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StartseiteKoran erklärt Kritik an Juden und Christen wegen der Selbstbezeichnung "Söhne Gottes"12.10.2018

Sure 5 Vers 18Kritik an Juden und Christen wegen der Selbstbezeichnung "Söhne Gottes"

Juden und Christen bezeichnen sich als "Söhne Gottes. Was kann diese beanspruchte Sonderstellung wert sein, wo doch der jüdische Tempel zerstört, Christus ans Kreuz geschlagen wurde und die Märtyrer in den Arenen der Römer umkamen? Die Auseinandersetzung mit den älteren Geschwisterreligionen ist ein zentrales Thema im Koran.

Von Dr. Holger Zellentin, University of Cambridge, Großbritannien

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Das Buch "Koran erklärt". (Suhrkamp)Zu unserer Sendereihe ist ein Buch "Koran erklärt" im Suhrkamp-Verlag Berlin erschienen, herausgegeben von Deutschlandradio-Intendant Dr. Willi Steul. (Suhrkamp)

"Die Juden und die Christen sagen:
'Wir sind Gottes Söhne und seine Geliebten.'
Sprich: 'Warum bestraft er euch dann für eure Sünden?
Nein! Ihr seid Menschen (wie alle anderen Menschen) die er geschaffen hat.'
"

In dem Vers wird beanstandet, dass sich die Juden und Christen "Söhne Gottes" nennen. An anderen Stellen im Koran, zum Beispiel in Sure 9 Vers 30, wird zudem beklagt, dass die Christen auch Jesus als "Sohn Gottes" bezeichnen. Die christliche Behauptung der Gottessohnschaft Jesu ist wenig erstaunlich. Sie entspricht der Lehre der spätantiken Kirchen. Doch wie steht es mit der Gottessohnschaft der Christen und der Juden als Gruppe?. 

Teaserbox zur Sendereihe "Koran erklärt" im Deutschlandfunk

Die Sendereihe Koran erklärt als Multimediapräsentation

Wie auch anderswo greift der Koran hier Lehren der jüdischen und der christlichen Tradition auf, um sie für seine Polemik gegen die religiösen Kontrahenten zu benutzen. Und tatsächlich behaupteten die Rabbinen, die Israeliten würden von Gott "geliebt", da man sie "Söhne Gottes" nenne. Die Aussage der Rabbinen stützt sich auf die Bibel. Die Israeliten werden im 5. Buch Moses ausdrücklich als "Söhne Gottes" angesprochen (14:1).

Holger Zellentin im Porträt (priv.)Dr. Holger Zellentin (priv.)Wie der eingangs zitierte Vers nun zeigt, sind sowohl die Aussage der Rabbinen als auch ihre Wortwahl im arabischen Koran klar erfasst. Der Koran spiegelt zum einen die in der rabbinischen Literatur festgehaltene Lehre der Gottessohnschaft wider. Zum anderen greift er exakt die dort verwendeten semitischen Wurzeln der Worte für "Sohn" (bn) und "lieben (ḥbb) auf. Der Rückgriff des Korans auf Aussage und Wortwahl geschieht so adäquat, dass die mit der rabbinischen Tradition vertraute Zuhörerschaft den darunter liegenden Lehrsatz sofort erkennen konnte. Damit müssen die Zuhörer zumindest die Richtigkeit der koranischen Grundannahmen von dieser Tradition selbst dann bestätigen, wenn sie mit der folgenden Polemik natürlich nicht einverstanden sind.

Auch die Christen der Spätantike bezeichnen sich als die geliebten Söhne Gottes. Das zeigt etwa die syrische Gemeindeordnung Didaskalia, die auch zu Zeiten des Korans auf Aramäisch in der Region im Umlauf war. Sie bestimmt die christliche Gemeinde als Teil des Volkes Israel und adressiert ihre Angehörigen explizit als "Söhne Gottes." Die Didaskalia spricht ihre christliche Hörerschaft ebenfalls als "geliebte Söhne" an. Wie in der rabbinischen Literatur werden die sich im Koran wiederfindenden Wortwurzeln für Sohn (bn) und "lieben" (ḥbb) auch in der Disdaskalia benutzt.

Der Koran betont also mit inhaltlich und lexikalisch ausreichender Präzision die breite Überlappung der jüdischen und christlichen Lehrsätze. In dem Vorwurf an Juden und Christen, göttliche Sohnesschaft zu beanspruchen, werden deren eigene Traditionen bedacht. Darüber hinaus werden sie so zusammengeführt, dass durch ihre Vermischung eine Botschaft polemischer Differenz zwischen dem Islam und den Lehren beider Gruppen entsteht.

Der Koran stellt dann die Frage, was die beanspruchte Sonderstellung als "Söhne Gottes" wert sein soll? Schließlich schütze sie ja nicht vor Bestrafung. Die Christen verwiesen auf die Zerstörung des Tempels als Beweis dafür, dass Gott die Sonderstellung der Juden für obsolet hielt. Den Christen wiederum wurde vorgehalten, dass Gott weder Christus am Kreuz noch die Märtyrer in den Arenen der Römer vor dem Tod gerettet habe.

Ob der koranischen Gemeinde genau diese Vorwürfe bekannt waren, lässt sich nicht mehr rekonstruieren. Der Kreuzestod Jesu selber wird jedenfalls im Koran verneint. Eines ist jedoch klar: Der Koran führt das Leiden der Juden und der Christen sowie deren Kreatürlichkeit als Beweis dafür an, dass ihre Behauptung, "Söhne Israels" zu sein, falsch ist. Damit vermischt der Text zwei tief in die Spätantike zurückreichende Polemiken, um die Behauptung der Juden und die der Christen gegeneinander auszuspielen

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