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StartseiteKultur heute"Quoten formulieren, Missachtung sanktionieren"04.11.2018

Symposium "Wonderlands - Führungspositionen in den Performing Arts""Quoten formulieren, Missachtung sanktionieren"

78 Prozent der Inszenierungen auf deutschen Bühnen stammen von Männern, das soll sich ändern. Mit Zielvereinbarungen sei auf jeden Fall Fortschritt zu erreichen, sagte Cornelie Kunkat vom Projektbüro "Frauen in Kultur und Medien" im Dlf. Das Symposium "Wonderlands" in Düsseldorf beschäftigte sich mit dem Thema.

Cornelie Kunkat im Gespräch mit Doris Schäfer-Noske

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Frauentags-Demonstration in Berlin - die Proteste richteten sich gegen Sexismus und Geschlechterdiskriminierung. Auf einem Schild steht "Gleiche Rechte für alle", Demonstrantinnen rufen etwas mit erhobenem Arm (imago/Christian Mang)
Frauentags-Demonstration in Berlin (imago/Christian Mang)
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Doris Schäfer-Noske: Ein Theater wie das Hamburger Schauspielhaus ist mit Karin Beier an der Spitze immer noch eine große Ausnahme. Die MeToo-Debatte hat zwar neuen Schwung in die Diskussion um die Gleichberechtigung von Frauen und Männern gebracht. Aber gerade im Bereich Theater zeigt sich allzu oft noch das alte Machtgefälle: Die Frauen sind Schauspielerinnen, die Männer haben das Sagen, sind Regisseure und Intendanten. Nach Angaben des Frauenkulturbüros NRW liegt der Anteil von Männern an der Spitze von Theatern und Sparten von öffentlich geförderten deutschen Theatern derzeit bei 78 Prozent. Genauso hoch ist danach der Prozentsatz der Männer, die an deutschen Theatern Regie führen. Und das, obwohl es an den Hochschulen in den Fächern Darstellende Kunst, Bühnenkunst und Regie 66 Prozent Studentinnen gibt.

- Um nach Lösungen für dieses Problem zu suchen, hat das Frauenkulturbüro NRW an diesem Wochenende zu einem Symposium nach Düsseldorf eingeladen. Und mit dabei war Cornelie Kunkat, Referentin im Projektbüro für Frauen in Kultur und Medien, das beim Deutschen Kulturrat angesiedelt ist.­ Warum ist denn die Situation immer noch so ungerecht, Frau Kunkat?

Cornelie Kunkat: Ich würde sagen, es sind immer noch Geschlechterklischees, die auch über den Zeitraum von 20, 30 Jahren nicht abgebaut werden konnten. Und es ist immer noch nicht als Unternehmensziel bei den Theatern definiert, dass Gleichstellung, also Parität, ein gebotenes Ziel im Jahre 2018 wäre.

Schäfer-Noske: Das heißt, man hat immer noch das Klischee 'die schöne Schauspielerin' und 'der cholerische Regisseur'?

Kunkat: Ja, gerade im Theaterbereich spielt dieser Genie-Kult eine sehr, sehr große Rolle. Es geht gar nicht mehr nur um die junge schöne Schauspielerin, sondern auch um die Rollenverteilung auf der Bühne. Die Rollen, die überhaupt zur Verfügung stehen. Da ist ein großes Manko noch zu sehen angesichts der Texte und Stücke, die auf deutschen Bühnen aufgeführt werden.

Kaum berechenbare Zeit für Privat- oder Familienleben

Schäfer-Noske: Wie steht es denn um die Vereinbarkeit von Familie und Führungspositionen an deutschen Theatern, Frau Kunkat?

Kunkat: Auf dem Symposium hat Professor Axel Haunschild von der Universität Hannover einen sehr interessanten Vortrag gehalten, der nochmal das Berufsbild und auch die Anforderungen an Schauspieler, Dramaturgen, Intendanten dargestellt hat, der insgesamt darauf basiert, dass die Leute kaum berechenbare Zeit für ihr Privat- und Familienleben haben. Aber auch die Berechenbarkeit der Stunden, die man überhaupt zur Verfügung stellen muss, ist einfach sehr schwierig. Diese Unberechenbarkeit trifft natürlich Männer und Frauen gleichermaßen, wenn man davon ausgeht, dass sich beide um die Kinder oder vielleicht um die älter werdenden Eltern kümmern. Aber offenbar ist es immer noch so, dass sich Frauen diesen Schuh eher anziehen und ihnen deshalb diese hohe Flexibilität eher auf die Füße fällt.

Schäfer-Noske: Wie ist denn Deutschland bei den Führungsrollen für Frauen im Theater im internationalen Vergleich aufgestellt?

Kunkat: Da gibt es, ehrlich gesagt, noch relativ wenig Zahlen. Es gab hier auf dem Symposium eine vergleichende Studie der Hertie School of Governance zu "Frauen in Kultur und Medien", die an die große Studie des Deutschen Kulturrates angeknüpft hat. Sie vergleicht fünf europäische Länder, aber: auf knapp 200 Seiten fünf Länder im Vergleich über alle Kultursparten hinweg, da kann man wenig sagen, inwieweit das an Theatern in anderen Ländern besser ist. Soweit ich die anderen deutschen Bühnen und da die Zahlen kenne, sind die Zahlen aber sehr vergleichbar - leider.

Quoten oder Selbstverpflichtung schafft schnell Fortschritte

Schäfer-Noske: Können wir denn dann von anderen Ländern auch nichts lernen?

Kunkat: Doch! Man kann von anderen Ländern insofern lernen, als man sagen kann, dass immer dann, wenn Quoten oder Zielvereinbarungen formuliert werden, und deren Missachtung auch sanktioniert wird, vielleicht durch weniger Mittelzuwendung oder… oder…., dass dann auf jeden Fall Fortschritt zu erreichen ist.

Schäfer-Noske: Ist es denn dann die Aufgabe der Politik, für Gleichberechtigung zu sorgen an deutschen Theatern?

Kunkat: "Die" Politik ist schwierig, weil wir Landes- und städtische Bühnen haben, wir haben Nationaltheater, da ist "die" Politik jeweils ein anderer Ansprechpartner auf kommunaler oder eben auf Länder-Ebene. Aber grundsätzlich sollte ein größeres Einverständnis dazu gefunden werden, dass man sich solche Selbstverpflichtungen auferlegen muss. Denn man sieht ganz eindeutig, dass an den 20 Prozent der Bühnen, wo Frauen in der Intendanz sind, sie absolut die Möglichkeit haben, ich würde mal sagen binnen ein, zwei Spielzeiten, schon relativ viel zu verändern. Und das haben auch viele Frauen, die jetzt schon in der Intendanz sind, schon unter Beweis gestellt. Dass sowohl, was die Position der Leitungsfunktionen angeht, da sehr schnell Fortschritte erreicht werden können in Richtung Parität, dass aber auch die Stückevielfalt sehr viel diverser ist, und dass auch von den Dramaturginnen oder Schauspielerinnen einfach mehr auf der Bühne stehen bzw. in die Produktionen involviert sind.

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