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StartseiteKommentare und Themen der WocheZwischen Mai-Kundgebungen und Faulenzen01.05.2019

Tag der ArbeitZwischen Mai-Kundgebungen und Faulenzen

Am 1. Mai gehen inzwischen mit den Gewerkschaften weniger Menschen auf die Straße und viele werden wohl einfach den freien Tag genießen. Das sei überhaupt nicht schlimm, meint Birgid Becker. Trotzdem sollte man der langen Geschichte des Tags der Arbeit ein wenig Aufmerksamkeit schenken.

Von Birgid Becker

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An diesem Balkon hängt ein Plakat mit der Aufschrift "Es lebe der 1. Mai der Kampftag der internationalen Arbeiterklasse".  (picture alliance / dpa / Bernd Settnik)
Die 35-Stunden-Woche oder der Streikparagraph 116 brachte die Menschen am 1. Mai noch auf die Straßen (picture alliance / dpa / Bernd Settnik)
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Dass am Tag der Arbeit alles Mögliche gemacht, nur nicht gearbeitet wird, das ist so eine ganz alte und längst nicht mehr lustige Paradoxie. Stimmt aber natürlich. Wer lange in den Mai reingefeiert hat, muss erst mal ausschlafen, viele, viele andere Menschen machen Ausflüge, schmeißen den Grill an, das Wetter soll ja halten. Man macht alles Mögliche, nur nicht arbeiten am Tag der Arbeit. Klar eigentlich, die wenigsten Menschen sind Gewerkschaftsfunktionäre oder so begeisterte Gewerkschafter, dass es sie zu den Maikundgebungen zieht.

Und noch viel, viel kleiner ist der Kreis derjenigen, die den 1. Mai in Hamburg oder in Berlin als Krawallgelegenheit nutzen. Spätestens beim Gedanken daran fällt einem aber auch ein, dass es ja doch arbeitende Menschen am 1. Mai gibt. Auf jeden Fall jene Polizeieinsatzkräfte, die dafür sorgen sollen, dass Mai-Randale veranstalten nicht zu einfach ist.

Andererseits: Es sieht aus, als seien die brutalst-besten Jahre der Mai-Randalierer eh vorbei. Wenn es heute in Berlin einen Protestzug geben soll unter dem Motto "Gegen die Stadt der Reichen", dann klingt das ja schon fast nach Politik, mehr nach Inhalt also als nach Krawall-Party.

Lange Geschichte des Tag der Arbeits

Also: Halten wir fest, dass es wohl sehr wenige Randalierer an diesem 1. Mai auf den Straßen geben wird, sehr viel mehr Gewerkschafter und Gewerkschaftsfreunde und überwältigend viele Menschen, die einfach nur den freien Tag genießen.

Schlimm? Überhaupt nicht. Und trotzdem hat es der erste Mai verdient, dass ein paar Gedanken zurückreisen zu seiner langen, zuweilen blutigen, zuweilen beschämenden, aber auch Mut machenden Geschichte.

Gedanken an seinen lang zurück reichenden Ursprung in den USA, zurück zum Jahr 1884, als ein Generalstreik stattfand für den - wie modern das klingt und wie normal - acht-Stunden-Tag. 14 Stunden Arbeitszeit, das war damals üblich. Erst 35 Jahre und einen Weltkrieg in Europa später sollte es in Deutschland den Acht-Stunden-Tag geben; die Weimarer Republik meinte es für einen historischen Wimpernschlag gut mit den Arbeitnehmern. Zehn Jahre später wurde aber der "Blutmai" mit Schüssen auf Mai-Demonstranten und 28 Toten zum Symbol für die fatale Zerrissenheit der Arbeiterbewegung.

Nazis verschafften dem 1. Mai seinen Feiertags-Status

Und weitere vier Jahre später: Da wurde der erste Mai ein tiefbrauner "Feiertag der nationalen Arbeit". Was für eine bösartige Finte der Geschichte, dass es ausgerechnet die Nazis waren mit ihren Mai-Paraden und mit der Idee einer Volksgemeinschaft, die Gewerkschafter in den Tod schickte und Gewerkschaften verbot, aber dem ersten Mai seinen Feiertags-Status auf Dauer verschaffte.

Wie es weiterging? Der erste Mai – im Osten war er ein staatlich verordnetes Ritual, im Westen ein zunehmendes Problem. 35-Stunden-Woche oder Ansturm gegen den Streikparagraphen 116, da funktionierte Mobilisierung noch.

Als aber die großen Schlachten geschlagen waren, wurde es leerer auf den Kundgebungsplätzen. Der 1. Mai verlor die Menschen. Und so ist das bis heute. Auch wenn die Gewerkschaften bei den Event-Managern in die Lehre gegangen sind und heute mehr Volksfest als Manifest praktizieren, die Gewerkschaften müssen sich schon ein bisschen sorgen um ihren ersten Mai als Symbol.

Ein Fünftel der Jobs in Deutschland durch Digitalisierung bedroht

Oder doch nicht? Auch wer heute lange schläft, eine Radtour macht oder die Nachbarn einlädt, der muss ja nicht immun sein gegenüber jenen Fakten, die jeden Tag aufs Neue in den Gewerkschaftszentralen Arbeit machen – immer, nicht nur am Tag der Arbeit. Dass 16 Prozent der Vollzeitbeschäftigten weniger als 2.000 Euro brutto im Monat verdienen, das ist so ein Fakt. Auch, dass die Digitalisierung laut OECD fast jeden fünften Job in Deutschland bedroht.

Dass jeder zehnte Europäer rechts wählen will bei der anstehenden Europawahl, auch so ein Fakt, der aber weit über die Maifeiern hinausweist. Der DGB hat diesen ersten Mai Europa gewidmet, einem offenen Europa des gesellschaftlichen Zusammenhalts und des sozialen Fortschritts, wie es heißt. Mag sein, dass die Mai-Feiern dem Konkurrenzdruck des Frei-Feierns unterlegen sind. Für die Themen des DGB und seiner Gewerkschaften gilt das ganz sicher nicht, selbst wenn man denen, mitten im Faul-Sein am arbeitsfreien Tag der Arbeit, nur ein kleines bisschen Aufmerksamkeit schenkt.

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