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StartseiteForschung aktuellTaube Mäuse hören wieder05.02.2013

Taube Mäuse hören wieder

Hoffnung für Patienten mit Usher-Syndrom und anderen genetischen Krankheiten

Medizin.- Kinder, die am Usher-Syndrom leiden, können nicht hören und verlieren im Laufe des Lebens auch ihre Sehfähigkeit. Eine Mutation ist dafür verantwortlich, dass ein falsches Protein gebildet wird. Forscher versuchen, eine spezielle Form der Gentherapie zu entwickeln, die dem Hörverlust und der Erblindung entgegenwirken.

Von Michael Lange

Zumindest bei Mäusen hat der neue Therapieansatz Wirkung gezeigt.  (AP)
Zumindest bei Mäusen hat der neue Therapieansatz Wirkung gezeigt. (AP)

Akadier sind Amerikaner, die von Franzosen abstammen, die einst vor allem Kanada und Louisiana im Süden der USA besiedelten. Unter ihren Nachkommen tritt eine Mutation im Erbgut gehäuft auf. Sie verursacht das Usher-Syndrom – Typ 1. Die Kinder sind von Geburt an taub und erblinden dann im Laufe ihres Lebens. Um diese Krankheit zu erforschen, haben Wissenschaftler der Louisiana State University ein Mausmodell entwickelt, das genau die gleiche Mutation trägt.

"Die Mäuse leiden unter einer schweren Gleichgewichtsstörung. Sie wackeln mit dem Kopf und laufen im Kreis, weil ihr Gleichgewichtssinn gestört ist. Außerdem können die Mäuse nicht hören. Sie sind von Geburt an weitgehend gehörlos."

Michelle Hastings von der Rosalind Franklin University in Chicago hat nun ein Verfahren entwickelt, mit dem sich die Mäuse heilen lassen. Das Verfahren, das sie entwickelt hat, ist keine klassische Gentherapie, bei der kranke Gene durch gesunde ersetzt werden. Sie verwendet stattdessen synthetische Antisense-Moleküle. Die Substanz ähnelt dem biologischen Botenmolekül RNA. Die Antisense-Moleküle tragen die gleiche Erbinformation wie das mutierte Gen, nur in umgekehrter Reihenfolge. Deshalb passen sie exakt auf die fehlerhaften Gene. Sie spüren sie auf, verbinden sich mit ihnen und legen sie so lahm.

"Wir verabreichten den Mäusen eine Spritze in den Bauchraum. Die Antisense-Moleküle wanderten ins Ohr der Tiere und korrigierten dort die Aktivität der Gene."

Der Effekt trat sofort ein. Ein fehlerhaftes Protein namens Harmonin wurde nicht mehr gebildet.

"Das Harmonin hält die Haarsinneszellen im Innenohr zusammen. Es verbindet die feinen Härchen miteinander. Wenn das Harmonin fehlt oder defekt ist, funktionieren die Sinneszellen nicht und die Tiere können keine Töne wahrnehmen."

Die Antisense-Moleküle wirkten sofort. Michelle Hastings war überrascht, wie schnell sich der Zustand der kranken Mäuse verbesserte.

"Sofort erkannten wir, dass die Mäuse nicht mehr im Kreis herum liefen. Normalerweise haben Mäuse mit dieser Mutation einen gestörten Gleichgewichtssinn und laufen deshalb im Kreis. Die behandelten Mäuse jedoch verhielten sich wie normale Mäuse."

Sechs Monate lang konnten die Mäuse tiefe Töne wahrnehmen, bevor dann die Hörkraft nachließ. Der Erfolg spricht für die Entwicklung einer ähnlichen Therapie für Menschen. Allerdings lässt sich das Verfahren nicht eins zu eins auf den Menschen übertragen, warnt Michelle Hastings.

"Beim Menschen entwickelt sich der Hörsinn bereits im Mutterleib. Daran muss das Verfahren noch angepasst werden. Am besten erfolgt die Behandlung während der Schwangerschaft. Außerdem müssen wir noch die Dosierung und die Sicherheit der Methode überprüfen."

Das Grundprinzip der zielsicheren Antisense-Moleküle ließe sich nicht nur beim Usher-Syndrom anwenden, so Michelle Hastings. Auch andere genetische Krankheiten könnten sich mit diesem Verfahren behandeln lassen.

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