakrise. Zehntausende bei Anti-Rassismus-Protesten in Hamburg, München und anderen Städten. Solche möglichen oder tatsächlichen "Superspreader-Events" haben für breite Diskussionen gesorgt und Ängste vor einem neuen Massenausbruch geschürt. Doch was ist - mit dem Abstand von ein bis zwei Monaten betrachtet - daraus geworden? Hörerinnen und Hörer haben danach gefragt. Wir haben uns bei den Behörden umgehört.

"Sehen die Befürchtungen massenhafter Verbreitung nicht bestätigt"

Am 16. Mai geriet Stuttgart in die Schlagzeilen, weil sich dort die größte Gruppe von Menschen versammelt hatte, um gegen die Corona-Maßnahmen der Bundesregierung zu demonstrieren. Im Nachhinein wurde auch darüber diskutiert, inwiefern solche Versammlungen verantwortungslos seien im Hinblick auf eine Verbreitung des Virus. Die Sprecherin der baden-württembergischen Landeshauptstadt, Jasmin Bühler, teilte nun auf Anfrage des Deutschlandfunks mit, wie sich das Demonstrationsgeschehen während der Corona-Krise bisher auf das Infektionsgeschehen ausgewirkt habe, lasse sich nicht mit Gewissheit sagen. Aber: Für die Stadt Stuttgart konnten die Behörden bislang keine ungewöhnliche Zunahme der offiziell gemeldeten Erkrankungsfälle feststellen, führte sie aus. Das Landesgesundheitsamt Baden-Württemberg bestätigte die Einschätzung. Es liegen keine Hinweise auf COVID-19-Erkrankungen oder Infektionsketten im Zusammenhang mit der Anti-Corona-Demo am 16. Mai 2020 in Stuttgart vor, heißt es.

Ähnlich ist die Lage in Hamburg. Dort hatte man es am 6. Juni mit breiten Protesten gegen Rassismus und Polizeigewalt zu tun, ausgelöst durch den gewaltsamen Tod von George Floyd in den USA. Die Sprecherin der Hamburger Sozialbehörde, Anja Segert, erklärte, angesichts der aktuellen Infektionszahlen in Hamburg mit überwiegend niedrigen einstelligen Neuinfektionen in den vergangenen Tagen "sehen wir die Befürchtungen einer massenhaften Verbreitung gegenwärtig nicht anhand dieses Ereignisses bestätigt". Der für Gesundheit zuständigen Behörde in der Hansestadt liegen nach eigenen Angaben keine näheren Erkenntnisse darüber vor, in welcher Weise sich das Ereignis auf die Entwicklung des Infektionsgeschehens ausgewirkt hat. Hamburg zieht aus seinen Erkenntnissen den Schluss, der verfassungsrechtlich gebotenen Versammlungsfreiheit so viel Raum wie möglich bieten zu wollen. Das heißt in dem Fall, dass seit dem 1. Juli eine aktualisierte Regelung in Kraft ist, die weitere Versammlungen zulässt, wie Segert erläutert, aber grundsätzlich und allgemein die Einhaltung des Abstandsgebotes und weitere Vorsichtsmaßnahmen fordert.

Auch München hat keine anderen Erkenntnisse: "Die Meldezahlen zeigen keine überdurchschnittliche Zunahme an Corona-Fällen in München nach der Anti-Rassismus-Demo am 6. Juni". Das bestätigte auch das Bayerische Staatsministerium für Gesundheit und Pflege. Bei der Betrachtung der bayernweiten Zahlen insgesamt lasse sich zunächst ohne weiteres kein signifikanter Anstieg der Fallzahlen in der Folge des besagten Events beobachten.

"Achtung: Das Virus ist immer noch da."

Sind die Ängste also übertrieben gewesen? Gingen die vielen Kommentare über die Verantwortungslosigkeit der Teilnehmerinnen und Teilnehmer damit ins Leere? Sowohl Stuttgart, Hamburg als auch München betonen, dass die Nachverfolgung von Einzelnen nach der Teilnahme an einer Versammlung schwer sei. Viele Demonstrantinnen und Demonstranten reisten nicht nur aus der Region, sondern landes- und bundesweit an. Darüber hinaus zeigt bekanntlich auch nicht jeder Infizierte Symptome und fällt somit durch das Raster in den Bereich der Dunkelziffern. In Stuttgart wurde zudem noch verstärkt darauf geachtet, dass die Mindestabstände zwischen den Teilnehmerinnen und Teilnehmern von 1,50 Meter weitgehend eingehalten wurden. "Fakt ist", betont Jasmin Bühler: "Je mehr Menschen zusammenkommen, umso größer ist grundsätzlich die Gefahr, sich anzustecken." Man gehe beim Gesundheitsamt von einem erhöhten Risiko der Krankheitsweiterverbreitung bei großen Ansammlungen aus.

Und Münchens Gesundheitsreferentin Stephanie Jacobs sagte dem Deutschlandfunk, der Erfolg der über einen längeren Zeitraum konstant gesunkenen Zahlen sei "volatil". Sie appelliere daher, die Hygienemaßnahmen weiter ernst zu nehmen, denn "das Virus ist immer noch da."

Berlin mahnt eindringlich

Berlin schätzt die Situation derweil wesentlich bedenklicher ein. Genaue Zahlen für die Auswirkungen der Anti-Rassismus-Demo auf dem Alexanderplatz oder der Protest- und Partyaktion auf dem Landwehrkanal mit Schlauchbooten am 31. Mai nennt der Sprecher der Senatsverwaltung für Gesundheit, Moritz Quiske, nicht. Dafür betont er, dass Berlin im Vergleich mit einer kumulativen Zahl von 248 Neuinfektionen beziehungsweise eine Inzidenz von 6,6 auf 100.000 Einwohner (Stand 5. Juli) an der Spitze der Bundesländer stehe. In der Altersgruppe der 15- bis 29-Jährigen sei sogar eine Inzidenz von über 10 zu vermerken. Quiske verweist zudem vor dem Hintergrund der Urlaubszeit auf die internationale pandemische Lage und mahnt eindringlich: "Jede größere Ansammlung von Menschen bleibt mit einem erhöhten Infektionsrisiko verbunden."

RKI kann die Corona-Gefahren nur schwer einschätzen

Inwieweit Demonstrationen zur Verbreitung des Coronavirus beitragen, ist nach Angaben des Robert-Koch-Instituts schwer zu bewerten. Grund sind fehlende Daten. Die Sprecherin des Instituts, Glasmacher, erklärte, dem RKI würden die wahrscheinlichen Infektionsorte nur auf Landkreisebene übermittelt, teilweise auch nicht immer vollständig. Zudem werde der Demobesuch als Infektionsrisiko derzeit nicht in der Software erfasst. Auch die Experten der Gesundheitsbehörde weisen darauf hin, dass eine Zuordnung der Fälle zur Demonstration schwierig sei, weil die Besucher einer Demo nicht zwingend aus dem gleichen Ort kommen, so dass sich etwaige Infektionen auf mehrere Land- oder Stadtkreise verteilen könnten.

Frankfurt hat alles unter Kontrolle

In Frankfurt hatte es relativ frühzeitig in der Corona-Krise am 10. Mai einen bundesweit beachteten Vorfall in einer Baptisten-Gemeinde gegeben. Für die Stadt Frankfurt ist das Ganze abgeschlossen. Die Erkrankten seien genesen, teilte die Stadt mit. Insgesamt hatte es den Angaben zufolge 75 positive SARS-CoV-2-Fälle aus dem Umfeld der Gemeinde gegeben. Das bestätigt auch das Landesgesundheitsministerium. Der Ausbruch sei eingedämmt worden, teilte eine Sprecherin mit: "Die Analyse des Geschehens ergibt keine länger anhaltenden Auswirkungen auf die Fallzahlen in Hessen."

Schlimmer ist es im niedersächsischen Moormerland im Landkreis Leer verlaufen. Dort hatten sich mehrere Gäste eines Restaurants Mitte Mai angesteckt. Wie der NDR berichtete, ist mindestens ein Erkrankter gestorben, weitere hatten einen schwerwiegenden Krankheitsverlauf. Insgesamt fast 300 Menschen mussten unter Quarantäne gestellt werden. Die Behörden haben immer dann eine gute Chance, wenn sich die Kontakte noch nachverfolgen lassen. Außerdem scheint die Ansteckungsgefahr größer zu sein, wenn sich Menschen innerhalb von Räumlichkeiten befinden - weniger an der frischen Luft. Das betont jedenfalls das RKI: "Generell ist das Infektionsrisiko draußen deutlich geringer als in geschlossenen und schlecht gelüfteten Räumen."

(Stand 08.07.2020)

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