Freitag, 16.11.2018
 
Seit 14:30 Uhr Nachrichten
StartseiteEine Welt Afghanistan ist gefährlicher denn je20.10.2018

Taliban auf dem Vormarsch Afghanistan ist gefährlicher denn je

Die Parlamentswahl in Afghanistan wird überschattet von Angriffen der Taliban. Die Islamisten bringen immer mehr Regionen des Landes unter ihre Kontrolle, Anschläge gibt es auch außerhalb des Wahlkampfs fast täglich. Stabilität ist nicht in Sicht - und die Akzeptanz der NATO-Truppen im Land sinkt.

Von Bernd Musch-Borowska

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Afghanische Polizisten an einem Checkpoint in Kandahar (AFP/ Jawed Tanveer)
Die Zukunftsprognosen sind auch für die Zeit nach den Wahlen in Afghanistan eher düster (AFP/ Jawed Tanveer)
  • E-Mail
  • Teilen
  • Tweet
  • Drucken
  • Podcast
Mehr zum Thema

Wahlen in Afghanistan „Das Kalkül der Taliban ist leider aufgegangen“

Afghanistan Testlauf für die Präsidentschaftswahlen

Fast täglich gibt es in Afghanistan Angriffe militanter Islamisten auf afghanische Sicherheitskräfte oder Anschläge auf Regierungseinrichtungen und sogenannte weiche Ziele, das heißt zivile Einrichtungen wie  Moscheen, Märkte oder Sportanlagen. Nicht nur jetzt, während des Wahlkampfes und nicht nur in Kabul, sondern auch in anderen Städten im ganzen Land.

Anfang September waren bei zwei aufeinander folgenden Explosionen in einem Sportclub in Kabul über 20 Menschen getötet worden, darunter Sanitäter, Sicherheitskräfte und Journalisten, die nach der ersten Explosion zum Tatort gekommen waren. Die afghanischen Behörden seien mit der Situation überfordert, meint der Analyst Aziz Rafee:

"Diese Zerstörungen durch Anschläge in den großen Städten sind ein Zeichen für die Schwäche unserer Behörden und auch des Geheimdienstes. Ich glaube, wir als Nation haben bislang nicht ausreichend auf diese Situation reagiert."

Bereits 1.700 tote Zivilisten in diesem Jahr

Nach Einschätzungen der International Crisis Group könnte die Zahl der Toten in Afghanistan 2018 einen neuen Höchststand erreichen. Während im vergangenen Jahr knapp 19.700 Menschen durch Kampfhandlungen und Anschläge ums Leben gekommen waren, könnten es in diesem Jahr deutlich über 20.000 werden. Allein in den ersten sechs Monaten seien schon fast 1.700 Zivilisten ums Leben gekommen, heißt es in einem Bericht der International Crisis Group.
 
Die Taliban sind weiter auf dem Vormarsch und haben in den vergangenen Monaten weitere Regionen und Provinzen unter ihre Kontrolle gebracht. Die von der NATO geführte Ausbildungs- und Unterstützungsmission "Resolute Support" schätzt, dass die Taliban etwa 14 Prozent des afghanischen Staatsgebietes kontrollieren. Anderen Studien zufolge können sich die Islamisten in fast 70 Prozent der Bezirke des Landes mehr oder weniger frei bewegen.

Unterstützung aus der Bevölkerung für die Taliban

Dabei haben die Taliban, die in Afghanistan von 1996 bis 2001 weite Teile des Landes beherrschten - auch die Hauptstadt Kabul -, nicht nur Feinde unter der Bevölkerung. In vielen Regionen werden sie geschätzt dafür, dass sie Verwaltungsstrukturen aufbauen, eine Gesundheitsversorgung gewährleisten und für Sicherheit gegen Kriminalität sorgen, wozu die afghanische Regierung offenbar nicht in der Lage zu sein scheint. Was dazu führt, dass viele der Bewohner dieser Taliban-Gebiete die Nachteile in Kauf nehmen, die mit der Herrschaft der rückwärtsgewandten Islamisten einhergehen, wie die Einschränkungen grundlegender Rechte. Davon sind vor allem Frauen und Mädchen betroffen, weil ihnen von den Taliban unter anderem der Schulbesuch untersagt wird.
 
Afghanistans Regierungschef Abdullah Abdulla ist trotzdem der Meinung, dass die Taliban mit ihrer Strategie die Herzen der Afghanen nicht erobern werden:
 
"Das afghanische Volk unterstützt unsere Sicherheitskräfte, und das ist sehr wichtig, das müssen wir weiter stärken. Und die Menschen haben sich sehr über den Waffenstillstand im Juni gefreut. Aber das Volk will keine Talibanisierung des Landes und es versteht auch, dass es im besten Interesse Afghanistans wäre, wenn die Taliban ihre Verbindungen mit Terrorgruppen aufgeben und in einen politischen Prozess eintreten würden."

"Die US-Strategie ist doch ganz auf Krieg konzentriert"

Kurz vor den Wahlen hat – ganz vorsichtig – ein politischer Prozess begonnen. Bei einem Treffen in Katar haben Vertreter der Taliban-Führung mit einem US-Gesandten über eine mögliche Beendigung des Afghanistankriegs und den Abzug ausländischer Truppen gesprochen. Der afghanische Politik-Analyst, Ghulam Jelani Zwak, hat jedoch nicht viel Hoffnung:

"Die USA sind nicht bereit, ihre Soldaten aus Afghanistan abzuziehen. Und die Taliban können eine weitere Präsenz der US-Truppen in Afghanistan nicht akzeptieren. Die Gespräche sind ein Schritt in die richtige Richtung, aber ich glaube nicht, dass da bald ein Ergebnis herauskommt. Die wollen zeigen, dass sie etwas tun. Aber die US-Strategie ist doch ganz auf Krieg konzentriert. Sie werfen Bomben und töten Leute. Sie schaffen doch damit einen Grund für Krieg."

Die  Zukunftsprognosen sind auch für die Zeit nach den Wahlen eher düster. Stabilität ist nicht in Sicht. Während die Zahl ziviler Opfer durch Luftangriffe zunimmt, sinkt in der Bevölkerung die Akzeptanz der Präsenz der von den USA geführten NATO-Truppen und ihrer militärischen Strategie. Allein in den ersten sechs Monaten dieses Jahres hat die UN-Mission in Afghanistan mehr als 350 zivile Opfer durch Luftangriffe dokumentiert, darunter fast 150 Tote und mehr als 200 Verletzte. Das sei ein Anstieg von mehr als 50 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum.
 

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk