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StartseiteKommentare und Themen der WocheDieser Kampf ist verloren09.08.2021

Taliban-Vormarsch in AfghanistanDieser Kampf ist verloren

Die afghanischen Sicherheitskräfte seien in der Breite viel zu schwach und zu schlecht ausgerüstet, um sich behaupten zu können, kommentiert Klaus Remme. Allein in den vergangenen Wochen haben eine Viertel Million Afghanen ihre Städte und Dörfer verlassen. Eine politische Lösung sei in weite Ferne gerückt.

Ein Kommentar von Klaus Remme

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Afghanische Sicherheitskräfte gehen in der Provinz Nangarhar in der Nähe des Grenzübergangs Torkham an der Grenze zu Pakistan gegen Taliban-Kämpfer vor  (picture alliance / AA )
Es gibt keine internationalen Truppen mehr, die militärischen Gegendruck erzeugen könnten, kommentiert Klaus Remme. Und die Menschen vor Ort wissen das. (picture alliance / AA )

"Wir werden diesen Ort niemals vergessen", sagte der damalige Verteidigungsminister Thomas de Maiziere vor fast acht Jahren im nordafghanischen Kundus. Damals zog die Bundeswehr aus Kundus ab, zurück blieben ein Feldlager, dass den afghanischen Sicherheitskräften übergeben wurde, und Erinnerungen an Gefechte und Verluste, die Kundus zum Symbol des Kriegs gegen die Taliban werden ließen. In diesen Tagen werden wir alle an Kundus erinnert.

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Nach einer wahren Eroberungswelle im ganzen Land kontrollieren die Taliban Teile der Stadt, so wie 2015 und 2016 schon einmal für kurze Zeit, doch jetzt gibt es keine internationalen Truppen mehr, die militärischen Gegendruck erzeugen könnten. An der Seite von de Maiziere stand damals Guido Westerwelle als deutscher Außenminister und versprach: "Wir kehren den Menschen in Afghanistan nicht den Rücken." Ein Satz, der in diesen Tagen hohl klingt. Auch wenn dieser Einsatz noch lange nicht ausreichend bilanziert ist, eines steht fest: Es wurde zu viel versprochen in den vergangenen Jahren!

Kein realistisches Ziel

Wenn Norbert Röttgen als Vorsitzender im Auswärtigen Ausschuss des Bundestags jetzt von notwendigem militärischem Widerstand der Amerikaner, notfalls auch der Europäer und der Bundeswehr gegen die Taliban spricht, dann klingt das absurd. Die Deutschen sind schon weg, die Amerikaner so gut wie. Es gibt kein realistisches Ziel, kein Mandat und keine Partner für eine solche Mission. Nein, dieser Kampf ist verloren. Und die Menschen vor Ort wissen das.

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Die afghanischen Sicherheitskräfte sind in der Breite viel zu schwach und zu schlecht ausgerüstet, um sich behaupten zu können. Allein in den vergangenen Wochen haben eine Viertel Million Afghanen ihre Städte und Dörfer verlassen. Eine politische Lösung ist in weite Ferne gerückt. Zwei Forderungen muss auf deutscher Seite jetzt unverzüglich entsprochen werden: Erstens, eine Aktualisierung des Lageberichts durch das Auswärtige Amt, Grundlage für Entscheidungen über Abschiebungen, ist mehr als überfällig, immerhin wurde sie heute in Aussicht gestellt. 

Soldaten der Bundeswehr sind vor dem Transportflugzeug vom Typ Airbus A400M der Luftwaffe zum Abschlussappell angetreten. Die letzten Soldaten des deutschen Afghanistan-Einsatzes sind auf dem niedersächsischen Fliegerhorst ankommen. Am Vorabend war der Einsatz nach fast 20 Jahren beendet worden. Die Soldaten waren mit vier Militärmaschinen aus dem Feldlager in Masar-i-Scharif im Norden von Afghanistan ausgeflogen worden. (picture alliance/dpa/dpa-Pool | Hauke-Christian Dittrich) (picture alliance/dpa/dpa-Pool | Hauke-Christian Dittrich)Abzug aus Afghanistan - Was vom Bundeswehreinsatz bleibt
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Und zweitens: Ehemalige afghanische Ortskräfte müssen großzügiger und schneller nach Deutschland geholt werden. Das bisherige Verfahren ist zu kompliziert und zu eng gefasst. Allein der Umgang mit den Ortskräften zeigt, dass der Truppenabzug ohne ausreichende Vorbereitung unter großem Zeitdruck vollzogen wurde. In drei Wochen wollen deutsche Regierung und Parlament den 20-jährigen Einsatz offiziell würdigen. Die Redenschreiber sind nicht zu beneiden!

Klaus Remme  (Deutschlandradio / Bettina Straub)Klaus Remme (Deutschlandradio / Bettina Straub)Klaus Remme, geboren in Cloppenburg. Studium der Politischen Wissenschaften und Osteuropäische Geschichte in Freiburg und Wien. Berufliche Stationen: Institute for Defense & Disarmament Studies, Boston, BBC World Service, London, Norddeutscher Rundfunk. Seit 1996 beim Deutschlandfunk. Von 2007 bis 2012 Korrespondent von Deutschlandradio in Washington. Seitdem Korrespondent im Hauptstadtstudio mit Schwerpunkt Außen- und Sicherheitspolitik. 

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