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StartseiteKoran erklärt Ein neuer Noah21.09.2018

Sure 11 Vers 35Ein neuer Noah

Der koranische Prophet ist Teil vieler Verse. Seine Figur wird eingeführt und etabliert. Sure 11 Vers 35 untermauert die Vorstellung von ihm als eine Art neuer Noah. Das ist ein bekanntes Bild in der Religionsgeschichte.

Von Dr. Carlos Andrés Segovia, Saint Louis University, Madrid, Spanien

Weiterführende Information

Das Buch "Koran erklärt". (Suhrkamp)Zu unserer Sendereihe ist ein Buch "Koran erklärt" im Suhrkamp-Verlag Berlin erschienen, herausgegeben von Deutschlandradio-Intendant Dr. Willi Steul. (Suhrkamp)

"Oder sie sagen: 'Er hat ihn sich nur ausgedacht!' Sprich: 'Hätte ich ihn mir selber ausgedacht, so käme mein Vergehen auf mich. An dem jedoch, was ihr an Missetaten begangen habt, bin ich nicht schuldig.'"

Der Vers bezweckt, den koranischen Propheten gegen die Anschuldigung zu verteidigen, er sei ein Scharlatan. Ähnliches bezwecken die Verse 13 bis 14 der Sure: "Oder sie sagen: 'Er hat ihn sich nur ausgedacht!' Sprich: 'Bringt doch zehn selbsterdachte Suren von seiner Art herbei!'… Doch wenn sie euch nicht Antwort geben, dann sollt ihr wissen: Er wurde herabgesandt mit Gottes Wissen."

Teaserbox zur Sendereihe "Koran erklärt" im Deutschlandfunk

Die Sendereihe Koran erklärt als Multimediapräsentation

Dem koranischen Propheten, der nicht zwangsläufig Mohammed heißen muss, was ich hier aus Zeitgründen nicht weiter erläutern kann [Dr.  Carlos Segovia hat dies in dieser Ausgabe von "Koran erklärt" näher ausgeführt], wird aufgetragen, seine Kritiker herauszufordern. In Vers 35 soll er ihnen antworten, dass er im Sinne der Vorwürfe unschuldig sei. Beide Koranstellen spiegeln einander somit.

Carlos Segovia im Porträt (priv.)Dr. Carlos Andrés Segovia lehrt am spanischen Ableger der Saint Louis University in Madrid. (priv.)Vers 35 scheint nun aber an einer seltsamen Stelle im Text zu stehen. Er unterbricht die Erzählung über Noah, die sich über die Verse 25 bis 48 erstreckt.

Liest man weiter, zeigt sich, Vers 35 kündigt den Inhalt von Vers 49 an. Dort folgt auf die Schlussfolgerung aus der Noah-Geschichte Gottes Trost für den koranischen Propheten. Vielleicht ist der Vers daher nicht völlig deplatziert. 

Um das aber nachzuvollziehen, müssen wir einen genaueren Blick auf die Noah-Erzählungen im Koran werfen. Sie umfassen sieben Narrative. In der Regel sind das: ein prophetischer Auftrag, die Warnung des Propheten an sein Volk, dessen Missachtung der Warnung und sein Wehklagen, Gottes tröstende Worte, die Geschichte der Sintflut und schließlich der eschatologische Ausklang. Dieser hebt den symbolischen Zusammenhang zwischen Noahs Tagen, der Gegenwart und der Endzeit hervor.

Grob gesagt, folgt der Noah-Bericht in Sure 11 diesen Mustern. Der symbolische Zusammenhang wird jedoch noch stärker betont: Zwischen den Charakteren Noahs und des koranischen Propheten wird ein Wechsel zugelassen. Da, wo man erwarten würde, dass Noah von Gott getröstet wird, ist es der koranische Prophet, dem Gottes Worte und Unterstützung zuteil werden. Was können wir nun daraus schließen? 

Traditionell dienen die koranischen Berichte über Noah dazu, Gottes Gnade und Strenge zu illustrieren. Insbesondere sollen sie zeigen, wie hart Gott einst mit Sündern verfahren ist, damit seine Mahnungen ernstgenommen werden. Wiederholt lässt er die Menschen durch seine vielen Gesandten vor diesen Strafen warnen. Meiner Meinung nach ist der Zweck der Noah-Berichte jedoch deutlich komplexer. Vers 35 kann uns helfen, zu verstehen warum.

Die koranische Noah-Erzählung ziel t auf die Verstärkung der eschatologischen Referenzen des koranischen Propheten als Herold des Eschaton ab - sprich als Verkünder der Endzeit. Sie zeigt uns, wie wichtig es für den koranischen Propheten war, sich als neuer Noah zu präsentieren. Seine Zuhörer waren mit Bibel und Neuem Testament vertraut. Darin werden Noahs Tage und die Endzeit gleichermaßen in Zusammenhang gesetzt.

Ferner belegen die Noah-Berichte, dass der koranische Prophet auch von seinen Anhängern, die an das unmittelbare Bevorstehen der Endzeit geglaubt haben dürften, als so etwas wie ein neuer Noah wahrgenommen wurde. Vers 35 hebt diese apokalyptische Sicht hervor.

Eine Figur (ob real oder metaphorisch) als neuen Noah zu porträtieren, der in seiner Bedrängnis von Gott getröstet wird, stellt keine neue rhetorische Strategie dar. Es gibt interessante Vorläufer. So findet sich zum Beispiel Ähnliches im Alten Testament bei Jesaja 54 und in der Tröstungen-Schriftrolle von Qumran (4QTanhumim).

Bei der Audioversion handelt es sich um eine aus Gründen der Sendezeit leicht gekürzte Fassung dieses Textes.

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