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StartseiteBüchermarktEin Versteck im Versteck03.01.2019

Svein Jarvoll: "Eine Australienreise"Ein Versteck im Versteck

Es ist eine Textlandschaft aus Löchern und Verstecken, in die der Leser in dem Roman "Eine Australienreise" des norwegischen Schriftstellers Svein Jarvoll tief hineinsteigt - wie in ein Labyrinth ohne Ausgang. Als postmoderner Klassiker gehandelt ist dieses radikale und in jeder Zeile aufregende Werk eine Reise zu den Toten.

Von Guido Graf

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Der Inselberg Uluru, auch Ayers Rock genannt, im Uluru-Kata-Tjuta-Nationalpark in Zentralaustralien (Aufnahme vom 03.04.2014). (picture alliance / dpa / Sid Astbury)
Man weiß sofort, wo er steht, der Ayers Rock in Australien (picture alliance / dpa / Sid Astbury)
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Ich kann nur Löcher sehen. Einen Text, der aus nichts als Löchern besteht. Das hat, könnte man sagen, Schrift so an sich. Buchstaben, also Zeichen, die um leere Räume herum auf dem Papier, auf dem Bildschirm gezogen werden und dann ein ornamentales Bild ergeben, das wir Text nennen. Man kann alles und nichts finden in dieser Leere. Auch Geschichten, eine Erzählung, einen Roman gar. Man kann sich in diesen Löchern verstecken. Je mehr es davon gibt, desto mehr Verstecke gibt es.

Präsentation, Format und vor allem die Inhalte gehen im "Versteck im Verlag von Urs Engeler" eine beeindruckende Synthese ein. Besucht man die Website "dasversteck.com", sieht man zunächst einmal nur schwarz. Und zwei ebenso große wie rätselhaft bleibende weiße Zahlen: 107 und 774. Das Schwarzweiß-Spiel setzt sich fort, klickt man auf die Zahlen, etwa auf die 107: Hier ist erneut erst einmal nur schwarz zu sehen. Man fängt an zu scrollen und das einzige, was man nach einer Weile zu sehen bekommt, sind ein Link zu einem Text des Übersetzers Matthias Friedrich, ein winziger Bestellbutton sowie Links zurück zur Homepage oder zum Engeler-Verlag.

Mutige, die auf den Button klicken, gelangen zu einem Bestellformular für den Roman "Eine Australienreise" von Svein Jarvoll. Geht man im Browser zurück, sind die Stellen, auf die man zuvor geklickt hat, verschwunden. Es bleibt nur noch ein schwarzes Loch. Wenn man aber länger in dieses Loch hineinschaut und die Lichtverhältnisse beim Lesen mitspielen, entdeckt man, dass sich in der Schwärze die noch tiefere Schwärze eines Textes verbirgt, der erst sichtbar wird, wenn man etwas mit dem Cursor markiert. Auf diese Weise erst erfährt man etwas mehr über dieses "Versteck", das sich gut versteckt, und man erfährt mehr über das Buch des bislang im deutschsprachigen Raum vollkommen unbekannten Norwegers Svein Jarvoll.

Wir schreiben keine Tweets

Der Verlag "Das Versteck" versteht sich, das wird nun rasch klar, durchaus programmatisch: Wenn man die verborgenen Schaltflächen auf der Homepage gefunden hat, kann man die Veröffentlichungen, die durchaus eine ISBN tragen, über die Post, per Telefon oder die Webseiten bestellen und bekommt sie zugeschickt. Ansonsten gibt man sich betont zurückhaltend:

"Wir sind nicht bei Facebook. Wir schreiben keine Tweets und lesen auch keine. Wir schauen uns keine Bilder bei Instagram an und wir nutzen keine Blogs. Wir sind nicht an Ihren Daten interessiert. Wir sind kein soziales Netzwerk."

Öffnet man dann die Post vom Verlag, geht es mit den Überraschungen weiter: Man hält kein konventionelles Buch in der Hand, sondern ein weißes Heft von 120 Seiten im Format DIN A4, zweispaltig bedruckt. Auf dem Umschlag steht klein am oberen Rand: "Svein Jarvoll - Eine Australienreise. Aus dem Norwegischen übersetzt von Matthias Friedrich." Auf der Innenseite des Umschlags kann man noch erfahren, dass Jarvolls Werk im Original bereits 1988 erschienen ist, dass Urs Engeler auch das Lektorat besorgt und sein langjähriger Gestalter Marcel Schmid den Satz gemacht hat.

Um eine Textlandschaft aus Löchern und Verstecken geht es auch in Jarvolls Roman. Er besteht aus zwei Teilen. Der längere erste Teil "Das gelbe Buch" reicht bis Seite 91. Um weiter zu lesen, dreht man das Versteck-Heft einmal um 180 Grad, öffnet erneut den Umschlag und kann nun mit dem kürzeren zweiten Teil "Lonaquemor" beginnen. Beide Teile begegnen sich mitten auf einer Seite. Der erste endet:

"Erzähl mir vom Turm, sagte ich. – Erzähl mir von Der Richtigen Mischung, hier und dort."

Der zweite Teil endet:

"Das ist ein Anfang. Erzähl mir mehr, Emmi, mehr. Viel. Es gibt so viel, was ich nicht verstehe. Viele. Ich nicht verstand, nicht verstehen. Dort. Hier."

Man zieht zur Höllenreise

Das Ende ist ein Anfang und macht den gesamten Text zu einer Endlosschleife. Hier und dort, dort, hier. Dazwischen klafft eine markante Leere, die der Reisende Svein Jarvoll mit historischen, geographischen und natürlich literarischen Konturen und Fragmenten vermisst. Er geht merklich aufs Ganze und verweigert jede Vorstellung davon, welche Gestalt dieses Ganze haben könnte. Syntaktisch und stilistisch ist Svein Jarvoll eher an der ornamentalen und todessüchtigen Präzision des Barock interessiert und lässt seine Sätze oft wie Gliederfüßer über Seiten sich hinweg biegen. "Eine Australienreise" ist der einzige Roman des 72jährigen Svein Jarvoll. Es gibt noch das Langgedicht "Thanatos", ein polyphones Gedicht über den Tod  von 1984, später dann diverse Kurzgeschichten sowie Bücher des Gräzisten über die Fragmente von Archilochos oder über die griechische Lyrikerin Sappho. "Eine Australienreise" gilt heute als der norwegische Roman der sogenannten Postmoderne.

Wie nichtssagend und wenig hilfreich diese Etikettierung dieses eigenartigen Reiseromans ist, in dem das Ziel nie erreicht wird, wird schon nach wenigen Seiten deutlich. Natürlich durchpflügt Jarvoll Epochen, Gattungen und Stile. Aber die Suche nach einer "neuen stofflichen Poesie, die aller gesunden Vernunft" spottet, nach neuen Wörtern, einer neuen Sprache gar, ist zu keinem Zeitpunkt emphatisch oder pathetisch, sie ist nicht ironisch. Eher handelt es sich um ein physiognomisch-körperliches Schreiben, ausgerichtet auf den Tod. Zwei Reisen werden, nun ja, erzählt. Die längere des ersten Teils führt den Norweger Mark Stoller nach diversen Umwegen tatsächlich nach Australien.

Lesend durch ein Labyrinth

In der kürzeren Reise im zweiten Teil machen sich zwei Frauen in Australien auf, um in einer entlegenen Hütte auf das Australienbuch eines anderen Norwegers zu stoßen, von dem man annehmen könnte, dass er eine ebenso fantastische Gestalt ist wie die vielen Begegnungen Mark Stollers im ersten Teil. Worum es der Form nach in dieser "Australienreise" geht, lässt Jarvoll seinen Reisenden gleich zu Anfang aussprechen:

"Ich wollte ein schwindelerregendes Gegenstück zur Vertikalität bei Dante finden."

Eine Höllenreise als endlose Horizontale, ja, das trifft dann auch durchaus zu. Aber wie soll man das aushalten? Jarvolls taktile Sprache der zahllosen neuen und der zerfallenden Wörter, der flimmernden Träume wird immer wieder mit der "Klarheit eines unerwarteten Bildes" konfrontiert, das einem der das Bewusstsein konstituierenden Löcher entspringt. Diese permanenten fiebrigen Verwandlungen führen uns nach Spanien, Sumatra oder Irland.

Lesend mäandern wir durch das Labyrinth eines nur scheinbar schmalen Romans, der es leicht mit den Monstrositäten der klassischen Moderne aufnehmen kann: eine Reise durch Sätze mit den unerwartetsten Wendungen, bei der man ständig das Gefühl hat, gar nicht von der Stelle gekommen zu sein, sondern an einer unmerklichen Parallelverschiebung teilzuhaben. Es ist nicht leicht, dieses Labyrinth Svein Jarvolls wieder zu verlassen.

Svein Jarvoll: "Eine Australienreise", aus dem Norwegischen von Matthias Friedrich. Das Versteck im Verlag von Urs Engeler, 120 Seiten, 21 Euro

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