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StartseiteKoran erklärt Mohammed - von der Waise zum Propheten29.05.2015

Sure 93 Verse 6-8Mohammed - von der Waise zum Propheten

Als Akt göttlicher Reinigung wurde der Überlieferung zufolge dem islamischen Propheten Mohammed einst die Brust geöffnet, um sein Herz mit reinem Schnee zu waschen. Ohne die Biografie Mohammeds sei der Koran an vielen Stellen nicht zu verstehen, erläutert der Kanadier Andrew Rippin im DLF. Er ist einer der weltweit führenden Koranexperten.

Von Prof. em. Dr. Andrew Rippin, University of Victoria (Kanada)

"Fand Er dich nicht als Waise und nahm dich auf? Und fand dich umherirrend und leitete dich? Und fand dich arm und machte dich reich?"

Traditionell wird die Entstehungszeit dieser Verse einer frühen Phase der Prophetenschaft Mohammeds zugeordnet. Die meisten gehen davon aus, dass die Verse an Mohammed persönlich gerichtet waren. So wird der Koran jedenfalls üblicherweise interpretiert, wenn er die zweite Person Singular verwendet - also, „du", „dir" oder „dich". Um solche Passagen auszulegen, greift man auf jene Geschichten zurück, die in Mohammeds Biografie Eingang gefunden haben. Diese Biografie wird Sîra genannt und wurde vom Autor Ibn Ishâq im 8. Jahrhundert aufgeschrieben.

Danach starb der Vater bevor Mohammed geboren wurde, und seine Mutter als er gerade fünf Jahre alt war. Die Waise wurde zunächst seinem Großvater väterlicherseits übergeben. Als dieser starb kam Mohammed in die Obhut seines Onkels Abû Tâlib, dem Bruder seines Vaters.

Ein Koran liegt in einer Vitrine im Qatar Doha Museum of Islamic Art. (imago/Qatar Museum of Islamic Art)

Die Sendereihe "Koran erklärt" als Multimediapräsentation

Geläufig ist auch, dass Mohammed als Säugling mit einer Amme in der Wüste gelebt hat. Damals herrschte eine Hungersnot in Mekka. Doch wie durch ein Wunder hatte die Amme genügend Milch, um das Kind zu stillen.

Einer anderen Geschichte zufolge hütete Mohammed mit seinem Milchbruder Schafe. Als dieser einschlief, streifte Mohammed umher. Da begegneten ihm zwei Männer. Sie öffneten seine Brust und wuschen sein Herz mit reinem Schnee - ein Akt göttlicher Reinigung.

Der Koran wird vor dem Hintergrund solcher Erzählungen verstanden. Hier übermittelt er demnach die Botschaft: Für Mohammed ist stets gesorgt gewesen. Er hat immer genug zu essen und zu trinken gehabt und wurde schon früh von Gott geleitet. Das versetzte ihn in die Lage, im späteren Leben seine vorherbestimmte Rolle als Prophet einzunehmen.

Die Verbindung des Korantexts mit der Biografie Mohammeds ist zentral für muslimische Interpretationsansätze. Man darf daraus nur nicht den Schluss ziehen, der gesamte Koran werde in seiner Bedeutung durch den historischen Kontext beschränkt. Es ist immer wichtig zu wissen, wann sich der Koran auf bestimmte Situationen bezieht, und wann er allgemeine Aussagen trifft. Das gilt zwar vor allem für Koranstellen, in denen es um religionsrechtliche Belange geht. Prinzipiell findet diese Differenzierung aber überall Anwendung.

Andrew Rippin vor einem aufgeschlagenen, alten, arabischen Buch. (A.Rippin)Der Kanadier Andrew Rippin gilt als einer der weltweit führenden Koranexeperten. (A.Rippin)

 

Nicht alle Muslime wollen die Verse 6 bis 8 der Sure 93 auf Mohammed beschränken. Es gibt Interpretationen, wonach sie sich an jeden einzelnen Gläubigen richten. Die Botschaft lautet dann: In unserer Beziehung zu Gott sind wir alle „Waisen". Wir alle bedürfen der Rechtleitung, die uns vom Pfad des Irrtums wegführt.

Zeitgenössische Akademiker verstehen die Verse noch einmal anders. Sie stellen sie häufig in den religiösen Gesamtkontext der Spätantike im Mittelmeerraum. Dazu wird zunächst die Verbindung zu Vers 3 derselben Sure gezogen: "Dein Herr hat dich nicht verlassen und nicht gehasst."

Auch dieser Vers wird traditionell so verstanden, dass er direkt an Mohammed gerichtet war; anscheinend hatte er sich Sorgen gemacht, weil Gott ihm längere Zeit keine neue Offenbarung mehr hat zuteilwerden lassen.

Die Akademiker weisen nun darauf hin, dass diese Verse auch eine Reaktion auf das biblische Motiv der Klage über einen scheinbar abwesenden Gott sein könnten - beziehungsweise ein Echo dieses Klagemotivs. In der Bibel ruft David laut Psalm 22, Vers 1: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Ich heule; aber meine Hilfe ist fern." Und auch Jesus ruft vom Kreuz herab: "Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?

Der Koran, so wird nun angenommen, antwortet auf diese biblischen Auszüge mit seiner eigenen Erklärung der Eigenschaften Gottes. Solche wissenschaftliche Lesarten können dem Korantext neue Bedeutungsebenen hinzufügen. Aus dieser Sicht ist der Koran keine Ableitung der Bibel, steht aber im aktiven religiösen Austausch mit ihr. Auch das könnte aus diesen Versen deutlich werden.

 

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