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StartseiteKommentare und Themen der WocheWie viele Unterschiede halten wir aus?03.10.2019

Tag der Deutschen EinheitWie viele Unterschiede halten wir aus?

Der Blick auf die Deutsche Einheit bedarf eines Perspektivwechsels, kommentiert Dlf-Chefredakteurin Birgit Wentzien. Statt immer nur danach zu fragen, wann Ost und West endlich gleich werden, könnte gerade der Blick auf die Unterschiede mehr Offenheit und Rationalität in die Debatte bringen.

Von Birgit Wentzien

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Ein Passant geht an einem Wandbild mit der deutschen Nationalflagge und dem Schriftzug "Ossi oder Wessi?" vorbei. (dpa/ Rainer Jensen)
Unterschiede erkennen können, heißt hören und argumentieren, sich auseinandersetzen, kommentiert Birgit Wentzien (dpa/ Rainer Jensen)
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Wechseln wir doch einfach mal die Perspektive. Stellen wir eine andere deutsch-deutsche Frage. Lassen wir Zweifel zu, Grautöne, Uneindeutigkeiten - auch auf die Gefahr hin, erst einmal nur eine neue Frage und noch längst nicht Antworten darauf zu haben an diesem Jahrestag der Deutschen Einheit. 

Perspektivwechsel bringt größere Offenheit

Seit drei Jahrzehnten wird gefragt: Wann werden wir gleich? Mein Vorschlag für eine weitere Frage lautet: Wie viele Unterschiede halten wir aus unabhängig von Himmelsrichtungen? Ich verspreche mir davon eine größere Offenheit im Wahrnehmen von Unterschieden. Eine neue Perspektive. Es ist Zeit dafür.

Angela Merkel hat sich beim Festakt in Kiel daran erinnert, dass sie selbst Zuversicht empfunden hat und Offenheit 1989. Und Merkel rief in Erinnerung, dass Anderen dagegen die Offenheit Angst gemacht hat. "Auf die Last der Teilung folgte die Wucht der Einigung", so die Kanzlerin. Zu erinnern sei daher heute an die Revolution von 1989 als historischem Glücksmoment und auch an den Verlust von Lebensgewissheit in der Zeit danach. Beides müsse Platz haben im Gedächtnis, wahrgenommen und anerkannt werden. Und Merkel schließt damit an ihre Aussage vom Frühjahr an: Sie tue sich schwer zu sagen, das Land sei gespalten wie nie. Sie meine eher, das Land war vielleicht nie so versöhnt, wie man dachte.

Der Osten ist genau so wenig einheitlich wie der Westen

Um zu verstehen, warum jeder zweite Ostdeutsche sich als Bürger zweiter Klasse fühlt, ist eine klarere Wahrnehmung notwendig. Der Osten ist genau so wenig einheitlich wie der Westen. Wo die meisten Menschen abwandern, da holt die AfD hohe Ergebnisse. Und wo die meisten Menschen zuwandern, sind die Grünen stark. Und: Überall da, wo die Bevölkerung schrumpft, werden Menschen konservativer und ängstlicher, sind sie stärker autoritär eingestellt und entwickeln sich Vorbehalte gegenüber Fremden. 

Einfache Erklärungen sind nicht zu haben. Wer einfachen Erklärungen, die kursieren, glaubt, macht sich‘s schlicht zu leicht. Und auch das: Es gibt so etwas wie "Wohlstands-Verwahrlosung". Zuspruch zur AfD, ausgerechnet an Orten nachweislicher Zufriedenheit und mit dem großen Wunsch nach stabilen Verhältnissen.  

Die AfD in West und Ost sorgt für Aufmerksamkeit. Die Bürgerinnen und Bürger, die ihr Kreuz bei dieser Partei machen, kümmert wenig, dass diese Partei keine nachvollziehbare Grenze zum Rechtsextremismus zieht. Selbst wenn diese AfD die Revolutionsgeschichte kapert, Legenden konstruiert, alle Demokraten im Land diskreditiert - sei’s drum. Die AfD funktioniert wie eine zentrale Sammelstelle für Misstrauen, auch für wohlständige Verunsicherung von Menschen, wie ein verstärkender Lautsprecher.

Unterschiede erkennen können, heißt sich auseinandersetzen

Wie viele Unterschiede halten wir aus? Bei der Suche nach Antworten auf diese Frage könnte gelingen, was derzeit nicht gelingt: Wahrnehmung von Differenz. Nicht jede Kritik am Funktionieren der Demokratie ist fundamentale Systemkritik, gleich ob in Ost oder in West. Und: Nicht jede Kritik ist schon darum gleich als rechte, rechtsextreme, nationalistische Kritik zu verdammen. Entzaubert würde dann, was die AfD als Trommel nutzt, weil allzu schnell ihre Kritik dadurch sehr viel gewichtiger und größer erscheint, als sie in Wirklichkeit ist.

Wahrnehmung von Differenz ist übrigens anstrengend, mühsam, schwierig und die Offenheit dafür kompliziert. Unterschiede erkennen wollen, heißt Unterschiede erkennen können, heißt hören und argumentieren, sich auseinandersetzen und dann erst urteilen. Mit dem immensen Vorteil, dass vermeintliche Gefühle endlich relativiert werden und dass an Stelle von Einschätzungen und nur erspürten Lagen Auseinandersetzungen rücken und Begründungen, mehr Rationalität und nicht nur Gesprächigkeit.

Die andere bisherige deutsche Frage, wann werden wir gleich, ist nicht weg. Die weitere deutsche Frage, wieviel Unterschiede halten wir aus, ergänzt. Und mit Robert Koch an diesem Tag der Deutschen Einheit ein kleiner, aber nicht unwichtiger Trost: Es gibt Fragen, die sind fast wichtiger als Antworten. Auf das Suchen danach kommt es an.

Birgit Wentzien, Deutschlandfunk – ChefredakteurinBirgit WentzienBirgit Wentzien wurde 1959 in Hamburg geboren. Sie absolvierte eine Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule in München sowie ein Studium der Kommunikationswissenschaften und Politologie an der dortigen Ludwig-Maximilians-Universität. Es folgte 1985 bis 1986 ein Volontariat beim SDR in Stuttgart, wo sie bis 1992 als Redakteurin, Moderatorin und Autorin im Bereich Politik tätig war. 1993 ging sie als Korrespondentin nach Berlin, wo sie ab 1999 als stellvertretende Leiterin, ab 2004 als Leiterin des SWR-Studios Berlin amtierte. Seit 1. Mai 2012 ist Birgit Wentzien Chefredakteurin des Deutschlandfunk.

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