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StartseiteSport am WochenendeKreativ und intuitiv14.04.2018

Taktik in der NBAKreativ und intuitiv

In den USA beginnt in der NBA der Kampf um die Meisterschaft. In Sachen Spielauffassung hat sich dort ein Umdenken durchgesetzt: Die besten Teams schlagen die Konkurrenz mit Tempo-Basketball und Distanzwürfen. Das Publikum ist begeistert und die Einschaltquoten steigen.

Von Jürgen Kalwa

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Kevin Durant von den Golden State Warriors und Trainer Steve Kerr im Gespräch.  (imago)
Neue Ansätze in der NBA: Golden Warriors Trainer Steve Kerr lässt seinen Spielern viele Gestaltungsmöglichkeiten. (imago)
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Die Szene Anfang Februar in einem ganz normalen Spiel der National Basketball Association war alles andere als alltäglich. Sie passierte in einer Begegnung der Golden State Warriors während einer Auszeit am Spielfeldrand.

Cheftrainer Steve Kerr gab das Skizzenbrett einem seiner Spieler, die anschließend in aller Seelenruhe den Entwurf im kleinen Kreis unter sich besprachen. Kerr erläuterte, weshalb er zur Abwechslung mal den Griffel abgab: Erwachsenen, erfahrenen Basketballprofis müsse man nicht dauernd erklären, was sie tun oder lassen sollen.

"Das ist ihre Mannschaft. Sie müssen von dieser Idee Besitz nehmen. Wir können sie nur in die richtige Richtung schieben, aber wir kontrollieren sie nicht."

"Sie sind müde, meine Stimme zu hören"

Und er fügte einen Gedanken moderner Sportpädagogik hinzu. 82 Spiele während der regulären Saison mit ständigen Ansprachen und Appellen – das verpufft irgendwann im Nichts.

"Ich muss an mein Team herankommen. Und das hat zuletzt nicht geklappt. Sie sind müde, meine Stimme zu hören. Ich bin auch müde, meine Stimme zu hören. Das war in den letzten Jahren ein hartes Stück Arbeit."

Die NBA, eine siebzig Jahre alte Profiliga, die hunderte von Millionen Dollar umsetzt und schon viele Experimente und Innovationen aus eigener Kraft hinbekommen hat, ein modernes Laboratorium für den Spitzensport?

Nicht ausgeschlossen. Und Steve Kerr wäre dafür vermutlich genau der richtige Mann. Als Spieler mit den Chicago Bulls und den San Antonio Spurs wurde er insgesamt fünfmal Meister und saugte dabei die unterschiedlichen Arbeitsweisen und Charaktereigenschaften von zwei höchst erfolgreichen Trainern auf: von Phil Jackson und Gregg Popovich.

Konstanter Druck aufs Tempo

In der ersten Playoff-Runde treffen die Warriors und Spurs übrigens mal wieder aufeinander. Ein reizvolles Duell. Vor allem stilistisch. Die Spurs, auf Defensive eingestellt und eher schleppend im Angriff, gegen die Tempo-Taktik der Warriors. Angereichert mit dem Anstrich eines Generationswechsel. Ein Konkurrenzkampf, der von Respekt geprägt ist. Steve Kerr über Popovich:

"Wir sind heute Freunde. Er ist einer meiner wichtigsten Mentoren geworden. Was ich von ihm gelernt habe, war fundamental. Genauso wie das, was er bei den Spurs aufgebaut hat. Wir haben einiges davon hier in Golden State umgesetzt."

Dass man Spieler an der langen Leine laufen und ihnen so viele kreative Gestaltungsmöglichkeiten wie möglich lässt, ist wahrscheinlich die klügste Methode, um aus einer Gruppe von charismatischen Individualisten die Chemie fürs Mannschaftsdienliche herauszukitzeln. Erst recht in einer Zeit, in der Kerr und andere Trainer zeigen, was heute gebraucht wird, um zu gewinnen: Man muss ständig Druck aufs Tempo machen und so viele Distanzwürfe wie möglich von jenseits der Drei-Punkte-Linie probieren.

Ein solches Angriffsverhalten verlangt auf der Spielerseite nicht nur körperliche Beweglichkeit, sondern vor allem auch geistige und intuitives Miteinander. Klubs wie die Golden State Warriors als Vorreiter und seit kurzem die Houston Rockets als fast noch bessere Nachahmer haben allerdings auch einen entscheidenden Vorteil. Sie verfügen über das passende Personal.

Steigende Einschaltquoten beim Basketball

Die Zuschauer sehen so etwas mit Vergnügen. Die Einschaltquoten steigen – anders als bei anderen Sportarten in den USA, wo man leichte Abwärtstrends verzeichnet. Mike D’Antoni, der seine Philosophie zum ersten Mal vor 15 Jahren bei den Phoenix Suns umsetzen konnte, erlebte anschließend mit den New York Knicks und des Los Angeles Lakers eine längere Durststrecke. Bei den Rockets funktioniert es. Im Grunde ist die Strategie sehr simpel verriet der Trainer neulich in der "Dan Patrick Show", einer populären Rundfunksendung:

"Wir versuchen nur Korbleger, Freiwürfe und Dreier zu bekommen. Das geht, wenn man genug Platz schafft und schnell genug ist. Jeder Spieler hat besondere Fähigkeiten. Daran passen wir uns ein bisschen an. Aber nicht um den Preis irgendwelcher Würfe aus der Halbdistanz, die einem zwei Punkte einbringen. Das ist schlechter Basketball. Warum sollten wir so etwas probieren?"

Eine Anweisung an die Spieler sorgt insbesondere für atemberaubende Stafetten: Jeden Angriff soll in weniger als sieben Sekunden zu Ende sein. Wofür in Houston vor allem der Mann mit dem langen Bart verantwortlich ist: James Harden. Die Warriors machen meistens mit mehreren Leuten gleichzeitig Dampf: mit Stephen Curry, Kevin Durant und Klay Thompson.

Kein Vergleich mehr zu einer Zeit mit riesigen, aber staksigen Centern wie Kareem Abdul Jabbar und später Shaquille O’Neal. Zu Spielern, die mit ihren langen Armen wie Baukräne die Landschaft überragten. Aufgrund solcher Vorbilder stieg die Durchschnittsgröße in der Liga bis 2001 auf 2,03 Meter. Seitdem ist das Gardemaß um zweieinhalb Zentimeter geschrumpft. Weil man schnelle Jungs braucht. Und sie sind etwas kleiner.

Die Drei-Punkt-Linie gibt es zwar bereits seit 1980 und verlockte Trainer immer wieder dazu, herumzuexperimentieren. Richtig gut funktioniert dies jedoch erst seit ein paar Jahren, seit viele Spieler den Wurf aus der Ferne gezielt trainieren. Auch die San Antonio Spurs kommen nicht ohne einen Dreier-Spezialisten aus: den Spanier Pau Gasol. Das Problem: Der traf zwar noch im letzten Jahr so gut wie niemand sonst in der Liga. Der Lack ist inzwischen jedoch ab. Sehr zum Leidwesen von Popovich und den Spurs. Der 37-Jährige versenkte in der letzten Saison jeden zweiten Ball. Inzwischen ist es nur noch jeder dritte.

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