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StartseiteInformationen am MorgenVerbrennt Assad getötete Folteropfer?17.05.2017

SyrienVerbrennt Assad getötete Folteropfer?

Um systematische Massenmorde zu verschleiern, habe der syrische Machthaber Baschar al-Assad im berüchtigten Militärgefängnis Saidnaya ein Krematorium bauen lassen - so der Vorwurf des US-Außenministeriums. Amnesty International drängt nun auf die Einsetzung unabhängiger Beobachter.

Von Georg Schwarte

Ein Satellitenbild soll das syrische Militärgefängnis Saidnaya zeigen. Es liegt etwa 30 Kilometer von der Hauptstadt Damaskus entfernt. Hier soll Staatspräsident Assad ein Krematorium bauen lassen haben um ermordete Gefangen zu verbrennen. Foto: AFP (Amnesty International/AFP/Google Earth)
Das syrische Gefängnis Saidnaya: Ließ Machthaber Assad hier ein Krematorium bauen um ermordete Gefangene zu verbrennen? Das behauptet das amerikanische Außenministerium. (Amnesty International/AFP/Google Earth)
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Es ist ein unerhörter Vorwurf: Baschar Al Assad, der syrische Machthaber foltert und tötet nicht nur tausende Gegner in seinen Militärgefängnissen sondern hat – so behauptet das amerikanische Außenministerium zu Wochenbeginn - jetzt ein Krematorium bauen lassen, um die in Massengräbern verscharrten Leichen zu verbrennen:

"Obwohl die vielen Grausamkeiten Assads gut dokumentiert sind, ist der Bau eines Krematoriums der Versuch den Massenmord im Saidnaya-Gefängnis zu verschleiern."

Stuart Jones vom US-Außenministerium zeigte Satellitenfotos. Für die USA scheint klar: Assad foltert, tötet und jetzt verbrennt er die Leichen, um Beweise zu vernichten. Nikki Haley, Amerikas UN-Botschafterin – schriftlich liess sie erklären, an was sie das erinnere:

"Der Versuch, Massenmord mittels eines Krematoriums zu verschleiern erinnert an die schlimmsten Verbrechen gegen die Menschheit des 20. Jahrhunderts."

"Ein Schlachthaus für Menschen"

Saidnaya. Ein Militärgefängnis 45 Minuten Fahrt außerhalb von Damaskus. Amnesty International nennt es seit Jahren das Schlachthaus für Menschen: 13.000 Gefangene seien dort exekutiert worden. Auf grausame Weise. Zwei, drei Mal die Woche würden jeweils 50 Gefangene aufgehängt. Sherin Tadros von Amnesty erzählt vom Schrecken der Opfer vor dem Schrecken:

"Grausame, grausame Details. Sie führen die Gefangenen in einen Keller, sagen ihnen sie würden in ein Zivilgefängnis verlegt. Sie ahnen erst, dass sie sterben sollen, wenn sie die Schlinge um den Hals haben. Und Sekunden vor ihrem Tod hören sie die Schreie der anderen Sterbenden."

13.000 Mal seit 2011. Die Zahl sei noch konservativ geschätzt. Und das seien nur die Massenhinrichtungen. Amnesty hat alles dokumentiert, Zeugenaussagen über Vergewaltigungen. Über Folter. Über täglichen Horror:

"Essen, das in die Zellen geworfen wird, gemischt mit Blut, Ratten, Fäkalien. Grauenhafte Geschichten."

Und jetzt also Krematorien? Bei den Vereinten Nationen Ratlosigkeit. Der Sprecher von UN-Generalsekretär Guterres sagt, man habe keine unabhängigen Informationen darüber:

"Wir können die Existenz nicht unabhängig bestätigen, weil das Assad-Regime wieder und wieder Zugang von unabhängigen Beobachtern zu den Gefängnissen verweigert hat."

Taten statt Worte

Assad selbst leugnet die Existenz von Krematorien, nennt die amerikanischen Behauptungen einen "Hollywood-Roman". Dass die UN-Botschafterin der USA sich an die Krematorien der Nazis erinnert fühlt, bei Amnesty lösen die dramatischen Worte der UN-Botschafterin Haley gemischte Reaktionen aus_

"Dies sind deutliche Worte von Nikki Haley und sie formuliert stets sehr drastisch wenn es um Syrien geht aber es hat nie zu etwas geführt. Wir brauchen keine Worte, wir brauchen Taten."

Amnesty fordert unabhängige Beobachter, denn auch Amnesty kann den Krematoriumsvorwurf nicht belegen. Schickt Experten in die Gefängnisse, fordern sie.  Der Sicherheitsrat solle genau das durchsetzen. Sherin Tadros von Amnesty weiß um die Blockade dort: Hier Russland und China – dort der Rest. Aber was,  sagt sie, müsse denn noch geschehen?:

"Manchmal scheint es, als kann uns in Syrien nichts mehr schocken. Als seien wir immun, als bewege uns nichts mehr Aber das darf nicht passieren, wir brauchen Gerechtigkeit."

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