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StartseiteKultur heuteGesammelte Erinnerungen und Fluchterfahrungen22.04.2019

Tagebucharchiv Progetto DiMMiGesammelte Erinnerungen und Fluchterfahrungen

"Dimmi" heißt auf italienisch: "Sag mir", aber die Abkürzung steht auch für ein Projekt im toskanischen Örtchen Pieve, wo Migranten gebeten wurden, ihre Fluchterfahrungen, aber auch ihre Ängste und Hoffnungen einem multimedialen Tagebuch anzuvertrauen. Doch die Finanzierung steht auf wackeligen Füßen.

Von Thomas Migge

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Nahaufnahme von einer Frau, die auf einer Mauer sitzt und in einem Notizbuch schreibt  (imago images / Westend61)
Einfach alles von der Seele schreiben (imago images / Westend61)
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"Ich hatte hier ja keine Freunde, niemanden, keine Familie, nichts. Ich litt unter Bulimie und alles wurde immer schlimmer. Ich hatte keinerlei soziale Kontakte."

Azzurra, so ihr neuer Name in Italien, ist es gelungen, von Nigeria nach Italien zu fliehen. In ein Land, in dem sie als Mensch mit Albinismus sicher leben kann, während sie in ihrer Heimat von aggressiven Angriffen bedroht war.

Der 18jährige Ibrahim ist aus Mali geflohen. Seine Familie wurde von IS-Terroristen erschossen. Seit drei Jahren lebt er in Italien:

"Meine Kindheit war ein Drama, voller wirklich schlechter Erfahrungen. Mein Traum ist es, irgendwann einmal in mein Land zurückkehren zu können, um dort eine bessere Gesellschaft aufzubauen."

Azzurra und Ibrahim begannen in Italien, in einem Auffanglager für Einwanderer, Tagebuch zu schreiben. Die Idee dazu kam von den Mitarbeitern des Progetto DiMMi. DiMMi steht für "Diari multimediali migranti", zu deutsch: Multimediale Migranten-Tagebücher. Alessandra Landucci ist eine der Mitarbeiterinnen des Tagebuchprojekts:

"Unser vordringlichstes Ziel ist es, den Einwanderern die Möglichkeit zu geben, uns ihre Geschichten zu erzählen, uns für sie zu sensibilisieren. Und: Tagebuchschreiben hilft diesen Menschen auch dabei, traumatische Erlebnisse ein wenig aufzuarbeiten. Wir unterteilen die Autoren in drei Kategorien: Frauen, Männer und Kinder."

Erfahrungen teilen

Grundidee des öffentlich finanzierten Projektes ist es, auf regionaler Ebene den Dialog mit Einwanderern zu vertiefen. Angesichts einer immer ausländerfeindlicheren Stimmung in Italien sei das mehr als sinnvoll, meint Carlo Valdese vom Progetto DiMMi:

"Die Geschichten dieser Menschen werden Teil unserer Geschichte sein. Ihre Erfahrungen kommen ja sonst viel zu kurz. Klar, Einwanderer sieht man im Fernsehen, aber immer nur als Opfer. Wir hingegen wollen diesen Menschen die Möglichkeit geben, mehr von sich preiszugeben. Deshalb ist es wichtig, das Material zu sammeln und zu publizieren."

Wenn ein Tagebuchschreiber bereit ist, seine niedergeschriebenen oder sonstwie festgehaltenen Erlebnisse den Mitarbeitern von DiMMi anzuvertrauen, werden diese in der städtischen Bibliothek in Pieve untergebracht. Hier können sie auch eingesehen werden. Die Organisatoren des Projektes laden regelmäßig Schulklassen aus der Toskana und Tagebuchautoren in ihre Bibliothek ein. Bei diesen Treffen lernen die meisten jungen Italiener zum ersten Mal überhaupt Einwanderer persönlich kennen. Aus erster Hand - und nicht durch Medien oder beeinflusst durch politische Polemiken - erfahren die Zuhörer von Flucht und den Schwierigkeiten in Italien, aber auch von den positiven Seiten des Exils.

Stefano Alacqua und seine Kollegen vom Progetto DiMMi machen den Autoren keinerlei Vorgaben wie und wie oft sie Tagebuch schreiben sollen:

"Wir lassen den Autoren der Tagebücher die Freiheit zu schreiben was sie wollen. Uns interessieren die unterschiedlichsten Tagebuchformen. So verfügen wir über Tagebücher in Form von Blogs, von Video-Interviews und in Papierform."

Finanzierung in Gefahr

Einige der Tagebücher werden bei dem jährlich in Pieve stattfindenden Tagebuchfestival präsentiert. Eine Jury aus Journalisten und Mitarbeitern von NGOs wählt jeweils zwei Tagebücher aus. Literarische Kriterien fallen bei der Wahl nichts ins Gewicht. Primäres Auswahlkriterium ist die, so heißt es in den Preis-Statuten, "dramatische Dichte der beschriebenen Erlebnisse".

Alfredo Maina vom Progetto DiMMi:

"Mit der Bibliothek, dem Tagebuchpreis und den Veranstaltungen wollen wir dem Thema Einwanderung mehr Platz als gewöhnlich einzuräumen. Dieses Thema ist in Italien zum Spielball der Politik und der Medien geworden. Was Einwanderung tatsächlich ausmacht, was diese Menschen erleben, kommt dabei immer zu kurz. Wir lassen die Betroffenen selbst zu Wort kommen."

Doch wie lange das in Pieve noch möglich sein wird, ist unklar. Im Mai stehen Kommunalwahlen an. Der Bürgermeisterkandidat der rechtsnationalen und ausländerfeindlichen Partei Lega erklärte bereits, dass er die öffentliche Finanzierung des Tagebuchprojekts wahrscheinlich canceln werde.

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