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StartseiteBüchermarktVon der hohen Kunst des Falknerns 08.05.2019

T.H. White: "Der Habicht" Von der hohen Kunst des Falknerns

Bekannt wurde der englische Schriftsteller T.H. White durch seine Fantasyromane über König Artus und die Ritter der Tafelrunde. Besonders geschätzt wird er aber für einen Geheimtipp in seinem Werk: "Der Habicht" ist ein Klassiker des angelsächsischen Nature Writing.

Von Eberhard Falcke

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Buchcover T.H. White: „Der Habicht“ und im Hintergrund ein Habicht (Cover: Matthes & Seitz Verlag/ Hintergrund: blickwinkel)
Tagebuch einer versuchten Habichtzähmung (Cover: Matthes & Seitz Verlag/ Hintergrund: blickwinkel)

Ohne, Zweifel, das hat etwas Faszinierendes: Wenn die Könige der Lüfte sich herablassen und die Hand des Menschen als irdische Bodenstation akzeptieren. So geschieht es bei der Beizjagd mit Greifvögeln, die seit tausenden von Jahren in Asien und Europa ausgeübt wird und inzwischen zum immateriellen Kulturerbe der Menschheit gehört.

Der Habicht reist im Wäschekorb

Es war also durchaus eine ebenso traditionsreiche wie sagenumwobene Tätigkeit, die sich der englische Schriftsteller Terence Hanbury White aussuchte, als er sich 1936 der Falknerei zuwandte, um darüber ein Buch zu schreiben. Aus Deutschland hatte er einen Habicht kommen lassen, das Transportbehältnis bestand aus einem mit Sackleinen vernähten Wäschekorb. Doch kaum hatte er die ersten Versuche unternommen, den Vogel zu zähmen, dämmerte ihm, was für ein womöglich heilloses Abenteuer ihm da bevorstand:

"Krampfhaft umklammerten seine krummsäbelartigen Klauen den Lederhandschuh, auf dem er stand. Einen Augenblick lang starrte er mich mit irren Ringelblumen- oder Löwenzahnaugen an, das gesamte Gefieder eng an den Körper angelegt, der Kopf wie der einer Schlange geduckt, aus Angst oder Hass. Dann sprang er wild mit den Flügeln schlagend von der Faust ab."

Zurück nach Buckinghamshire

In aufgewühltem Zustand dürfte sich jedoch nicht nur der Habicht, sondern auch sein neuer Herr befunden haben. Denn T. H. White war gerade dabei, eine Zäsur zu vollziehen, wie es noch einige weitere in seinem Leben geben sollte. Nicht nur dass seine Schriftstellerei ins Stocken geraten war, er empfand auch zunehmenden Überdruss an der Zivilisation, insbesondere an seiner Tätigkeit als Lehrer. Er zog sich also in ein Wildhüter-Cottage in der Grafschaft Buckinghamshire zurück, um beim Jagen und Fischen selbst  einen Zustand natürlicher Verwilderung zurück zu gewinnen. Bei dieser Annäherung an die Natur sollte dem Habicht eine Schlüsselrolle zukommen. Der Schriftsteller täuschte sich allerdings nicht darüber hinweg, dass der Vogel dabei das schlechtere Los gezogen hatte:

"Ich war gerade der Menschheit entkommen, der arme Habicht hingegen war gerade in ihre Fänge geraten"

Das Abrichten eines Greifvogels zur Beizjagd, heißt in der Fachsprache der Falknerei "Abtragen". White hatte damit keinerlei Erfahrung und zog zu allem Überfluss auch noch veraltete Literatur zu Rate, unter anderem eine Abhandlung aus dem Jahr 1619. Daraus bezog er die Anweisung, man müsse den Vogel mehrere Tage und Nächte unablässig auf der Hand tragen, bis er sich durch Hunger und Schlafmangel seinem Herrn ergebe und anvertraue.

Goshawk und die Diktatoren

Das hatte zwar den Nachteil, dass die Nerven von Mensch und Tier auf diese Weise gleichermaßen bis an die Grenzen des Erträglichen strapaziert wurden. Literarisch aber ging damit der Vorteil einher, dass dadurch die Dramatik von Whites Rückzug in die Natur umso drastischer hervortrat. Schließlich fand seine Auseinandersetzung mit dem Habicht, dem er nach der ersten Silbe der englischen Bezeichnung Goshawk den Namen Gos gegeben hatte, vor dem Hintergrund einer nicht zu Unrecht überaus pessimistischen Einschätzung der Weltlage statt. Von Hitler, Mussolini und Stalin erwartete er den Untergang und er war erfüllt von dem Drang aus dieser schlechten Welt zu fliehen:

"Der Umgang mit Gos in seiner letztlich reinen Abgeschiedenheit war besser als der endlose, gemeine Konflikt zwischen Mann und Frau oder der Hunger nach Macht in einem unreifen Kampf, der die Menschen zu nichts anderem als Geschäften, Rolls-Royce-Automobilen und Krieg führt

Nature Writing wird zur Selbsterfahrung

Abgesehen davon litt White unter sehr persönlichen Problemen. Durch traumatische Kindheitserfahrungen war er in seinen sexuellen Orientierungen verunsichert, außerdem neigte er zu Depressionen. Seine selbstverordnete Therapie dagegen bestand darin, etwas Neues zu lernen und in diesem Fall war dies die Falknerei, in die er sich mit dem Furor der Selbstverausgabung vertiefte. Viele Nächte schlug er sich um die Ohren, um seinen Habicht zu zähmen, der ihn launenhaft mal mit Fügsamkeit belohnte, mal mit Widerspenstigkeit enttäuschte. Wobei es nicht immer der dilettierende Falkner ist, der bei der Lektüre das größere Mitgefühl auf sich zieht:

"Springt der Vogel ab und läuft dabei Gefahr, an seinen Geschühriemen baumelnd kopfüber am Handschuh zu hängen, kann man ihm mit einer leichten Drehung des Handgelenks wieder auf die Faust helfen, während er immer noch mit den Flügeln schlägt. Ich tat ihm diesen Gefallen nicht. Mit rasendem Herzen dachte ich: Na gut, dann spring doch ab, du dreckiger Mistkerl. Gos kletterte an seinen Fesseln wieder hinauf, in noch größerem Jähzorn als zuvor – nur um erneut abzuspringen."

Ein Psychodrama von Tier und Mensch

White beschreibt seine Vorgehensweise, seine Überlegungen, Beobachtungen und Handgriffe mit größter Genauigkeit und Anschaulichkeit. Wie er Vögel und Kaninchen jagte, um frische Atzung herbeizuschaffen, die er dem Habicht auf seinem Lederhandschuh in genau bemessen Mengen verfütterte. Wie er die Riemen für das Geschüh zurechtschnitt, mit dem der Greifvogel auf der Hand gehalten wird. Wie er zu nächtlicher Stunde in jenem verregneten Sommer Fallen aufstellte, mit denen er einem  Sperberpaar nachstellte.

Wie er sich im Wald unter einer mit Pflanzen getarnten Armeedecke auf die Lauer legte, um Amseln als Köder für die Sperber zu fangen. Was übrigens bei aller sachlichen Zweckdienlichkeit ein sprechendes Bild für Whites kompromisslosen Willen zum Eintauchen in die Natur abgab. Doch im Mittelpunkt steht immer wieder die Aufgabe – oder genauer: das Psychodrama -, aus Mensch und Tier ein symbiotisch zusammenwirkendes Team zu machen, ein Vorhaben, das bei dem vormaligen Literaturlehrer immer wieder den Gedanken an Shakespeare aufkommen ließ, bei dem sich zahlreiche Motive aus der Falknerei finden:

Er flog, eine grausige Flugkröte, eine stillgefiederte Eule, ein buckliger, fliegender Richard III., ganz dicht über dem Boden direkt auf mich zu. Sein Flügelschlag war wohlbemessen, die Augen in seinem gesenkten Kopf fixierten mich mit schauriger Konzentration. Jetzt flog er, entsetzlich, drohend, nicht in Richtung Handschuh mit der Atzung, sondern geradewegs auf mein Gesicht zu. Als er noch etwa fünf Schritte entfernt war, verlor ich die Nerven. Ich duckte mich, hielt immer noch das Fleisch in der ausgestreckten Hand und hockte da, zwei Herzschläge lang.

Die Falknerei scheitert, doch das Schreiben gelingt

T.H. Whites "Der Habicht" gehört zu den Klassikern jenes Genres, das man in der angelsächsischen Literatur als Nature Writing bezeichnet. Diese Passage zeigt sehr schön, dass es dabei nicht unbedingt allein um Naturbeschreibung geht, sondern ebensogut um die konkrete und subjektive  Naturerfahrung des Erzählers. Tatsächlich entwickelt sich Whites Bericht nur bedingt zu einem scharf gezeichneten Naturbild mit Habicht sondern gerät vor allem zur Geschichte eines menschlichen Scheiterns. Eines Tages flog der schlecht gehütete Raubvogel davon und hat wohl, so ging die Vermutung seines  geknickten Besitzers, den Tod gefunden, als er sich mit den Lederriemen an seinen Beinen in den Ästen eines Baumes verfing.

Sonderlich glücklich ist der Rückzug von T. H. White in die Natur also nicht verlaufen. Eines ist ihm aber doch großartig gelungen: nämlich zugleich ergreifend und klarsichtig über diese Erfahrung zu schreiben. Er selbst allerdings konnte an dieses Gelingen nicht so recht glauben. Denn nachdem er als Falkner gescheitert war, gab er auch das Vorhaben, ein Buch darüber zu veröffentlichen, zunächst auf.

Erst als sein Verleger und Schriftstellerkollege David Garnett das Manuskript fünfzehn Jahre später zufällig entdeckte, kam dieser Erfahrungsbericht über die Flucht eines Zerrissenen in die Natur, in dem manche Bekenntnisse versteckt sind, an die Öffentlichkeit. Durch Ulrike Kretschmers sehr stimmige erste deutsche Übersetzung von "Der Habicht" kann man den Fantasy-Autor T.H. White nun von einer anderen, sehr persönlichen Seite kennen lernen. Das ist eine Entdeckung und ein Gewinn.   

T.H. White: "Der Habicht"
Aus dem Englischen von Ulrike Kretschmer
Verlag Matthes & Seitz, Berlin
188 Seiten, 30 Euro

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