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StartseiteBüchermarktHerr Lehmanns bester Freund02.12.2013

Sven RegenerHerr Lehmanns bester Freund

Sven Regener gehört er zu den wenigen Menschen, bei denen man nur schwer sagen kann, in welcher Disziplin sie eigentlich besser sind - ob als Musiker oder Autor. Sein neuer Roman "Magical Mystery oder Die Rückkehr des Karl Schmidt" macht die Entscheidung nicht gerade leichter.

Von Holger Heimann

Porträt von Sven Regener. Er trägt eine große schwarze Brill und einen dunklen Pullover mit Reißverschluss. (Deutschlandradio - Bettina Straub)
Karl Schmidt spielte in allen Herr-Lehmann-Romanen von Sven Regener eine wichtige Rolle. Sein neues Buch widmet sich jetzt Schmidts Geschichte. (Deutschlandradio - Bettina Straub)
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Sven Regener: "Magical Mystery oder Die Rückkehr des Karl Schmidt"

Galiani Verlag, 512 Seiten, 22,99 Euro, ISBN 978-3869710730.

"Ich bin ein Rockmusiker, der Bücher schreibt", hat Sven Regener einmal - nicht ganz ohne Koketterie - gesagt. Mittlerweile ist bereits sein vierter Roman erschienen: "Magical Mystery oder Die Rückkehr des Karl Schmidt". Und weil er sich nicht gleichzeitig verrückt-überdrehte Geschichten wie diese und neue melancholische Songs ausdenken kann, musste die Musik zuletzt lange zurückstehen:

"Im Grunde genommen bin ich ja nicht so dafür, die Sachen zu vermischen. Irgendwo Trompete spielen oder mit der Band auftreten, das ist kein Problem. Sich die musikalische Seite eines Liedes zu überlegen, wäre auch kein Problem. Aber in den anderthalb Jahren, die ich an diesem Buch gearbeitet habe, habe ich keinen einzigen Song geschrieben, das hätte ich nicht gekonnt."

Wahrscheinlich kennen in der Zwischenzeit mehr Menschen den Schriftsteller Sven Regener, obwohl er viel länger schon Texter und Sänger der Band Element of Crime ist, seit fast 30 Jahren. Drei Millionen Bücher hat er verkauft. Mit Abstand am erfolgreichsten war dabei das 2001 erschienene Debüt "Herr Lehmann". Seinen Protagonisten Frank Lehmann hatte Regener angesichts des Mauerfalls, mit dem das Buch endet, einigermaßen ratlos zurückgelassen: ein Lebenskünstler ohne Plan, dem das Kreuzberger Inselidyll abhandenkam. Lieber breitete der Autor in zwei weiteren Romanen, "Neue Vahr Süd" und "Der Kleine Bruder", die Vorgeschichte seines ambitionslosen Kneipengängers Frank Lehmann aus. Jetzt hat Regener doch ein Art Fortsetzung geschrieben; allerdings in Form eines Spin-offs, im Mittelpunkt: Frank Lehmanns bester Freund.

"Es ist ja doch auffällig, dass bei allen drei Herr-Lehmann-Romanen, wenn man sie so nennen will, Karl Schmidt doch eine ziemlich wichtige Rolle spielt. Ich fand den immer toll, weil der so etwas Freies hatte. So ein wilder Typ mit einer körperlichen Präsenz, dem Leben gegenüber solch einer furchtlosen Einstellung. Wodurch es ja bei 'Herr Lehmann' umso erschreckender ist, dass er am Ende in die Klapse kommt. Da war mir früh klar, dass man das nicht so stehen lassen kann. So einen will man da nicht einfach verschwinden lassen, als wenn es danach kein Leben mehr gäbe. Oder so. Die meisten Leute haben immer gefragt, was aus Frank Lehmann dann nun wird. Wobei ich das eigentlich in der Folge von dem Buch 'Herr Lehmann' gar nicht für so wahnsinnig interessant halte, weil ziemlich klar ist aufgrund der drei Bücher, die ich über ihn geschrieben habe, dass der eigentlich immer klarkommt. Es ist auf eine seltsame Weise so ein pragmatischer Typ. Während Karl, was aus dem wird, während er im Urban-Krankenhaus auf Station 17 oder so verschwindet, ..."

... das bleibt hinter den Klinikmauern verborgen. Klar wird trotzdem: Karl Schmidt hat einiges hinter sich. Eine gesicherte Diagnose gibt es nicht. Ob er ein Drogenproblem hat oder psychisch einfach instabil ist, so genau weiß das keiner der Ärzte, und er selbst auch nicht. Man hat ihn deshalb als "Multitox-Problemfall" eingestuft. Das Berliner Künstlerleben ist jedenfalls ferne Vergangenheit. Jetzt, Mitte der 90er-Jahre, lebt er in Hamburg in einer Drogen-WG mit dem schönen Namen Clean Cut 1.

"Er ist nicht zerstört. Aber er hat eindeutig einen Sprung in der Schüssel, würde ich mal sagen. Er hat nicht mehr diese Sicherheit. Dieser großartige, über alles hinwegsteigende Karl Schmidt – zur Not gibt er jemanden was an die Backen und dann war’s das oder so -, der ist so nicht mehr da. Er ist verunsichert. Ist ja klar. Das ist eine Form von Kränkung oder Verletzung, wenn man so draußen war geistig. Dass er das mit sich rumschleppt und zerbrechlicher ist als früher. Er ist nicht mehr ganz so der fröhliche Haudrauf."

Ein Leben im Wartezustand

Karl arbeitet als Aushilfshausmeister in einem Kinderkurheim. Es ist ein Leben im Wartezustand, das bestimmt wird von den Ritualen der Versehrtengemeinschaft in Clean Cut 1 - angeführt von Werner, einem Sozialpädagogen mit ausgeprägtem Betreuer-Gen. Regelmäßig trifft man sich zu Aussprachen im Plenum. Und Karl weiß, dass es besser ist, mit einem Problem dort aufzukreuzen und sich nicht durch ein lässig hingeworfenes "alles easy" verdächtig zu machen. Die Angst vor dem Rückfall in Sucht und Depression lässt den Schongang zur scheinbar einzig möglichen Lebensform werden.

Doch mitten hinein in die mit viel Witz porträtierte Runde platzt ein Anruf, der Regeners Helden zurückholt in sein früheres Leben. Karl soll eine Gruppe Berliner Raver, die er noch aus alten gemeinsamen Bandtagen kennt, quer durch Deutschland chauffieren. Für die Techno-DJs ist ein Mann, der immer nüchtern sein muss, der perfekte Begleiter auf ihrer Tournee. Und auch Karl verfolgt einen Plan, der mindestens ebenso aberwitzig scheint: Ausgerechnet diese Leute, die häufig eher durchs Leben torkeln als gehen, sollen ihm dabei helfen, in eine selbstbestimmte Existenz zurückzufinden.

"Das birgt in sich eine Menge Komik und eine Menge Abenteuer. Eigentlich ist es ein Abenteuerroman. Er riskiert ja viel. Es ist ja gefährlich, was er macht. Er begibt sich auf eine Fahrt und in eine Gefahr hinein, die lauert gewissermaßen an jeder Ecke. Viel härter kann man sich nicht testen, als er das macht."

Von Auftritt zu Auftritt rollt der Magical-Mystery-Tourbus. Die Promotion-Tour für die Labels Bummbumm und Kratzbombe ist mit Hits wie "Hallo Hillu" von DJ Schöpfi ein irrer Reigen von Euphorie, Enthemmtheit und Unernst. Regener entwirft ein Road-Movie, das sich zuletzt nur allzu leicht im bloß Komödiantischen verlieren könnte, wären da nicht die immer neuen Verwicklungen und Angstattacken, die Karl Schmidt mehr als einmal in bedrohliche Situationen bringen - und kurz vor den erneuten Absturz. Vor allem die raren Momente der Tour-Routine, die es zwischendurch auch gibt, dürften dabei einer Realität nahekommen, wie sie der Musiker Sven Regener wohl hundertfach selbst erlebt hat.

"Also, das ist klar, man schreibt nicht über Sachen, von denen man gar nichts versteht. Oder vielleicht macht man das, wenn man ein guter investigativer Journalist ist. Das wollte ich alles nicht; Sachen ranholen, recherchieren - das ist nicht mein Ding. Ich arbeite gern mit Sachen, die ich kenne und von denen ich etwas verstehe. Aber ich mache halt andere Musik. Durch die Distanz interessiert mich das mehr, als ihn auf eine Rock ’n Roll-Tournee zu schicken. Das wäre mir viel zu viel eins zu eins mit meinem eigenen Leben."

Ein Wiedersehen der Freunde ist möglich

Am Ende der Tour, beim großen Techno-Abschluss-Happening in Essen, ist auch Frank Lehmann dabei. Er kümmert sich um die Gastronomie für ein Rave-Label. Doch zu einer Begegnung der alten Freunde kommt es nicht.

"Das ist eigentlich eine ganz elegante Lösung so, weil der Karl in Wirklichkeit keinen Bock drauf hat. Dann hatte ich auch keinen. Das hätte ja nochmal ein ganz neues Fass aufgemacht."

Wie sehr es Regener womöglich reizen würde, doch noch ein Wiedersehen des Freundespaares zu inszenieren oder die Krankenakte von Karl Schmidt aufzuschlagen, bleibt offen. Vorerst ist jedenfalls wieder die Band an der Reihe, von der Regener sagt, sie sei nach wie vor das Größte in seinem Leben.

"Ich glaube, es gibt als Künstler nichts Besseres, als Musik zu spielen. Wenn es solch einen Moment des Sich-selber-Vergessens gibt, dann sicher, wenn man Musik macht. Wenn man einen Text schreibt, hat das viel mit Kontrolle zu tun, mit Ideen, mit Anspruch. Das ist ein relativ rätselhafter Prozess, aber der hat nichts Rauschhaftes. Gleichzeitig ist es so, dass ich dachte, ich hätte es sehr vermisst, wenn ich in meinem Leben nie einen Roman geschrieben hätte. Ich wollte das eigentlich immer machen. Nicht, weil ich Schriftsteller sein wollte, sondern weil ich dachte, dass es toll ist, solch ein monumentales Ding zu machen."

Das neueste Ding ist wieder monumental gelungen. Und zum Glück muss keiner wählen zwischen dem aktuellen Album und einem neuen Roman von Sven Regener. Es gibt sie beide - im Wechsel.

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