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StartseiteInterview"Verlassenes Volk"06.03.2014

Syrien"Verlassenes Volk"

Neun Millionen Syrer sind auf der Flucht, viele würden ohne Hilfe verhungern, sagte Grünhelme-Mitbegründer Rupert Neudeck im Deutschlandfunk. Die Vereinten Nationen könnten das nicht leisten, deshalb schlage zurzeit "die große Stunde der privaten Hilfe".

Rupert Neudeck im Gespräch mit Friedbert Meurer

"Grünhelme"-Gründer Rupert Neudeck (dpa / Britta Pedersen)
"Grünhelme"-Gründer Rupert Neudeck: Fast die Hälfte der syrischen Bevölkerung ist auf der Flucht. (dpa / Britta Pedersen)
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UNO-Bericht: 250.000 Syrer unter Dauerbeschuss (Deutschlandfunk, Aktuell, 05.03.2014)

Friedbert Meurer: Es gibt einen Krieg, in dem längst täglich geschossen und gestorben wird und über den wir nur noch relativ wenig berichten, nämlich den Krieg in Syrien. Über 100.000 sind gestorben, kein Ende ist abzusehen. Gestern haben die Vereinten Nationen einen neuen Untersuchungsbericht veröffentlicht über die Schrecken des Krieges in Syrien.

Neun Millionen Syrer befinden sich inzwischen in Syrien auf der Flucht, oder sind vertrieben worden. Das ist fast die Hälfte der Bevölkerung Syriens überhaupt. Die Menschen fliehen aus den zerbombten Städten wie Aleppo oder Homs, unter anderem in die Türkei oder in die Flüchtlingslager, die es an der Grenze zwischen Syrien und der Türkei gibt. Und von genau dort, von diesen Flüchtlingslagern, ist Rupert Neudeck zurückgekehrt, der Vorsitzende der Hilfsorganisation Grünhelme, die unter anderem eine Schule in den Flüchtlingslagern unterhält. Guten Morgen, Herr Neudeck.

Rupert Neudeck: Guten Morgen, Herr Meurer.

Meurer: Welche Flüchtlingsgeschichte, die Sie in den letzten Tagen gehört haben, hat Sie am meisten bewegt und beeindruckt?

Neudeck: Ich habe jemanden getroffen, der auf der Flucht war von Homs, dem eine Kugel noch im Bein saß und der nach Reyhanli kam, weil er nur dort die Splitter aus seinem Bein wieder entfernt bekommen konnte. Den habe ich erlebt und der hat mir erzählt von der Situation in seinem Land, und dann bleibt einem einfach die Sprache weg, wenn man hört, was in einem Land, in einem Volk im Jahre 2014 passieren kann, ohne dass wir einfach verrückt werden und irgendetwas machen müssen.

Zivilisten verlassen Homs. (afp / Bassel Tawil)Zivilisten verlassen Homs. (afp / Bassel Tawil)

Aleppo und Homs sind zu Geisterstädten geworden

Meurer: Gerade die Stadt Homs scheint sehr zerstört zu werden, Aleppo auch. Was haben Sie über diese beiden Städte erfahren?

Neudeck: Das sind die Städte, die wahrscheinlich zu großen Teilen Geisterstädte geworden sind. Das sind ja Städte, die viele der deutschen Zuhörer kennen gelernt haben als Touristen. Das sind wunderbare Zeugnisse einer architektonischen Baukultur, die in die Zeit der Religionsgründungen des Christentums und des Islam zurückreichen. Diese Städte kann man vergessen, denn die sind fast zerstört, und die Hauptzahl der Menschen ist geflohen.

Die Flucht findet in alle Richtungen statt. Es gibt Höhlenmenschen jetzt. ich habe Bilder gesehen, die aufgenommen worden sind von Menschen, die aus der Stadt herausgegangen sind in Höhlen um die Stadt herum. Das betrifft jetzt Aleppo. Dort leben Menschen in Höhlen, weil sie es nicht aushalten, diese Ungewissheit, dass wieder eine Mig kommen kann oder eine Hercules oder ein Hubschrauber, der eine Fassbombe herunterschmeißt. Die Fassbombe ist eine neue Erfindung dieses syrischen Krieges.

Meurer: Wie sieht das aus? Wie muss man sich das vorstellen? Fassbomben sind ja auch im UNO-Untersuchungsbericht erwähnt worden. Was ist das?

Neudeck: Ja. Das ist die Steigerung, die quantitative Steigerung des Schreckens von Bombenangriffen. Die Bombe ist nicht mehr nur die, die aus einer Fabrik herauskommt, oder ein Torpedo, das in das Flugzeug gesetzt wird und dann runterrast auf ein Ziel, sondern das ist eine Bombe, die ausdrücklich dafür da ist, das Maximum an Zerstörung am Boden zu erreichen durch diese geballte Masse von Explosivstoffen, die in dieses Fass hineingepumpt wird.

Ich habe jetzt gehört – das war eine zweite furchtbare Nachricht, die ich in Reyhanli in der Türkei an der Grenze zu Syrien gehört habe -, dass es jetzt noch eine Steigerung von Fassbomben gibt, nämlich Containerbomben. Ein ganzer Container wird vollgepumpt mit TNT, damit das Loch, das dann entsteht in einer Stadt, in einer menschlichen Wohnstadt, so groß ist, dass die Angst der Bevölkerung so ist, dass die einfach weggehen müssen.

"Es gibt wirklich wahnsinnigen Hunger"

Meurer: Die Zivilbevölkerung flieht vor den Bomben und sie flieht, weil sie Hunger leidet. Der Hunger wird als Waffe eingesetzt, sagt der UNO-Bericht. Was haben Sie davon mitbekommen oder erfahren?

Neudeck: Das hat mich auch so entsetzt, weil 2012, als ich zum ersten Mal nach Syrien hineinkam, gab es noch keinen Hunger und man konnte sehen, dass die Menschen durch die Selbstverwaltung, die sie organisiert haben, die Nahrungsversorgung in der Hand hatten. Sie haben das organisiert, sowohl durch die Bezahlung der Bauern und die Bezahlung des Mehls, was so ganz wichtig ist für die - das Grundnahrungsmittel der Syrer ist das Mehl, sind die Brote, die morgens als Fladenbrote überall herumgereicht werden.

Meurer: Gibt es das jetzt überhaupt noch? Wird überhaupt noch geerntet, wird überhaupt noch angebaut?

Neudeck: Teilweise ja, aber es ist natürlich durch die Angst vor den Angriffen, die stündlich, täglich, nächtlich kommen können, schwierig. Die Angst ist so groß, dass die Ernte nicht mehr funktioniert, und damit funktionieren die Basare auch nicht, die ja eigentlich das Herzmittel der Wirtschaft eines arabischen Landes sind. Deshalb gibt es den Hunger, den ich gar nicht für möglich gehalten hatte vor zwei Jahren, aber es gibt wirklich wahnsinnigen Hunger, und den muss man sich natürlich für Kinder ganz besonders schlimm vorstellen.

Hilfe wird von der türkischen Stadt Reyhanli aus organisiert

Meurer: Sie haben mir vor dem Gespräch gesagt, es werden Lebensmittel geliefert über die türkische Grenze. Das läuft teilweise im privaten Austausch. Wie wird diese Verteilung von Nahrungsmitteln so organisiert, dass die syrische Zivilbevölkerung auf syrischem Boden etwas bekommt?

Neudeck: Das ist eigentlich die einzige kleine gute Nachricht, die ich mitgebracht habe. Es gibt eine Fülle von Organisationen, die sich an der türkischen Grenze gesammelt haben, und auch deutsche Organisationen, deutsche Initiativen, die sich darauf konzentrieren, Nahrungsmittel, Konvois mit Nahrungsmitteln bis an die türkische Grenze zu bringen. In Reyhanli – dieser Ort ist wahrscheinlich für die syrische Bevölkerung der wichtigste auf der ganzen Welt – sitzen Vertreter von Dörfern, von Gymnasien, von Schulen, von Hospitälern, die alle dafür sorgen, dass diese Konvois und diese Nahrungsmittel, diese LKW an die Grenze gebracht werden. Dort verlangt die türkische Regierung zurecht, dass sie umgeladen werden, aber dann werden sie mit den Leuten aus diesem Dorf und dem Vertreter aus Reyhanli dort hingebracht.

Meurer: Wieso zurecht umladen? Warum? Das macht die Sache doch komplizierter.

Neudeck: Weil die Türkei nicht ganz zu Unrecht verlangt, dass die türkischen Wagen nicht in diese Kriegsgefahr hineinkommen, und das ist ja eine Bitte, die nicht ganz unbillig ist. Es gibt weiter Wagen genug in Syrien, das kann man gut organisieren. Man kann es auch nachverfolgen. Diese Vertreter bringen dann Bilder mit von der Verteilung dieser Nahrungsmittel, auch von der Verteilung von Medikamenten, von der Verteilung von medizinischem Gerät. Das alles ist sehr, sehr wichtig.

"Die große Stunde der privaten Hilfe"

Meurer: Ist diese Hilfe, wie Sie sie gerade beschreiben, Herr Neudeck, ist das nicht nur der berühmte Tropfen auf den heißen Stein? Was könnte man mehr tun?

Neudeck: Der Tropfen auf den heißen Stein ist wahrscheinlich die größte Wirksamkeit in der Menschheitsgeschichte, die wir uns vorstellen müssen, weil wenn wir den Tropfen oder die vielen Tropfen, die zusammenkommen, wenn wir das nicht machen würden, würde ein Teil dieser Menschen jetzt verhungern. Die UNO, um das klar zu sagen, die UNO und die westlichen Regierungen können mit Regierungsmitteln das alles nicht machen. Das heißt, das ist die große Stunde zur Rettung von Menschen, von Kindern, von Frauen, von Familien, die große Stunde der privaten Hilfe. Das ist die einzige Möglichkeit, mit der die syrische Bevölkerung gegenwärtig überlebt.

Meurer: Unmittelbar nach der Rückkehr haben Sie gesagt oder geschrieben, man soll Lebensmittel aus der Luft abwerfen. Ist das überhaupt denkbar, Stichwort Verletzung des syrischen Luftraums?

Neudeck: Das ist jetzt der politische Aspekt. Ich besinne mich sehr gut, dass vor 20 Jahren es eine wahnsinnige Hungersnot in einem Land gab: der Süden des Sudan, der damals noch kein Staat war. Da hat der UNO-Sicherheitsrat beschlossen und Unicef beauftragt, einen Flughafen an der Grenze von Kenia zum Sudan einzurichten, um dort Airdropping, wie man in der englischen humanitären Sprache sagt, zu organisieren. Das heißt: Jeden Morgen um sechs Uhr sind mit großem Getöse sechs Hercules-Maschinen über den Südsudan geflogen und haben aus den dicken Bäuchen dieser Hercules Nahrungsmittel zu den Dörfern dieser hungernden Sudanesen gebracht.

Internationale Gemeinschaft muss Hilfe steigern

Meurer: Ist das jetzt übertragbar? Ist das vorstellbar in Syrien?

Neudeck: Ja. Ich denke, das ist auch ein Beweis dafür, dass die internationale Gemeinschaft nicht die Intensität der Aufmerksamkeit für ein Land hat, das total verloren ist unter seiner eigenen Regierung. Die Intensität der Aufmerksamkeit und der Fürsorge, die man im 21. Jahrhundert erwarten muss, diese Intensität muss sich dadurch sichtbar machen, dass die ultima ratio, die letzte Möglichkeit der Ernährung einer Bevölkerung aus der Luft stattfindet. Das, glaube ich, würde die Dramatik der Situation dieses verlassenen Volkes noch mal ganz besonders steigern.

Meurer: Rupert Neudeck, Vorsitzender der Hilfsorganisation Grünhelme, fordert mehr internationale Hilfe für die notleidende syrische Zivilbevölkerung. Herr Neudeck, danke für Ihren Besuch im Studio.

Neudeck: Danke.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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