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StartseiteKommentare und Themen der WocheSonntagsreden und Erinnerungsorte reichen nicht03.10.2020

Tag der Deutschen EinheitSonntagsreden und Erinnerungsorte reichen nicht

Die immer noch existierenden Narben und Gräben der deutschen Einheit verschwinden nicht durch Lobreden oder gar neue Gedenk-Orte, kommentiert Christoph Richter. Notwendig ist vielmehr das offene und ehrliche Gespräch zwischen Ost- und Westdeutschen, aber auch zwischen den Opfern und Tätern des SED-Regimes.

Von Christoph Richter

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Besucher schauen sich in der Ausstellung "Weg zur Einheit", welche Teil der EinheitsEXPO ist, eine Tafel zum 3. Oktober 1990 an (dpa/Christoph Soeder)
Besucher der zentralen Feierlichkeiten zum Tag der Deutschen Einheit in Potsdam (dpa/Christoph Soeder)
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Sonntagsreden haben derzeit Hochkonjunktur. Die Deutsche Einheit sei alles in allem geglückt, heißt es. Klar, man müsse noch einiges verbessern, es sei nicht alles rosig, aber dennoch könne man sagen: Super. Die Deutsche Einheit: eine Erfolgsgeschichte. - So in etwa lauten die Wohlfühl-Textbausteine der Reden, die derzeit zum 30. Jahrestag der Deutschen Einheit gehalten werden.

Die Gräben zwischen Ost und West sind tief

Nein, widersprechen viele Menschen, gerade im Osten Deutschlands. Sie fühlen sich noch immer als Menschen zweiter Klasse, müssen für ihr Geld mehr arbeiten als im Westen, so mancher arbeitet ganz ohne Tarifvertrag. Klar, es gehe ihnen unverkennbar besser als 1990, sagen die Menschen zwischen Rerik und Zittau. Sie sagen aber auch: Die Gräben zwischen Ost und West, zwischen Oberbayern und der Oberlausitz sind tief.

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Um das zu ändern reichen eben keine Sonntags-Reden, schon gar kein neuer Erinnerungsort, wie ihn jetzt Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier fordert. Es gibt genügend Gedenk-Orte der SED-Diktatur, die eindrücklich vermitteln, wie gewalttätig das System, die Repression in der DDR funktioniert hat. Nur, weil man sich nicht angepasst, anders aussah, die Widerrede laut geäußert hat. Orte, die zeigen, was es für Mut brauchte, um sich zu widersetzen.

Wichtiger ist das lebendige Gespräch

Ein neuer Gedenkort  macht aus der Erinnerung an die Friedliche Revolution ein erstarrtes Ritual, indem sich am Ende nur Schulklassen tummeln. Wichtiger ist das lebendige Gespräch, um über die Illusionen, die Aufbrüche, aber auch Enttäuschungen etwas zu erfahren. Und das nicht nur an einem Tag, sondern 365 Tage im Jahr. Über die Grenzen, Generationen, die Herkünfte und Identitäten hinweg. Das kann man nicht verordnen, das müssen die Menschen selbst tun. Es braucht daher viel mehr partizipative Diskurse des Miteinanders: Runde Tische, mobile Bars, den neugierigen Blick.

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Das beginnt jedoch mit einer authentischen Anerkennung der Lebensleistung der Ostdeutschen. Es braucht aber auch die Debatte innerhalb der ostdeutschen Gesellschaft. Also das Gespräch zwischen Opfern und Tätern, zwischen denen die Gegangen und denen die Geblieben sind, zwischen den Angepassten und Unangepassten, die wegen Lappalien drangsaliert wurden, deren Lebenswege zerstört wurden. Das hat seelische Wunden und Karrierebrüche hinterlassen, die bis heute wirken. Die Opfer des SED-Regimes dürfen nicht in den Hintergrund treten. Mehr noch, sie brauchen Sichtbarkeit, insbesondere in der Mehrheitsgesellschaft Ost.

Erzählen und einander ehrlich zuhören

Damit die Narben verschwinden, muss man sich die Lebens-Geschichten erzählen und – ganz wichtig – einander ehrlich zuhören. Ein Podium dafür könnten die existierenden deutsch-deutschen Städte-Partnerschaften sein, wie es beispielsweise das brandenburgische Frankfurt/Oder und das schwäbische Heilbronn schon probiert. Ein neuer Gedenkort jedoch, der kann das nicht bieten.

Christoph Richter (Deutschlandradio / Marius Schwarz)Christoph Richter (Deutschlandradio / Marius Schwarz)Christoph Richter, aufgewachsen am Rande Ost-Berlins, studierte in Hamburg und Madrid Soziologie, Germanistik und Philosophie. 2004 gründete er in Berlin ein Radio-Korrespondenten-Büro und arbeitete von dort für alle Hörfunkwellen der ARD, die Deutsche Welle, den ORF und natürlich die Programme von Deutschlandradio. Seit 2013 ist er als Landeskorrespondent tätig: zunächst in Sachsen-Anhalt und seit 2020 in Brandenburg.

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