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StartseiteForschung aktuellSymbiose von Natur und Chemie19.06.2008

Symbiose von Natur und Chemie

Fachkongress präsentiert neuartige Werkstoff-Kombinationen

<strong>Chemie. - Kunststoffe basieren zum großen Teil auf Produkten der Ölindustrie. Dass es aber auch ganz anders geht in Zeiten der Verteuerung fossiler Energieträger, zeigt ein internationaler Fachkongress in Kassel. Dort weist der Trend hin zur Nutzung grüner Rohstoffe, darunter etwa ein Werkstoff aus Holzabfällen.</strong>

Von Elke Drewes

Natur und Synthetik ergänzen sich in vielseitigen und haltbaren Kunststoffen. (AP)
Natur und Synthetik ergänzen sich in vielseitigen und haltbaren Kunststoffen. (AP)

Aus Holzabfall und den Kunststoffen Polyethylen und Polypropylen werden die neuen holzfaserverstärkten Kunststoffe hergestellt. Sie lassen sich in unterschiedliche Formen spritzen: runde Regalstangen oder Sichtschutz für den Balkon mit Flechtmuster. Wie regenbeständig die Balkonwand oder auch Gartenmöbel aus holzfaserverstärkten Kunststoffen sind, hängt von der Mischung ab, sagt Volker Sperber vom Institut für Werkstoff- und Recyclingtechnik der Universität Kassel:

"Sie können den Holzanteil auf 80 Prozent erhöhen, dann kann es passieren, dass es bei ungünstigen Wetterbedingungen zur Wasseraufnahme kommt."

Aber gegenüber reinem Holz hat der neue Werkstoff den Vorteil: Pilze können sich hier nur auf der glatten Oberfläche ansiedeln, sie können das Material nicht zersetzen. Auch wird das Kunststoffholzgemisch nicht von Insekten zerfressen.

"Da sind keine Imprägnierungsmittel drin, die ja chemisches Gift bedeuten."

Deshalb sind die holzverstärkten Kunststoffe auch gut geeignet für Spielgeräte und Klettergerüste auf Kinderspielplätzen, sagt Volker Sperber vom Institut für Werkstofftechnik. Auch Terrassenböden aus holzfaserverstärktem Kunststoff sind ein neuer Trend. Sie sehen aus wie Holz wie Fichte etwa, bestehen aber nur zu 60 Prozent aus Holz und zu 40 Prozent aus Polypropylen. Gegenüber Terrassensteinen haben sie den Vorteil, dass sie - unabhängig von den Außentemperaturen- weder zu kalt noch zu heiß werden. Um sie länger gegen UV Strahlen zu schützen, empfiehlt Hersteller Egmund Oschmann aus dem hessischen Biedenkopf Breitenstein, das Terrassenparkett einzuwachsen, und so die Lebensdauer zu erhöhen.

"Ich denke mal zehn, zwölf Jahre ohne Probleme. Es könnte in der Farbe etwas nachlassen wie man es vom Holz kennt. Ansonsten eine Garantie über 20 Jahre kann ihnen keiner geben, solange reicht die Erfahrung im Test auch nicht."

Der Kunststoff Polypropylen kombiniert mit Naturfasern aus Hanf, Flachs, Jute oder Holzmehl ist ein neuer Werkstoff für die Herstellung von leichten Haushaltsgegenständen wie Kehrblechen und Regalkästen. Das neue Material sieht aus wie Kork, ist aber hart wie Kunststoff, erklärt Angela Ries vom Institut für Werkstofftechnik der Universität Kassel.

"Es ist so, dass naturfaserverstärkte Kunststoffe dieselbe Lebensdauer haben wie andere Kunststoffe. Es sieht aber interessanter aus."

Zu 100 Prozent aus Naturfaser besteht ein ganz neuer Werkstoff aus Lignin. Lignin ist ein Stoff, der die Verholzung der Zelle bewirkt. Bei der Papierproduktion wird er heraus gefiltert. Mehr als 60 Millionen Tonnen Lignin werden jährlich weltweit auf Mülldeponien verbrannt. Aus diesem Abfall der Papierindustrie haben zwei Erfinder aus Baden Württemberg jetzt einen neuen Werkstoff hergestellt: Arboform. Er sieht aus wie Kunststoff und lässt sich auch so verarbeiten: unterschiedlich einfärben und in verschiedenen Formen spritzen und gießen. Auf dem Fachkongress in Kassel präsentiert Jürgen Pitzer von der Technaro GmbH aus Heilbronn Blockflöten, Musikboxen- und Uhrengehäuse, sowie Koffer und Sessellehnen aus Lignin.

"Es ist beständig wie Holz, wenn sie an den Wohnzimmerschrank denken. Aber in entsprechender Umgebung, im Kompost baut es ab wie Holz."

Deshalb werden aus dem neuen Werkstoff aus Lignin auch Urnen hergestellt, die sich 100 Prozent im Friedwald zersetzen. Volker Sperber vom Institut für Werkstoff- und Recyclingtechnik der Universität Kassel sieht im Lignin den Werkstoff der Zukunft:

"Der richtige Trend für die Zukunft ist eben das Recyclingholzprodukt mit Lignin, weil Lignin ein Naturstoff ist, der bisher verbrannt wurde und jetzt haben eine Firmen und Wissenschaftler erkannt, das ist ein ganz toller natürlicher Kunststoff, aber es ist Natur, ein Stück vom Baum. Das ist ein Trend, der kommen wird."

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