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Startseite@mediasres"Bezeichnend, dass der Innenminister vier Tage gebraucht hat"25.06.2020

"taz"-Chefredakteurin"Bezeichnend, dass der Innenminister vier Tage gebraucht hat"

Für "taz"-Chefredakteurin Barbara Junge kam der Rückzieher von Bundesinnenminister Horst Seehofer nicht überraschend. Seehofer will keine Anzeige gegen eine "taz"-Autorin erstatten. Junge sagte im Deutschlandfunk, die angekündigte Einladung zum Gespräch mit Seehofer habe sie noch nicht erhalten.

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Bundesinnenminister Horst Seehofer CSU macht sich nach den Ausschreitungen in Stuttgart vor Ort ein Bild von der Lage. Begleitet wird er von Ministerpräsident Winfried Kretschmann Grüne und dem baden-württembergischen Innenminister Thomas Strobl CDU. // 22.06.2020, Stuttgart, Baden-Württemberg, Deutschland. *** Federal Minister of the Interior Horst Seehofer CSU gets a picture of the situation after the riots in Stuttgart He is accompanied by Minister President Winfried Kretschmann Grüne and the Minister of the Interior of Baden-Württemberg Thomas Strobl CDU 22 06 2020, Stuttgart, Baden-Württemberg, Germany (imago images / Arnulf Hettrich)
Horst Seehofer bringt nun doch keine Anzeige gegen eine "taz"-Autorin auf den Weg (imago images / Arnulf Hettrich)
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Sebastian Wellendorf: "Wir beginnen mit dem heftigen Wind ins Gesicht von Horst Seehofer. Gegenwind ist er ja gewöhnt, der Bundesinnenminister. Er muss daran gewöhnt sein, denn dass die Ankündigung, gegen eine Journalistin Strafanzeige zu stellen, Gegenwind verursachen würde, das hat er sicher mit eingeplant. Dennoch muss es Böen in diesem Gegenwind gegeben haben, die ihm dann doch ein bisschen zu stürmisch waren. Vielleicht war es der Aufschrei in der Politik, auch in den eigenen Reihen, vielleicht waren es die eindeutigen Positionen der Journalistenverbände. Möglicherweise war es auch das vertrauliche Gespräch mit Angela Merkel selbst, das ihn heute umgestimmt hat. Heute hat Horst Seehofer bekanntgegeben, dass er von einer Anzeige gegen die "taz"-Autorin Hengameh Yaghoobifarah absieht. In deren Text sich ja Polizist_innen auf der Mülldeponie am wohlsten fühlen. Ich habe die "taz"-Chefredakteurin Barbara Junge gefragt, was sie zu dieser Wendung sagt."

Barbara Junge: "Ich finde es bezeichnend, dass der Bundesinnenminister für eine solche Erkenntnis vier Tage gebraucht hat. Unsere Autor_in wurde und wird massiv angefeindet, und ich weiß nicht, ob der Rückzug von Horst Seehofer etwas für sie ändert. Wir stehen auf jeden Fall hinter ihr und vertreten sie."

Wellendorf: "Dennoch: Kam die Nachricht von Herrn Seehofer für Sie überraschend?"

Junge: "Nein, ich hab damit gerechnet."

Wellendorf: "Warum?"

Junge: "Ich hatte nicht den Eindruck, dass es danach aussieht, dass er die Anzeige wirklich umsetzen würde. Es hat ja doch das eine oder andere Gespräch wohl auch hinter den Kulissen gegeben. Was da genau passiert ist, ich mein, da müssen Sie Herrn Seehofer natürlich selbst fragen. Aber nein, ich habe damit gerechnet, dass es heute Morgen kommt."

Wellendorf: "Jetzt hat Herr Seehofer auch, zumindest durch die Blume, angekündigt, dass er ein Gespräch nicht nur mit dem Presserat, der ja eigentlich zuständig gewesen wäre, suchen möchte, sondern möglicherweise auch mit Ihnen. Und ich gehe jetzt davon aus, dass das Gespräch noch nicht stattgefunden hat, oder?"

Junge: "Nein. Ich habe auch noch gar keinen direkten Brief bekommen, aber habe natürlich gelesen, was er erklärt hat. Und ich würde sagen: Die 'taz' führt ja gerade eine ganz schön leidenschaftliche Diskussion über Rassismus und Polizei und den journalistischen Umgang damit. Und dass sich der Bundesinnenminister daran beteiligen möchte, begrüße ich."

Wellendorf: "Eine Frage hätte ich noch, und zwar die leicht verwirrende Entschuldigung von Ihnen - am Dienstag, glaube ich, kam die - die für einige Pressevertreterinnen und Journalistinnen dann doch etwas seltsam kam, dass sie sich für die Kolumne entschuldigt haben. Wie sehen Sie das aus heutiger Sicht?"

Junge: "Ich habe gesagt, dass man in diesem Satz etwas lesen konnte, aber nicht musste, und was man da hineinlesen konnte oder wie es verstanden werden konnte, das tut mir leid. Und das hab ich damit gemeint. Das heißt aber natürlich nicht, dass wir nicht hinter unserer Autorin stehen."

Wellendorf: "Barbara Junge, die Chefredakteurin der 'taz', zur heutigen Entscheidung des Bundesinnenministers Horst Seehofer, die Anzeige gegen die 'taz'-Kolumnistin doch zurückzuziehen. Danke, Frau, Junge."

Junge: "Gerne doch."

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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