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StartseiteGesichter EuropasTabus und Türkentum22.03.2008

Tabus und Türkentum

Armenier in Anatolien

Offiziell vollwertige Staatsbürger der Türkischen Republik, leben die Armenier de facto als Bürger zweiter Klasse in dem Land ihrer Vorfahren: Viele Berufe sind ihnen verschlossen, ihre Rechte sind eng begrenzt.

Mit Reportagen von Susanne Güsten, Redakteurin am Mikrofon: Barbara Schmidt-Mattern

Konterfeis von Überlebenden des Völkermords an den Armeniern vor 90 Jahren. (AP)
Konterfeis von Überlebenden des Völkermords an den Armeniern vor 90 Jahren. (AP)
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Ein armenischer Greis über die Gräueltaten der Türken in der so genannten Pogromnacht, 1955 in Istanbul:

"Als das Geschrei begann, rannte ich nach Hause. Wir haben sofort eine türkische Fahne aus dem Fenster gehängt, ich habe meiner Frau gesagt: Schnell, binde dir ein Kopftuch um wie die Musliminnen, nimm das Kind und geh rauf. Draußen war alles am Randalieren, am Zertrümmern und am Plündern - bis ein Uhr morgens ging das so."

Und eine Kollegin des ermordeten armenischen Journalisten Hrant Dink über die Zukunft der Armenier in der Türkei:

"Dass wir völlige Gleichberechtigung erlangen, das halte ich für fraglich. Vielleicht wird es ja noch. Seit wir die Zeitung gegründet haben, hat sich ja auch schon viel verändert, heute kann man viel offener über alles reden als damals - aber vielleicht habe ich da auch zu viel Hoffnung, vielleicht rede ich deshalb so daher."

Tabu und Türkentum: Gesichter Europas heute über die Armenier in der Türkei. Reporterin ist Susanne Güsten. Am Mikrofon begrüßt Sie Barbara Schmidt-Mattern.

"Ja, ich mag mich furchtsam fühlen wie eine Taube. Aber ich weiß, dass in diesem Land kein Mensch einer Taube etwas zuleide tut. Mitten in der Stadt und in der Menschenmenge können die Tauben ihr Leben leben. Etwas furchtsam, ja, aber auch frei."

Mitten in der Stadt, auf offener Straße wird der Armenier Hrant Dink am 19. Januar 2007 in Istanbul erschossen. Nur wenige Tage zuvor hat der Journalist seine letzte Kolumne veröffentlicht. Hrant Dink war der prominenteste Vertreter der armenischen Minderheit in der Türkei. Bis heute wird sie diskriminiert, ihre leidvolle Geschichte, der Massenmord im Jahre 1915, tabuisiert. Der Mörder von Hrant Dink ist ein arbeitsloser 17-Jähriger, der inzwischen vor Gericht steht. Doch die Hintermänner, türkische Ultranationalisten, Verfechter des Türkentums, bleiben bislang verschont. Sie sind das eine Gesicht der Türkei, für das andere gingen Hunderttausende in Istanbul im Januar 2007 auf die Straße. "Wir sind alle Hrant Dink", riefen sie. Solidarität mit einem Toten und seinen Idealen. Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten.

"Wir sind alle Türken", stand auf Transparenten nur wenige Tage später zu lesen. Hochgehalten in den Fankurven der Fußballklubs. Nationalistische Parolen sind in türkischen Stadien nichts Ungewöhnliches, Politik und Sport verbrüdern sich gerne zur Ehre des türkischen Vaterlandes. Eine Volleyballmannschaft in Istanbul versucht dagegen den umgekehrten Weg:



Neues Selbstbewusstsein wagen: Besuch bei einer jungen armenischen Volleyballmannschaft


Lockerungsübungen auf dem Volleyballfeld. Ein Dutzend junger Frauen baggert und pritscht sich die Bälle zu, um warm zu werden. Pferdeschwänze wippen, Zöpfe fliegen - die A-Mannschaft der Damen von Sislispor trainiert für die nächste Begegnung in der zweiten Liga.

Ein einziger Zuschauer sitzt auf der Tribüne der städtischen Sporthalle im Istanbuler Stadtteil Zeytinburnu. Karun Kowan, der Vizevorsitzende von Sislispor, dem traditionsreichen Sportverein der Armenier in Istanbul, schaut bei fast jedem Training einmal vorbei. Der Verein ist stolz auf seine Volleyball-Damen - die einzige Mannschaft eines türkischen Minderheiten-Sportvereins, die noch in einer nationalen Liga mithalten kann. Allerdings müsse man schon Fünfe gerade sein lassen, meint Kowan:

"In unserer A-Mannschaft hier sind nicht alle Armenier. Wir wollen halt ganz oben mitspielen da geht das nicht anders. Wir sind sonst einfach nicht mehr genug Armenier, um genug gute Sportlerinnen hervorbringen zu können."

Auf Türkisch feuern sich die Spielerinnen gegenseitig an, während sie unter einem riesigen Atatürk-Konterfei nach den Bällen hechten. Die städtische Sporthalle ist patriotisch mit türkischen Fahnen und einem sechs Meter hohen Porträt des türkischen Staatsgründers dekoriert. Der wachsende Nationalismus in der Türkei macht dem armenischen Sportverein zu schaffen, sagt Kowan - vor allem seit im letzten Jahr in osttürkischen Fußballstadien antiarmenische Transparente gehisst und Hassparolen skandiert wurden.

"Bei unseren Spielen ist so etwas noch nicht passiert, aber es kann natürlich jederzeit geschehen. Es hat ja schon so hässliches Geschrei gegeben. Wir haben offen gesagt keinerlei Mittel, um dagegen was zu unternehmen. Bisher ist uns nichts passiert, zumindest bisher nicht."

Allerdings ist es kein Zufall, dass der Verein keine Fußballmannschaft hat. Nur Volleyball, Basketball und Schach betreibt Sislispor - alles Sportarten, die nur im Westen der Türkei gespielt werden und bei denen eine armenische Mannschaft nicht in die Verlegenheit einer Begegnung im Osten des Landes kommen kann.

Aufstellen in Formation, befiehlt der Trainer. Nach jedem Aufschlag wechseln die Frauen im Rotationssystem auf die nächste Position. Die Mädchen gehen in Stellung, eine nach der anderen hämmert ihren Aufschlag übers Netz. Trainer Armando Kosantino zieht sich auf seine Bank zurück. Dass seine Spielerinnen bei einer Partie angefeindet werden, hat er noch nie erlebt:

"Die Lage der Armenier in der Türkei ist nicht so schlimm, wie es die Diaspora oder andere Leute im Ausland oft glauben. Wir haben hier unsere eigenen Kirchen, wir haben unsere eigenen Schulen und wir haben bestimmte Rechte und Freiheiten."

Aber das ist nicht die ganze Wahrheit. Nachdenklich zerrt Kosantino am Reißverschluss seiner Trainingsjacke, während er überlegt, wie er sich ausdrücken soll:

"Allerdings muss man auch dazu sagen, dass wir nicht unbegrenzte Rechte und Freiheiten haben, wie die Türken das behaupten. Armenier werden nicht als vollwertige Staatsbürger der Türkei anerkannt - wir werden als Minderheit, als irgendwie andere Kategorie von Menschen behandelt. Man sieht uns als fünfte Kolonne irgendeiner fremden Macht und nicht als gleichberechtigte Bürger. Wir können nicht Beamte werden oder Soldaten. Wir dürfen nicht hundertprozentig zur Gesellschaft dazugehören."

Nach zweistündigem Training ziehen die Spielerinnen ihre Trainingsjacken über und holen ihre Taschen vom Spielfeldrand. Im Umkleideraum haben die jungen Frauen noch ein wenig Zeit, bevor sie zum Bus müssen. Gerne sind sie bereit, über ihre Lebenssituation als Armenier in der Türkei zu sprechen. Aus der Studentin Tamer Kesusian bricht es regelrecht hervor:

"Armenier in der Türkei zu sein, das ist schwer, wirklich sehr schwer. Dauernd sind wir den Pöbeleien von ungebildeten und unwissenden Menschen ausgesetzt, manchmal auch schlimmeren Situationen."

Ihre Mannschaftskameradin Karolin Demirci stimmt ihr zu:

"Ich wünschte, die Leute wären nicht so unwissend. Das ist wirklich das allerschlimmste. Die Leute können einfach nicht unterscheiden zwischen der Religion und der Staatsbürgerschaft. Selbst an der Uni schreien sie uns nieder mit dem Spruch: 'Wir sind Türken.' Aber ich bin doch auch Türkin! Das verstehen die einfach nicht."

Wie fast alle Armenier in der Türkei ringt auch sie oft mit ihrer schwierigen Heimat, gibt Karolin Demirci zu - und manchmal auch mit der Frage, ob es nicht besser wäre, sie zu verlassen:

"Meine Tante ist damals rechtzeitig nach Frankreich gegangen und hat meinen Vater eingeladen, nachzukommen. Manchmal sage ich zu meinem Vater: Warum bist du damals nicht gegangen, dann würden wir heute besser leben. Aber dann sage ich mir, wer weiß, wie es da heute für uns aussähe."

Eine Alternative zur Türkei gibt es für sie nicht wirklich, darin sind sich die beiden Studentinnen einig:

"Im Urlaub ins Ausland zu fahren, das ist immer toll, aber leben könnte ich da nicht."

"Mir geht es genauso. Wir sind schließlich hier geboren und aufgewachsen, dies ist unsere Kultur, woanders würde ich nicht leben wollen."

Nicht aus der Türkei fliehen, sondern sich für eine bessere Türkei einsetzen wolle sie, sagt Tamer Kesusian:

"Wenn wir zusammenleben wollen in diesem Land und glücklich sein wollen, dann müssen wir uns gegenseitig verstehen und helfen. Ich will etwas verändern, ich will dazu beitragen, die Feindschaft zu überwinden. Der Schlüssel dazu ist die Bildung."

Und deshalb studieren die jungen Frauen auch für das Lehramt. Kein biederes und zukunftssicheres Berufsziel - nicht in der Türkei, wo Armenier selbst an ihren eigenen Schulen bestimmte Fächer wie Staatsbürgerkunde nicht unterrichten dürfen. Auch innerhalb der armenischen Gemeinde sind viele dagegen, aktiv auf die türkische Bevölkerungsmehrheit zuzugehen, sagt die Studentin:

"Viele Armenier hier sagen: Wir müssen eng zusammenhalten und uns nach außen abschotten, wir dürfen nichts sagen und nicht öffentlich in Erscheinung treten. Diese Auffassung ist sehr verbreitet, und so sind wir Armenier leider in zwei Lager gespalten."

Vor allem in der Generation ihrer Eltern überwiegen die Angst und die Vorsicht, erzählen die jungen Frauen - und so ganz unrecht hätten die Eltern damit ja auch nicht, meint Tamer Kesusian:

"Hrant Dink war unser Nachbar, seine Tochter war in meiner Klasse. Ich bin bei der Familie ein- und ausgegangen. Wir haben ja gesehen, was ihm passiert ist. Natürlich haben wir auch Angst, wenn wir so offen reden. Aber alle meine Freunde sind der Ansicht, dass wir etwas verändern können. Wir Jugendlichen werden ab jetzt bewusster für uns selbst eintreten."


Hrant Dink war Gründer und Chefredakteur der armenischen Wochenzeitung Agos. Auf der Grundlage des Willkür-Paragrafen 301 wurde der Journalist 2005 wegen so genannter "Herabsetzung des Türkentums" vor Gericht gezerrt, genauso wie auch Literatur-Nobelpreisträger Orhan Pamuk und viele andere Journalisten und Intellektuelle in der Türkei. Hrant Dink verdaute die ständigen Anfeindungen, indem er schrieb. Eine Woche, bevor er vor dem Redaktionsgebäude von Agos in Istanbul erschossen wurde, erschien seine letzte Kolumne. Sie trug den Titel:

"Meine Seele ist furchtsam wie eine Taube"

Das war am 10. Januar 2007. Im ersten Teil beschreibt der Autor den langen juristischen Kampf bis zu seiner rechtskräftigen Verurteilung wegen Beleidigung des Türkentums. Dann wird er nachdenklich:

"Was ich durchlebt habe, war nicht leicht. Und was wir als Familie durchlebt haben. Es gab Momente, in denen ich ernsthaft daran gedacht habe, das Land zu verlassen. Vor allem dann, wenn sich die Drohungen gegen meine Angehörigen richteten. Da war ich völlig hilflos. Das ist die Wirklichkeit hinter dem Ausdruck 'auf Leben und Tod'. Für mich selbst hätte ich das aushalten können, aber ich habe kein Recht, meine Angehörigen zu gefährden. Alleine hätte ich heldenhaft sein können, aber ich darf nicht auf Kosten meiner Angehörigen oder anderer tapfer sein. In solchen Momenten habe ich Zuflucht bei meiner Familie, bei meinen Kindern gesucht, die mir die größte Stütze waren. Sie haben mir vertraut. Was ich auch tue, sie halten zu mir. Wenn ich gesagt hätte: 'Lasst uns gehen', dann wären sie mit mir gegangen; weil ich sagte: 'Lasst uns bleiben', sind sie geblieben."

Der türkische Nationalismus ist so alt wie die Republik selbst. 1923 wurde sie von Atatürk gegründet. Doch Armenier und andere Christen waren schon in den Jahrhunderten vorher, im Vielvölkerreich der Osmanen, zahllosen Schikanen ausgesetzt. Den nicht-muslimischen Religionsgemeinschaften wurden lediglich gewisse Autonomie-Rechte eingeräumt, an politischen Entscheidungen aber hatten sie keine Teilhabe. Die aufkeimende Nationalbewegung, die im 19. Jahrhundert, wie überall in Europa, auch die anatolischen Armenier erfasste, wurde mit wachsenden Repressalien beantwortet. 1914 trat das Osmanische Reich an der Seite von Deutschland und Österreich in den Ersten Weltkrieg ein. Im Januar 1915 beginnen im Osten Anatoliens Deportationen und Massenmorde an den Armeniern. Je nach Standpunkt ist heute von einem Völkermord die Rede. Warum es dazu kam, dafür werden vor allem zwei Gründe genannt. Zum einen hatte sich eine kleine Minderheit der Armenier auf die Seite des Kriegsgegners Russland geschlagen. Hinzu kam, dass die Armenier am Vorabend der Republikgründung 1923 als Bedrohung für die innere Einheit angesehen wurden.

Der 24. April 1915 gilt als offizieller Auftakt für die Vertreibung der Armenier aus ihren Städten und Dörfern in ganz Anatolien. Auf den Todesmärschen Richtung Aleppo in Syrien verloren zwei Drittel von ihnen ihr Leben. Sie wurden überfallen, vergewaltigt oder ermordet, von osmanischen Soldaten, aber auch von kurdischen Freischärlern. Sarkis Cerkesyan hat den Leidensweg seines Volkes im gesamten 20. Jahrhundert miterlebt. Gestrandet ist er in Istanbul:


Ein leidvolles Jahrhundert: Der Armenier Sarkis Cerkesyan blickt zurück


Kurdische Kinder spielen in den Gassen von Kumkapi, einem alten Viertel von Istanbul an der byzantinischen Stadtmauer am Ufer des Marmara-Meeres; ein Händler rattert mit seinem Handwagen über das Pflaster. Zwischen halbverfaulten Holzhäuschen und bröckelndem Mauerwerk verfällt eine ausgebrannte Kirche. In der Molatasi-Gasse Nummer 31 lugt Sarkis Cerkesyan erst einmal durch den Türspalt, bevor er aufmacht:

Ein kleiner Mann von über 90 Jahren steht in der Türe, mit weißen Haaren, dichten weißen Augenbrauen und einem weißen Schnurrbart. Das Stadtviertel ist nicht mehr das, was es einmal war, entschuldigt er sich:

"Jede Nacht gibt es da draußen Schießereien und Radau, so eine Gegend ist das jetzt geworden. Aber die Miete ist billig, deshalb bleibe ich hier wohnen."

Winzig ist das zweistöckige Häuschen von Sarkis Cerkesyan - oben ein Schlafzimmer und unten ein kleiner Wohnraum. Auf einem Gaskocher unter der Treppe brüht Cerkesyan den Tee auf, während er erzählt, wie es früher war in Kumkapi, bis vor etwa 20 Jahren:

"Hier in der Gasse wohnten fast nur Armenier und Griechen, im ganzen Viertel war das so. Heute sind nur noch zwei oder drei übrig, alle anderen sind fort. Heutzutage leben hier vor allem Kurden aus Südostanatolien."

Anatolien, seufzt Cerkesyan über dem Tee in seinem Wohnraum. Seit über sechzig Jahren lebt Cerkesyan in Istanbul, aber ursprünglich stammt auch er aus Anatolien, aus der Stadt Karaman im Süden der Türkei. In einem Fotoalbum bewahrt er die Bilder und Briefe von damals auf:

"Da, das ist mein Vater, Bankier Cerkesyan aus Karaman. Hier, das ist die Handschrift meiner Mutter. Da, das bin ich. Alles alte Familienfotos."

Auch an den Wänden des kleinen Wohnraums hängen Schwarz-Weiß-Fotos von längst verstorbenen Angehörigen, Freunden und Weggefährten. Lange bitten muss man Cerkesyan nicht, damit er aus seinem Leben erzählt:

"Ich bin 1916 geboren, sozusagen ein Kind der Umsiedlung. 1915 wurden die Armenier ja vertrieben nach Arabien. Mein Vater war Bankier in Karaman, meine Mutter Lehrerin. Meine ältere Schwester wurde noch in Karaman geboren, sie war noch Wickelkind, als es nach Arabien ging. Ich selbst wurde während der Vertreibung geboren, in einem arabischen Dorf in der Nähe von Aleppo, das ist heute Syrien. Später gingen wir zurück, 1918, als die Engländer kamen und die Umsiedlung endete. Ich selbst war noch Wickelkind, als wir nach Karaman zurückkehrten."

Der alte Mann hält inne und blättert in einem Stapel alter Briefe, Karten und Dokumente, die aus dem Album gerutscht sind. In ihrer alten Heimat hat die Familie nie wieder Fuß gefasst.

"In Karaman ist nichts mehr von uns - natürlich hatten wir da Güter, aber sie sind uns ja alle weggenommen worden. Wir hatten Grundbesitz, in Adana in der Südtürkei, mein Vater war ein schwerreicher Mann, bevor wir gingen. Als wir zurückkamen, hatte er alles verloren."

Schwere Jahre folgten, erzählt Cerkesyan, in denen die Familie mittellos durch die Türkei irrte. Aus Geldmangel konnte er die Schule nicht abschließen; mit 16 verdingte er sich bei einem Schreiner. Durch ihre Armut blieb der Familie zumindest der nächste Schlag erspart, der viele Armenier traf - die berüchtigte Vermögenssteuer, die im Zweiten Weltkrieg für die Armenier und andere Minderheiten erhoben wurde. Cerkesyan erinnert sich gut daran:

"Wenn man das bei allen gemacht hätte, dann hätten wir das schon verstanden. Aber nur die Nicht-Moslems wurden dazu verdonnert, denen wurden frei erfundene Steuerbeträge abverlangt: Du zahlst soundsoviel, du soviel. Die Leute hatten das Geld nicht, sie verkauften Haus und Hof, um zahlen zu können, und die anderen schnappten sich billig ihren Besitz. Der Erlös reichte aber oft immer noch nicht aus, um die Steuer zu bezahlen. Da wurden die Männer zur Zwangsarbeit in den Steinbruch nach Aschkale in Ostanatolien geschickt, mitten im Winter. Viele sind dort gestorben."

Von der Zwangsarbeit blieben in jenen Jahren auch jene Armenier nicht verschont, die kein Geld und Gut hatten. Cerkesyan selbst schuftete vier Jahre lang beim Eisenbahnbau - beim sogenannten Wehrdienst für die nicht-moslemischen Minderheiten, denen das Reich kein Gewehr in die Hand geben wollte. Nach dem Zweiten Weltkrieg ging er nach Istanbul und ließ sich als Schreiner nieder. Ruhe und Normalität kehrten in sein Leben ein - bis in einer einzigen Nacht alles zerschlagen wurde: in der Istanbuler Pogromnacht von 1955. Sarkis Cerkesyan kann sich an jeden Moment jener Septembernacht erinnern, in denen Lynchmobs mit Knüppeln und Eisenstangen auf Griechen und Armenier losgingen:

"Als das Geschrei begann, rannte ich nach Hause. Wie waren gerade erst dort eingezogen, deshalb wussten die Leute nicht, dass wir Armenier waren. Wir haben sofort eine türkische Fahne aus dem Fenster gehängt, ich habe mir einen Stuhl vor die Tür gestellt und meiner Frau gesagt: Schnell, binde dir ein Kopftuch um wie die Musliminnen, nimm das Kind und geh rauf. Ich blieb vor der Türe sitzen. Draußen war alles am Randalieren, am Zertrümmern und am Plündern - bis ein Uhr morgens ging das so."

Tausende Häuser, Kirchen und Geschäfte von Armeniern und Griechen wurden in jener Nacht überfallen, Hunderte Menschen verletzt, ein Dutzend getötet. Sarkis Cerkesyan entging dem Lynchmob durch eine List:

"Drei Leute kamen die Straße entlang, einer davon blond, die redeten untereinander und zeigten auf unser Haus. Da verstand ich, dass die dem Blonden die Häuser der Christen im Viertel zeigten. Ich ging zu dem hin, legte ihm so die Hand auf die Schulter und sagte: Ihr redet hier wohl über mein Haus. Das gehört zwar einem Armenier, aber der wohnt oben und ist verreist. Unten wohne ich - nicht, dass es hier ein Missverständnis gibt! Und das war es - der kam nicht auf die Idee zu fragen, wer ich eigentlich bin!"

Als spontane Krawalle gegen die griechische Zypern-Politik wurden die Pogrome damals dargestellt; inzwischen können Historiker belegen, dass es ein geplanter und staatlich koordinierter Angriff auf die christlichen Minderheiten war. Sarkis Cerkesyan wusste schon in jener Septembernacht, wer dahinter steckte:

"Morgens um eins pfeift einer an der Ecke, die Diebe und Plünderer laufen weg. Da kommt ein Armee-Offizier mit drei Soldaten, der denkt, ich gehöre zu den Plünderern und sagt zu mir: Bursche, ich beglückwünsche euch. Das habt ihr gut gemacht, alle Türken sollten so sein wie ihr. Aber nun ist es gut, die Armee ist da, wir übernehmen das jetzt. Und ich sagte zu ihm irgendwas wie Dank und Ehre der türkischen Armee und ging ins Haus. Und in dem Moment dachte ich mir: Es gibt auf der Welt Länder, in denen Kinder friedlich und ohne Angst schlafen können. Und ich habe mich nach so einer Heimat gesehnt."


"Aber wenn wir uns entscheiden sollten zu gehen - wohin sollten wir gehen? Nach Armenien etwa? Jemand wie ich, der Unrecht nicht ertragen kann, wie sollte der sich mit dem dortigen Unrecht abfinden? Hätte ich mich damit nicht in noch größeres Unglück gestürzt? In ein europäisches Land zu ziehen, das wäre auch nicht mein Ding. Wenn ich drei Tage im Westen wäre, würde ich am vierten Tag schon heimkehren wollen, was soll ich da also? Die Ruhe hätte mich zugrunde gerichtet. Von der 'brodelnden Hölle' in den 'bereitstehenden Himmel' zu fliehen, das passt einfach nicht zu mir. Wir gehören zu den Menschen, die aus ihrer Hölle ein Himmelreich machen wollen. In der Türkei zu bleiben und dort zu leben, das gebietet auch der Respekt vor den tausenden Menschen, die in der Türkei für Demokratie kämpfen, die uns unterstützt haben und die uns Freunde sind - ob wir sie kennen oder nicht. Wir wollen bleiben und kämpfen. Wenn wir eines Tages zum Gehen gezwungen sein sollten, dann würden wir so gehen, wie sie 1915 gingen. Wie unsere Vorfahren - ohne zu wissen, wohin wir gehen, auf den Straßen, auf denen auch sie gingen, ihre Schmerzen fühlend, ihre Qual durchlebend. Nur so würden wir unser Land verlassen. Und wo wir hingehen würden, da würden uns nicht unsere Herzen, sondern nur unsere Füße hintragen. Wo immer das auch wäre."

Der Ausdruck Armenier ist für manche Politiker in der Türkei bis heute ein Schimpfwort, der Massenmord zwischen 1915 und 1917 ein politisches Tabu. Bis heute schiebt die Türkei alle Verantwortung dem Osmanischen Reich zu, sieht sich aber nicht als dessen Rechtsnachfolgerin. Stattdessen möchte Ankara die Vergangenheit entpolitisieren und eine Historiker-Kommission einsetzen. Die solle erst einmal klären, ob damals überhaupt ein Genozid stattgefunden habe. In der offiziellen türkischen Geschichtsschreibung ist von ungewollten Todesfällen die Rede, eine gezielte Absicht für einen Genozid bestreitet Ankara energisch. Das ist der Status Quo: Alle Versuche zur Aufarbeitung liegen derzeit auf Eis. Doch andere Länder beziehen Stellung. Frankreich, Heimat vieler Exil-Armenier, plante letztes Jahr, die Leugnung des Genozids unter Strafe zu stellen, und in Washington wurde eine Resolution verabschiedet, die ebenfalls das Wort Genozid verwendet. Deutschland, das im Ersten Weltkrieg Verbündeter der Osmanen war, hält sich dagegen auffällig zurück.

In der Türkei selbst hatte es 2005, zum 90. Jahrestag der Armenier-Vertreibung und kurz vor dem Beginn von Beitrittsgesprächen mit der Europäischen Union, zunächst noch Hoffnung auf einen Dialog mit den Armeniern gegeben. Der türkische Ministerpräsident Erdogan prangerte damals zum ersten Mal öffentlich das Treiben der Nationalisten in seinem Lande an. Kurz zuvor waren Bücher von Orhan Pamuk verbrannt worden, nachdem der Schriftsteller sich in einem Interview zur Armenierfrage geäußert hatte. Erdogan schlug dem armenischen Präsidenten damals die Einrichtung einer Expertenkommission vor, doch die Regierung in Eriwan lehnte den Vorschlag ab. Das war Wasser auf die Mühlen der türkischen Nationalisten.

Bis heute hebt die Türkei hervor, dass armenische Partisanen mit den vorrückenden russischen Truppen im Osten der Türkei während des Ersten Weltkriegs gemeinsame Sache machten. Das Stadtmuseum im ostanatolischen Van, dokumentiert diese armenischen Gräueltaten an türkischen Zivilisten.


Und ein kleiner Geschichtsverein in Van bemüht sich ebenfalls, die Erinnerung an das Leid auf beiden Seiten wachzuhalten.


Gewalt und Gegengewalt: Ein türkischer Geschichtsvereine erinnert an armenische Gräueltaten während des Ersten Weltkriegs


Matschige Straßen und windschiefe Flachbauten - die osttürkische Stadt Van wirkt eher wie eine hastig zusammengenagelte Kulisse für einen Westernfilm, aber nicht wie eine dreitausend Jahre alte Kulturstadt. Der Eindruck trügt nicht: Erst vor 90 Jahren wurden in Van die ersten Häuser und Straßen gebaut.

Hier am Ufer des Van-Sees, drei Kilometer vom modernen Van entfernt, lag die Stadt früher, genauer: bis zum Jahr 1915. Viel ist nicht übrig - von mancher Stadt der Antike ist heute noch mehr zu sehen als vom alten Van, wie es noch vor hundert Jahren war. Ein Zaun ist um die Ruine gezogen - Ikram Kali schlüpft durch ein loses Gatter hindurch:

"Sehen sie, hier ist die damalige Moschee, das da sind Überreste einer Kirche. Wieviele Meter werden das sein dazwischen, höchstens 20 Meter sind das doch. So eng war unser Verhältnis früher, so nah standen selbst unsere Gotteshäuser beieinander. Hier war ein armenisches Viertel, dort waren moslemische Viertel. So war das alte Van."

Ikram Kali ist Vorsitzender eines örtlichen Geschichtsvereins in Van, der sich vor allem mit den Ereignissen des Jahres 1915 beschäftigt - dem Jahr, in dem das alte Van unterging. Das Jahr 1915, das steht im Bewusstsein vieler im Westen für den Beginn der osmanischen Massaker an den Armeniern von Anatolien. Für Ikram Kali und viele Menschen in Van steht es für die Vorgeschichte dieser Massaker: für die armenischen Angriffe auf moslemische Anatolier im Osten von Kleinasien.

Im Schein einer Gaslampe versammelt sich der Geschichtsverein von Van im Haus des pensionierten Lehrers Fevzi Levendoglu. Die Gaslampe ist notwendig, weil es mal wieder keinen Strom gibt in Van. Die Einwohner sind daran gewöhnt: Obwohl auf den Straßen draußen die Hand nicht vor Augen zu sehen ist, hat sich fast ein Dutzend Männer in Levendoglus guter Stube versammelt. Einige von ihnen sind über 70 Jahre oder - wie Levendoglu selbst - gar mehr als 80 Jahre alt: Der Verein will ihre Erinnerungen festhalten, bevor es zu spät ist. Erinnerungen wie die des 78-jähringen Timurlenk Bozkurt:

"Ich habe mal meine Mutter gefragt, warum ich keine Onkel habe. Und meine Mutter sagte, wie, keine Onkel? Du hattest drei Onkel, aber 1915 sind die Armenier in unser Dorf gekommen. Einer der Brüder ging zu ihnen hinaus an den Dorfrand und fragte sie, was sie wollten - und sie haben ihn getötet. Dann gingen die beiden anderen Brüder hinaus, und sie haben auch sie getötet. Dann kamen sie ins Dorf hinein, in die Häuser. 17 Kinder haben sie umgebracht, Jungen und Mädchen. Ein sechs Monate altes Baby rissen sie aus den Armen der Mutter, hieben es in Stücke und warfen es Stück für Stück in den brennenden Tandir, den Brotofen."

Warme Milch mit Gewürzen reicht die Frau des Lehrers zur Beruhigung, dann ergreift der Ersatzteilhändler Saadetin Cabukar das Wort:

"Ich bin der Enkel von Überlebenden des Massakers von Molakasim. Meine Mutter und meine Großmutter haben mir davon erzählt, sie sind beide über 80 geworden. Sie lebten in unserem Dorf Molakasim in Freundschaft mit dem armenischen Nachbardorf Alaköy, so hat meine Mutter das immer erzählt. Als die Russen auf Van vorrückten, sind manche Leute aus unserem Dorf geflohen. Aber unsere Familie und viele andere im Dorf, die haben den Armeniern vertraut und sind nicht geflohen. Die Armenier aus Alaköy haben nämlich gesagt: Geht nicht fort, wir schützen euch vor den Russen und vor den armenischen Banden. Aber noch bevor die Russen kamen haben unsere Armenier aus Alaköy, unsere eigenen Nachbarn, unser Dorf umstellt, zusammen mit den armenischen Banden. Unsere Dörfler haben Brot und Salz an den Dorfrand gebracht, das ist den Armeniern ebenso heilig wie uns, und sie haben den Armeniern gesagt: Wir sind doch Freunde, ihr habt uns doch euer Wort gegeben. Aber die sagten: Nein, mit der Freundschaft ist es jetzt vorbei."

Eines der Felder am Dorfrand von Molakasim wird noch heute das Feld des Flehens genannt, erzählt Cabukar, denn auf diesem Feld flehten die zusammengetriebenen türkischen Bewohner auf Knien vergeblich um ihr Leben. Von der Grausamkeit der armenischen Partisanen erzählt auch der 81-jährige Alaattin Sen. Seine älteren Brüder mussten als Kleinkinder mit ansehen, wie ihr Großvater im eigenen Haus von armenischen Partisanen erschossen wurde. Noch schlimmer erging es Sens Cousin, einem jungen Soldaten namens Ibrahim, der im Heimaturlaub seine Eltern besuchte:

"Abends klopfte es an der Türe. Die Eltern dachten sofort an die Armenier, die wüteten in letzter Zeit schon schlimm in der Stadt. Schnell versteckten sie den Sohn unter dem Dach, dann öffneten sie - vor der Türe standen drei bewaffnete Armenier, die wollten den Sohn. Sie fesselten die Eltern und zerrten Ibrahim aus dem Versteck. Und diese Gottlosen waren so grausam, dass sie ihn nicht einmal erschossen haben. Mit einer Säge haben sie ihm vor den Augen der Eltern den Kopf abgeschnitten und den Eltern den Kopf vor die Füße geworfen: Da habt ihr Euren Kadetten. Meine Tante ist noch sehr alt geworden, sie hat uns das selbst erzählt, aber bis ans Ende ihrer Tage hat sie am ganzen Körper gezittert."

Betroffenes Schweigen in der Runde um die Gaslampe. Schließlich ergreift der alte Lehrer Levendoglu die Initiative und stimmt ein Lied an: Das Lied von Ali Pascha singt der Lehrer, eine hundert Jahre alte Volksweise über den osmanischen Gouverneur von Van, der von armenischen Partisanen ermordet wurde. Langsam stimmen auch die anderen Männer um die Gaslampe in das alte Volkslied ein.

Jeder in Van kennt dieses Lied, sagen die Männer - so wie fast jeder in Van auch ähnliche Geschichten zu erzählen hat aus dem Jahr 1915. Geschichten, die der Verein sammelt, aufzeichnet und bewahrt. Als verzerrt, einseitig und ungerecht empfinden die Männer um die Gaslampe die Version der Ereignisse von 1915, die in Völkermords-Resolutionen von Parlamenten in Frankreich, der Schweiz oder Amerika zum Ausdruck kommt. Die osmanische Umsiedlung der Armenier sei doch kein Völkermord gewesen, sagt Saadetin Cabukar:

"Mein Vater hat mir die Umsiedlung der Armenier immer so erklärt: Wenn die Armenier hier geblieben wären, nach dem, was sie uns angetan haben, dann hätten die Unsrigen es ihnen später heimgezahlt, es hätte Bürgerkrieg gegeben. Es war für alle besser, dass sie gegangen sind. Meine Mutter hat mir erzählt, dass auch viele Armenier damals sagten, es ist besser, wenn wir gehen."

Auf die armenische Diaspora im Westen sind die Männer wegen der Völkermord-These nicht gut zu sprechen. Anders sei es mit den türkischen Armeniern, sagt der junge Lehrer Nedim Ilikci:

"Als Einwohner von Van tut es mir leid, dass die Armenier nicht mehr hier sind. Mit den Armeniern ist unser Handwerk gegangen, unser Handel, unser Wohlstand und viel von unserer Kultur. Wir waren doch Jahrhunderte zusammen, unsere Lieder sind die gleichen, unsere Speisen sind die gleichen. Auch wenn wir verschiedene Glaubensrichtungen hatten, wir hatten doch dieselbe Lebensweise, wir waren uns sehr nah."


"Ich hoffe, dass wir solch einen Abschied nie, aber auch niemals werden nehmen müssen. Wir haben genug Hoffnung und genug Anlass dazu, um das nie erleben zu müssen. Ich rufe jetzt den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte an. Wieviele Jahre dieses Verfahren dauern wird, weiß ich nicht. Was ich weiß und was mich etwas beruhigt, ist, dass ich zumindest bis zum Abschluss dieses Prozesses weiter in der Türkei leben werde. Wenn das Gericht zu meinen Gunsten entscheidet, werde ich mich zweifellos noch mehr freuen. Es wird bedeuten, dass ich mein Land niemals werde verlassen müssen. Wahrscheinlich wird 2007 für mich ein noch schwierigeres Jahr. Einige Gerichtsverfahren dauern an, weitere werden eingeleitet werden. Wer weiß schon, welchem weiteren Unrecht ich noch ausgesetzt sein werde? Aber trotz alledem beziehe ich meine Zuversicht aus dieser Tatsache: Ja, ich mag mich furchtsam fühlen wie eine Taube. Aber ich weiß, dass in diesem Land kein Mensch einer Taube etwas zuleide tut. Mitten in der Stadt und in der Menschenmenge können die Tauben ihr Leben leben. Etwas furchtsam, ja, aber auch frei."

In Ostanatolien und vor allem in der Stadt Van - wo vor hundert Jahren mehr Armenier lebten als Türken und Kurden - lässt sich heute kaum mehr eine Spur von ihnen finden, geschweige denn ein einziger Armenier. Geblieben sind nur Erinnerungen und Ruinen. Die meisten der etwa 80.000 Armenier im Lande leben heute in Istanbul. Sie bilden die größte christliche Minderheit in der Türkei. Ähnlich wie die Kurden sind sie zwar offiziell gleichberechtigte Staatsbürger, doch de facto bleiben sie Bürger zweiter Klasse. Viele Berufe sind ihnen verschlossen, ihre Rechte sind eng begrenzt, die Einhaltung wird akribisch überwacht. Hinzu kommt die Feindschaft zwischen der einflussreichen armenischen Diaspora und der Türkei - ein Konflikt, in dem die türkischen Armenier von beiden Seiten der Kollaboration verdächtigt werden.

Anfeindungen und Benachteiligung sind das eine, doch seit einiger Zeit wächst auch die Gefahr für Leib und Leben. Nicht nur Hrant Dink wurde im letzten Jahr ermordet, sondern auch drei christliche Missionare, darunter ein Deutscher. Wieder waren türkische Rechtsnationalisten die Täter. Ausländer und Minderheiten gefährden die Einheit der Republik, so ihre Ideologie. Sie findet in diesen Tagen mehr Resonanz denn je. Zeitungen berichten von einer Gruppe junger Gymnasiasten, die eine türkische Fahne mit ihrem eigenen Blut gemalt habe. Der türkische General-Stabs-Chef ist begeistert, heißt es.

Es sind solche Meldungen, die in der Türkei in diesen Tagen ein Klima der Verunsicherung schaffen. Westliche Beobachter sagen, der zunehmende Nationalismus sei für die künftige Entwicklung des EU-Beitrittskandidaten Türkei eine weitaus größere Gefahr als etwa der Islamismus. Das sehen auch viele Armenier im Lande so. Ihr Wortführer, der ermordete armenische Journalist Hrant Dink, hinterlässt eine Redaktion, die zwischen trotzigem Optimismus und großer Verunsicherung schwankt. Ein Besuch bei den Kollegen:



Hoffnung wagen: Besuch bei "Agos", der Zeitschrift des ermordeten Hrant Dink


Der Halaskargazi-Boulevard, die Hauptverkehrsader im Istanbuler Stadtbezirk Sisli. Sechsspurig rollt der Verkehr aus der Innenstadt vorbei an Geschäften, Zahnarztpraxen und Kanzleien, auf deren Türschildern oft armenische Namen stehen. Hier im Stadtviertel Pangalti lebt heute die größte armenische Gemeinde der Türkei.

Vor dem Haus mit der Nummer 192 dringt leise Musik aus einer Musikalienhandlung hinaus auf die Straße. Hier auf dem Gehweg, neben der Marmorstufe zum Eingang, starb im Januar 2007 der Wortführer der türkischen Armenier, der Journalist Hrant Dink, direkt vor der Redaktion seiner Zeitung "Agos"; erschossen mit drei Kugeln in Kopf und Nacken. Monatelang kennzeichneten Blumen und Kränze die Stelle - jetzt ist davon nichts mehr zu sehen.

Drinnen im Treppenhaus des Jugendstilbaus blicken zwei Polizisten aus einem Verschlag, in dem sie sich mit Fernseher, Teekocher und Zeitungen eingerichtet haben.

"Wir dürfen nichts sagen ohne Genehmigung von unseren Vorgesetzten, tut uns leid."

Dafür verzichten sie auf Ausweiskontrolle und Taschendurchsuchung und winken durch in den ersten Stock zu den Redaktionsräumen von "Agos". Im Eingang der Redaktion hängt ein zwei Meter hohes Porträt von Hrant Dink, dem Gründer und langjährigen Chefredakteur der Zeitung.

Die Redaktion ist ein Traum von Altbauwohnung: alte Holzdielen, vier Meter hohe Decken mit Stuckverzierung, hohe Fenster und weiße Wände. Im Flur stapeln sich alte Ausgaben von "Agos". In einem hinteren Raum, der früher einmal als Schlafzimmer gedient haben dürfte, arbeiten zwei junge Frauen an Computer-Bildschirmen.

"Ich bereite die Kulturseiten vor. Unsere Themen diese Woche sind - Moment, ich zeige es Ihnen - der Dokumentarfilm über Kazim Koyuncu, ein Interview mit Muammer Ketencioglu und eine Theatervorschau für das Atatürk-Kulturzentrum."

Alles keine spezifisch armenischen Themen - der verstorbene Musiker Kazim Koyuncu zum Beispiel war ein Lase von der Schwarzmeerküste. So eng sieht "Agos" das nicht, sagt die Feuilleton-Redakteurin Lora Baytas:

"Kazim war ein Musiker, der sich für Gleichberechtigung und Brüderlichkeit eingesetzt hat, das hat seine Kunst geprägt - deshalb ist er ein Thema für uns."

Mit einer Zeitung winkend, kommt ein junger Mann in den Raum gelaufen.

"Habt ihr das gesehen? Die zitieren uns in ihrer Presseschau, guck, da steht es, 'Agos', die Kolumne von Hagopyan."

Das Blatt, das der junge Mann stolz herumzeigt, ist der "Courrier International", eine französische Zeitung. Der junge Mann selbst ist Aris Nalci, Chef vom Dienst und verantwortlicher Redakteur von "Agos". Das Amt hat er übernommen, seit Arat Dink, der Sohn des ermordeten Hrant Dink, im vergangenen Herbst nach Belgien ins Exil ging, weil er von türkischen Nationalisten bedroht wurde. Ein Gericht hatte ihn im Oktober wegen Beleidigung des Türkentums verurteilt, für einen in "Agos" erschienenen Artikel zur Armenierfrage. Auch gegen Aris Nalci, den verantwortlichen Redakteur, hat die besonderes nationalistisch eingestellte Staatsanwaltschaft im Stadtteil Sisli schon Prozesse eingeleitet, doch Nalci will sich davon nicht einschüchtern lassen. Der Maschinenbaustudent ist schon bei "Agos" dabei, seit Hrant Dink das Blatt vor zwölf Jahren gründete, und er glaubt, dass die Zeitung wichtig ist für das Land.

"Es gibt zwar auch andere armenische Zeitungen in Istanbul, aber das Besondere an 'Agos' ist, dass die Zeitung auf Türkisch erscheint. Viele Armenier hier können kein Armenisch mehr, für sie stellt 'Agos' die Verbindung zur armenischen Gemeinschaft dar. Deshalb ist die Zeitung auch ein Bindeglied zwischen der türkischen Gesellschaft und den Armeniern: Aus 'Agos' können alle Menschen in der Türkei erfahren, wer die Armenier sind, wo sie leben, was sie denken, was sie machen. Diese Zeitung hat den Dialog eröffnet mit der ganzen Gesellschaft des Landes. Durch 'Agos' erfährt die Öffentlichkeit von unseren Sorgen und Nöten."

Immer wieder zieht es die Raucher unter den Redakteurin in den Eingangsraum, es ist der einzige Ort, wo gequalmt werden darf. Bei einer Zigarette berichtet Blattmacherin Leda Mermer von ihrer Karriere bei "Agos":

"Ich bin seit Anfang an dabei. Hrant fragte mich damals, ob ich mitarbeiten wolle an der ersten Nummer, und ich sagte, gerne, aber ich weiß nicht, was ich da machen soll. Kein Problem, sagte er, komm nur, wir finden schon was für dich. Ich bin gekommen, und damit war mein Lebensweg besiegelt. Ich habe hier alles gelernt, später auch Kurse gemacht als Grafik-Designerin - und nun ist das mein Leben."

Unter dem großen Porträt von Hrant Dink kommen auch bei den anderen Rauchern die Erinnerungen hoch - vor allem natürlich an Hrant Dink, sagt Reporter Sarkis Güre:

"Toll waren die Redaktionskonferenzen mit ihm. Hrant war jemand, der die Dinge oft aus ganz anderen Perspektiven betrachtet hat. Von ihm habe ich gelernt, Themen nicht nur von einem fixen Standpunkt aus zu sehen, sondern aus ganz verschiedenen Winkeln zu betrachten."

Auch Aris Nalci, der Chef vom Dienst, steckt sich eine Zigarette an und nimmt einen tiefen Zug.

"Hrant war jemand, der für alle Probleme, die er kritisierte, zugleich auch Lösungsvorschläge machte. Wenn heute zumindest einige unserer Probleme in der Türkei gelöst sind, dann geht das meist auf Vorschläge von Hrant zurück. Für die Lösung der Probleme der Armenier in der Türkei hat er mehr getan als irgendein anderer."

Hrant Dinks Lebenswerk weiterzuführen und seine Zeitung nicht sterben zu lassen, das betrachten die Redakteure von "Agos" als Pflicht und Ehrensache. Wie es aber weitergehen wird für die Armenier in der Türkei ohne Hrant Dink, darüber sind sie sich bislang nicht im Klaren. Die Frage, wie es den Armeniern in der Türkei in zehn Jahren gehen wird, löst in der Raucherecke besorgtes Stirnrunzeln aus. Aris Nalci drückt seine Zigarette aus.

"Schwer zu sagen, aber weil wir die Hoffnung aufrecht erhalten wollen, sage ich: Wir werden weiter sein als heute - wir werden an einem Punkt sein, wo jeder als vollwertiger Staatsbürger der Türkischen Republik betrachtet wird, wo man als Mensch mit gleichen Rechten und ohne Ansehen der ethnischen Identität hier leben kann. Sicher, das ist sehr utopisch, aber in zehn Jahren vielleicht - inshallah!"

Tabu und Türkentum: Das waren Gesichter Europas über die Armenier in der Türkei. Reporterin war Susanne Güsten. Die Literaturauszüge wurden gelesen von Bernt Hahn. Musik und Regie: Babette Michel. Redakteurin am Mikrofon war Barbara Schmidt-Mattern.

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