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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenKrieg als Gesellschaftszustand20.09.2018

Tagung in FrankfurtKrieg als Gesellschaftszustand

Seit 73 Jahren leben die Deutschen inmitten eines vereinten Europas in Frieden. Doch Krieg ist deshalb trotzdem nicht abwesend - durch Kriegserfahrungen, Traumata und Flüchtlingsschicksale bleibt er präsent. Über das Phänomen Krieg und die Sehnsucht nach Frieden.

Von Eva Götz-Laufenberg

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Einige Personen durchsuchen die Trümmer nach den Luftangriffen der syrischen Regierung. Die syrische Regierung hat zusammen mit ihrem Verbündeten Russland Menschenrechtlern zufolge die schwersten Luftangriffe auf die Rebellenprovinz Idlib seit einem Monat geflogen.  (dpa/ picture alliance/ Anas Alkharboutli)
Der nächste Kriegsschauplatz ist nicht weit: die syrische Provinz Idlib nach schweren Luftangriffen. Flüchtlingsschicksale und Kriegserfahrungen haben oft über mehrere Generationen hinaus Auswirkungen. (dpa/ picture alliance/ Anas Alkharboutli)
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"Ich hab meinen Opa nie kennengelernt, weil der gefallen ist, kurz vor Kriegsende", erzählt Patrizia Tolle, Professorin für Pflege und Rehabilitation an der Frankfurt University of Applied Sciences und Organisatorin der Tagung "Krieg ist ein Gesellschaftszustand". Die Feldpostbriefe ihres Großvaters von der polnischen Front hatten sie bereits als Kind tief beeindruckt.

"Je näher er an die Front kam, umso mehr veränderten sich die Briefe. Wurden sehr viel emotionaler, es war so spürbar, diese Sehnsucht nach Hause. Die Sehnsucht, dieses Kind, meine Mutter, das noch nicht geboren war, kennenzulernen. Und was auch so spürbar war, war diese Sinnlosigkeit von dem, was da vonstatten geht. Und ich, als ich das gelesen hab, wusste ich ja schon, er wird nicht wiederkommen und das wird jetzt der vorletzte Brief sein und ich kann mich noch gut erinnern, an eine Situation mit meiner Oma, da saßen wir am Tisch, plötzlich fing sie an, zu weinen."

"So etwas hallt natürlich nach, die Kriegserfahrungen schreiben sich über Generationen in Kultur und Körper ein."

Meint dazu der emeritierte Professor für Behindertenpädagogik an der Universität Bremen, Wolfgang Jantzen. Auch er spricht aus eigener Erfahrung, in seiner Familie waren begeisterte Nationalsozialisten gewesen, ihre Gesinnung spielte auch nach dem Krieg in seiner Erziehung eine große Rolle:

"Ich sollte der starke Jantzen werden, durchsetzungsfähig, hart, wie der Vater gewesen sei. War ich auch, mit elf Jahren habe ich den Rohrstock meiner Großmutter zerbrochen, und darüber war durchaus nicht nur Trauer, sondern auch Freude, dass ich mich durchsetze. Ich war in diesem ganzen Sog drin, und ich habe genauso dissoziiert und ausgegrenzt. Ich hab einfach experimentiert, kaltherzig experimentiert, mit anderen als Objekten. Ich war in der Schule deutlich verhaltensgestört."

Krieg endet nicht mit dem Tag, an dem Frieden beginnt

Der Krieg, und das verbindet die Berichte von Patrizia Tolle und Wolfgang Jantzen mit unzähligen anderen deutschen Nachkriegsgeschichten, endete nicht mit dem Tag, an dem der Frieden begann. Zu tief saßen die Gefühle von Unsicherheit, von Verletzungen, die Bilder von Tod und Grauen ließen sich nur oberflächlich verdrängen, genauso wie das Empfinden, schuldig geworden zu sein.

"Und gleichzeitig war es so, dass nicht drüber geredet worden ist."

Sagt Patrizia Tolle. Auch das Nicht-darüber-reden-Können ist eine Erfahrung, die die Kriegskinder und sogar noch ihre Enkel bis heute teilen. Und die weit nachgewirkt hat in West- und Ostdeutschland. Bis heute reut es auch Wolfgang Jantzen, dass er nicht mit seiner Mutter über die SS-Vergangenheit des 1944 gefallenen Vaters gesprochen hat, nicht über ihre Tätigkeit als Lagerärztin im KZ Ravensbrück. Nicht darüber, dass er in vergleichbarer Zeit nicht automatisch ein besserer Mensch gewesen wäre. Stattdessen trug er die unausgesprochenen Konflikte weit in sein Erwachsenenalter mit hinein, hinein in eine Zeit, in der es ja eigentlich schon eine friedliche Bundesrepublik gab:

"Wir haben uns gleichzeitig wieder an neue Autoritäten, an neue irdische Götter gebunden. Ich bin Mitglied der KP geworden. Ich hab schon relativ früh gemerkt, wie schwer mir es fällt, mich gegen Vaterfiguren abzugrenzen. Aber ich habe nicht gemerkt, dass ich mit der Kommunistischen Partei in eine neue Falle geraten bin."

In seiner Arbeit mit behinderten Menschen machte Jantzen die Erfahrung, dass sich Konflikte wesentlich besser mit Empathie und Kommunikation lösen lassen.

"Sobald man mit anderen Menschen Resonanz aufbauen kann, wird die Situation eine völlig andere."

"Gefühlter Frieden auf tönernen Füßen"

Als Wissenschaftler gelang es ihm, die Sonderpädagogik aufzuwerten und in Richtung Neurowissenschaften einerseits und Verhaltens- und Bindungsforschung, Soziologie und Psychologie andererseits zu öffnen. Dabei ging sein Blick schon früh über Europa hinaus. Und so macht er auch in seinem Vortrag mit dem Titel "Frieden als Erfahrung und Utopie" darauf aufmerksam, dass das dreiviertel Jahrhundert gefühlten Friedens in Deutschland auf tönernen Füßen steht:

"Erkauft mit der Ausbeutung und Verelendung der sogenannten Dritten Welt. Nur die Frage, wo wir die Mineralien für unsere Handys herbekommen. Vor allem aus dem Kongo. Und dass der Kongo das schlimmste Land ist, was sexuelle Gewalt gegen Frauen und Verstümmelungen von Frauen betrifft. Man kann alles finden im Internet, wenn man weiß, wo man suchen muss, aber es wird überhaupt nicht darüber geredet."

Seitdem Menschen aus Syrien und Afghanistan in Deutschland Asyl suchen, bringen sie ihre Kriegs-Erfahrungen, ihre Kriegs-Traumata mit hierher. Der Berliner Psychologe Prof. Phil Langer ging mit seinem Forschungsprojekt nach Afghanistan und suchte dort Kontakt zu Kindern und Jugendlichen, die den Frieden nie erlebt haben. Sie sollten beschreiben, wie sie sich eine friedvolle Gesellschaft der Zukunft vorstellen.

"Hinter den Ideen, die sie geben, hinter den Bildern, die sie zeichnen, hinter den Phrasen, wie "unity", "peace", "solidarity" ist es schwer, herauszufinden: Wie kommt man denn dort hin?"

Auch in Afghanistan, so berichtet Phil Langer, spürt man die Folgen der Globalisierung, gibt es Fernsehen und Facebook und die Vorstellung von einer anderen Welt. Und: die Hoffnung auf Frieden.

"Was uns beeindruckt hat, sind die scharfen Analysen, die die Jugendlichen schon angestellt haben. Sie können sehr klar erkennen, was schief läuft. Da geht es um ethnische Diskriminierung, da geht es sehr stark um Korruption, sehr stark darum, dass die politische Elite, die sogenannten "Elders", die eigentlich die Zukunft gestalten sollen, dass die ihrer Verantwortung nicht gerecht werden."

Hoffnung auf Frieden, Wertevorstellungen

Kritik an den "Elders", den Verantwortlichen für das Desaster, verbietet sich den Jugendlichen, die Phil Langer und sein Team befragt haben, aber dennoch. Diese Form der Auseinandersetzung ist in ihren Lebensmöglichkeiten nicht vorgesehen. Er bezeichnet diese Generation als "trapped Generation", als gefangen zwischen dem sehr starken Wunsch nach Frieden, den sie ersehnen, für dessen Eintreten sie sich als junge Generation auch zuständig fühlen und dem Bewusstsein, dass die Voraussetzungen dafür nicht gegeben sind. Dennoch: Sie haben eigene Ideen. Und vor allem die Mädchen taten ihren Willen kund.

"Und es war spannend zu sehen, dass das nicht nur diejenigen waren, von denen man es jetzt denken würde, dass die schon in der Bildung waren, auf Universitäten gegangen sind, sondern auch diejenigen, die keinen Zugang zur Bildung hatten, nicht mal lesen und schreiben konnten, dass da aus dem Gefühl der Marginalisierung von Frauen heraus so ein Gefühl der kollektiven Solidarität sehr konkret wurde."

Bildung lautet das entscheidende Stichwort. Und das gerade junge Frauen

"... mit der Idee gekommen sind, dass man doch Bildungskurse für Männer auf dem Land machen sollte und dass das eigentlich über religiöse Einrichtungen geschehen sollte, über die Moschee, über die Mullahs. Und das fanden wir ganz spannend, weil im Westen gibt es ja so die Idee, dass die muslimische Frau befreit werden müsste vom Joch des Patriarchats, und hier hatten sie sehr klare Vorstellungen wie das funktioniert: nämlich über die Bildung der Männer, um hier Ideen von Geschlechtergleichheit auch zu etablieren."

Dass es in finstersten Kriegszeiten immer auch die ganz konkrete Hoffnung auf Frieden gibt, hat Phil Langer sehr beeindruckt. Wie nah der Krieg im Frieden ist, ob als überlieferte Erfahrung eingeschrieben in den Genen der deutschen Nachkriegsgenerationen, ob als "importiertes" Leid, das wir aber deshalb doch nicht von uns weisen können, war das wesentliche Thema der Frankfurter Tagung. Gegen die Furcht, auch hierzulande und in naher Zukunft wieder in kriegerische Auseinandersetzungen verwickelt werden zu können, gibt es, da waren sich die Teilnehmer einig, einen Weg: sich diesen Ängsten zu stellen, sie zu kommunizieren, die Gründe dafür zu hinterfragen und auf der gesellschaftlichen Ebene mit friedlichen, demokratischen Mitteln für Gerechtigkeit und humanistische Werte einzutreten.

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