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StartseiteKultur heuteSurrealismus aus Südamerika25.09.2012

Surrealismus aus Südamerika

Roberto-Matta-Ausstellung im Hamburger Bucerius-Forum

Roberto Matta wollte sich nie auf ein Thema oder einen Stil festlegen lassen. Eine Ausstellung würdigt nun sein Werk, welche auf großen Flächen Farben und bildräumliche Strukturen vereinen.

Von Carsten Probst

Im Bucerius Kunstforum ist hier in der Ausstellung "Matta. Fiktionen" das fünfteilige Werk "Le Honni Aveuglant" aus dem Jahre 1966 (picture-alliance / dpa /  Angelika Warmuth)
Im Bucerius Kunstforum ist hier in der Ausstellung "Matta. Fiktionen" das fünfteilige Werk "Le Honni Aveuglant" aus dem Jahre 1966 (picture-alliance / dpa / Angelika Warmuth)
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Leuchtend-schwelende Farben, in die sich ein drohendes Dunkel mischt; feinste, fadendünne Strukturen entspinnen sich, stülpen sich ein oder explodieren. Seltsame halbfigürliche Wesen, mehr Ding als Gestalt, fliegen durch den Raum, andere schweben starr auf der Stelle. Roberto Mattas Malerei beschwört exzessiv die Innenwelt, bevorzugt auf Großformaten, was die Distanz zum Betrachter verringern soll. Der Betrachter, so war es Mattas Ansinnen, sollte Teil der Malerei werden, Teil der Kunst. Schließlich präsentierte die Malerei ja auch einen Teil des Betrachters, seine Innenwelt. Dieser aus heutiger Sicht eher wild-romantisch anmutende Aufschwung der Kunst zur Gebieterin über die Psyche war stets fester Bestandteil von Mattas künstlerischem Selbstverständnis. Gerade, wer Mattas Bilder der 30er- und 40er-Jahre ansieht, kann nicht umhin, sie in ihrer suggestiven Kraft mit denen Salvador Dalís oder Yves Tanguys zu vergleichen. Matta besitzt ohne Frage dieselbe malerische Klasse wie diese, er wäre gar ein wahrer Virtuose der Farben und der bildräumlichen Strukturen zu nennen – wäre Virtuose nicht ein künstlerisch so belasteter Begriff.

Sich seiner handwerklichen Brillanz durchaus bewusst, rang Matta zeitlebens darum, nicht auf einen Stil oder ein Thema festgelegt zu werden. Er wollte Universalist sein. Schon deshalb hielt er es auch nicht lange bei den Surrealisten aus.

Er war Anfang der 30er-Jahre aus Chile nach Paris gekommen. In Chile gehörte er einer Großgrundbesitzerfamilie mit baskischen Wurzeln an, hatte eine "europäische" Ausbildung an einem Jesuitenkolleg genossen und ein Architekturstudium abgeschlossen. Kurzzeitig arbeitete er im Pariser Büro Le Corbusiers mit, ehe er von seinen spanischen Freunden, den Dichtern Rafael Alberti und Frederico García Lorca, in die Pariser Surrealistenkreise eingeführt wurde. Deren Begeisterung für alles Obskure und Psychische mag ihn anfangs in seiner Malerei kräftig befeuert haben – dann fand er neue Freunde.

Marcel Duchamp hatte zwar ein völlig entgegengesetztes Verständnis von Kunst wie Matta, beide sollte dennoch eine lebenslange Freundschaft verbinden. Die Hamburger Ausstellung legt die Vermutung nahe, dass Duchamp es war, der Matta auf die Idee brachte, Malerei und Architektur viel stärker zusammenzudenken als bisher. Jedenfalls beginnt Matta nun, seine Bilder betont auf den umgebenden Raum auszurichten. Er malt Triptychen und großformatige Kompositionen, in denen einerseits immer mehr räumliche Versatzstücke erkennbar werden. Zum anderen interessiert er sich für die Verschmelzung vom Kleinstem mit dem Größtem. Wesen, die mikroskopischen Studien entstammen könnten, schwirren im Makrokosmos eines künstlerischen Weltalls und erzeugen eine Fremdartigkeit, die den Betrachter zwingen soll, sich mit dem Unbekannten in sich selbst zu beschäftigten.

Höhepunkt dieser Entwicklung ist zweifellos "L'Espace de L'Espèce", "Der Raum der Spezies", eine Art totaler Malerei-Installation, die nichts weniger anstrebt, als die Gesamtheit der Welt, den Mikro- und Makrokosmos künstlerisch vereint darzustellen. Ein Teil dieser gewaltigen Rundum-Malerei, die 1965 erstmals in Luzern vorgestellt wurde, ist nun auch in Hamburg zu sehen.

Das Werk stellt einen offenen Kubus dar, der, wie Mattas Malerei selbst, die rechten Winkel und geraden Linien vermeidet, sondern mit gekippten und geschwungenen Wänden und großformatigen Leinwänden den Betrachter umwölbt, ihn in sich hineinziehen soll.

Das Konzept dieser Total-Malerei verstand Matta als seine einzig mögliche Reaktion auf die kulturelle Verwüstung Europas im Zweiten Weltkrieg. Wenn jetzt überhaupt noch malen, dann in einer solchen Weise, die den Menschen ändern kann, ihn ganzheitlich denken lehrt, ihn zu sich selbst, zu den Welten seiner Seele zurückbringt, ihn demütig werden lässt gegenüber der Vielfalt des Seins, so Matta.

Ein heroischer Anspruch, der bei allen revolutionären Ansätzen auch der Rettung der romantischen Tradition verpflichtet ist. Kolossal fürwahr, dieses in Deutschland bislang selten gezeigte, energiegeladene Werk zu sehen. Nicht zuletzt auch deshalb, weil von hier aus ein neuer Blick auf die radikalen, architekturzerstörenden Videos und Aktionen seines Sohnes Gordon Matta Clark fallen könnte.

Info:
Vom 22. September 2012 bis 6. Januar 2013

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