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StartseiteKoran erklärt Über die Bienen25.11.2016

Sure 16 Verse 68-69Über die Bienen

Viele staunen über das prominente Auftreten der Biene im Koran. Mehrere Verse beschäftigen sich mit ihr. Die Sure 16 ist sogar nach diesem Insekt benannt. Entsprechend groß war und ist daher auch die Aufmerksamkeit der Koranexperten, die im Lauf der Geschichte verschiedene Deutungen etwa über die Stellung von Tieren herausgearbeitet haben.

Von Dr. Sarra Tlili, University of Florida, Gainesville, USA

"Dein Herr gab der Biene ein: ‚Mach dir Häuser in den Bergen, in den Bäumen und in dem, was die Menschen errichten! Dann iss von allen Früchten, und folge den gebahnten Wegen deines Herrn!‘ Aus dem Leib der Bienen kommt ein Saft, verschiedenartig in den Farben. In ihm liegt Heilkraft für die Menschen."

Durch die göttliche Anrede der Biene bringt der Koran eine Form seiner auf Gleichheit beruhenden Sicht der gesamten Schöpfung zum Ausdruck. Ebenso wie Gott mit den Menschen persönlich kommuniziert, tut er dies auch mit anderen Geschöpfen.

Teaserbox zur Sendereihe "Koran erklärt" im Deutschlandfunk

Die Sendereihe Koran erklärt als Multimediapräsentation

Erwartungsgemäß spekulieren die Korankommentatoren, was dazu geführt haben mag, dass speziell Bienen im Heiligen Buch erwähnt werden.

Sarra Tlili sitzt auf einem Sessel vor eine Bücherregal. (priv. )Dr. Sarra Tlili ist Assistant Professor an der University of Florida. Ihre Forschungsschwerpunkte sind der Koran und Tiere im Islam. (priv. )Im ersten Vers steht das arabische Verb "awḥâ” - hier mit "eingeben" übersetzt. Arabische Lexika bestimmen seine Bedeutung mit "etwas sagen" und mit "(einen Einfall) direkt in jemandes Seele werfen". Göttliche Eingebung wird im Koran mit Propheten oder anderen frommen Menschen assoziiert. Dass die Bienen eine göttliche Eingebung erhalten haben, wird daher als Zeichen für ihren besonderen Status gesehen.

Einige Kommentatoren schreiben, der Inhalt dieser Eingebung sei nur Gott und den Bienen bekannt, trotzdem könnten Menschen einen flüchtigen Einblick erhalten, wenn sie die Insekten näher beobachteten.

So zeige beispielsweise die sechseckige Form der Honigwaben mit ihren stets gleichen Abmessungen, dass Gott den Bienen Wissen gegeben habe, dem Menschen nur schwer beikommen können. Denn anders als die Bienen können sie dieselben Formen nur mit Hilfe von Werkzeugen herstellen. Zudem eigne sich diese sechseckige Form am besten dafür, Honig aufzubewahren. Denn sie lasse als einzige keinen Raum ungefüllt.

Viele Kommentatoren werteten auch die spezielle Fähigkeit der Bienen zur Produktion von Honig, also eines besonders köstlichen und gesunden Nahrungsmittels, als Ausdruck ihres außergewöhnlichen Talents.

Ähnlich beeindruckt waren die Kommentatoren von der sozialen Gemeinschaft und der Arbeitsteilung. Sie betrachteten beides als Zeichen für besondere Perfektion und Disziplin. Die Fähigkeiten der Bienen, die richtigen Nahrungsquellen zu identifizieren und zu lokalisieren und immer wieder den Weg zurück zu den Bienenstöcken zu finden, werden häufig als Hinweis auf eine großartige kreative Problemlösungskompetenz angeführt.

In den Auslegungswerken der Sufis, der Mystiker im Islam, wird die Fähigkeit der Bienen, Honig zu produzieren, nicht nur mit ihren kognitiven Kompetenzen erklärt. Es wird ebenso die spirituelle Ergebenheit und die moralische Aufrichtigkeit der Bienen hervorgehoben: Sie halten an Gottes Befehl fest und konsumieren nur reine, gesunde Nahrung. So wird argumentiert.

Die Aufforderung: "und folge den gebahnten Wegen deines Herrn" interpretierten viele Korankommentatoren so: Gott macht den Bienen ihre Umgebung ebenso zugänglich, wie er den Menschen das Land ebnet. Beide Geschöpfe, Mensch und Biene, können sich frei und ohne Hindernisse in dem Raum bewegen, den Gott für sie bereitet hat.

Der Vers führte die Exegeten somit weg von anthropozentrischen Lesarten, wonach der Mensch Haupt- beziehungsweise einziger Empfänger von Gottes Gnaden ist. Zudem animierte er sie zu einem lebenszentrierten Ansatz, bei dem alle Geschöpfe Anteil an der Aufmerksamkeit Gottes haben und von seiner Liebenswürdigkeit profitieren.

Die Kommentare dieser Koranpassage konzentrieren sich zwar hauptsächlich auf die Bienen, einige Exegeten aber weiteten ihre Schlussfolgerungen auch auf andere Tiere aus. Sie meinten, alle Tiere seien mittels göttlicher Eingebung in der Lage, ihr Leben zu organisieren, ihre eigenen Bedürfnisse zu erfüllen und ihre Herausforderungen fürs Überleben zu bestehen.

Bei der Audioversion handelt es sich um eine aus Sendezeitgründen leicht gekürzte Version. 

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