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StartseiteMusikjournalSicher singen mit Abluftanlage08.06.2020

Technik für ChöreSicher singen mit Abluftanlage

Singen setzt viele Aerosole frei, die Coronaviren besonders gut übertragen. Viele Chöre können deswegen immer noch nicht proben und auftreten. Ein Kölner Kirchenmusiker hat nun ein Luft-Ansaugsystem konstruiert. Es leitet den Atem der Chormitglieder direkt aus dem Gebäude – geräuscharm.

Von Simon Schomäcker

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Junge Sänger im Chor während eines Konzertes. (Youth Capella Reial de Catalunya  / A. Bofill)
Chorsängerinnen und -sänger sind darauf angewiesen, in der Gemeinschaft zu proben und aufzuführen (Youth Capella Reial de Catalunya / A. Bofill)
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Dirigent Thomas Roß hat auf geschickte Weise begrenzte und infektionssichere Plätze geschaffen: Während Roß am E-Piano sitzt, steht sein achtköpfiges Ensemble hinter einer hufeisenförmigen Holztheke. Darin verbirgt sich ein Ansaugsystem, das die Atemluft des Chores aus dem Gebäude führt. Michael Karhausen:

"Ich habe zuerst gelacht. Ich dachte zuerst, was soll das. Aber ich glaube, wenn einer sowas bastelt, dann ist das der Thomas. Und das funktioniert dann meistens auch, das ist ja das Faszinierende."

Bis zu 80 Prozent der Atemluft wird abgesaugt – geräuschlos

Berichtet Chorsänger Michael Karhausen über den technikaffinen Kirchenmusiker. Dieser hat die Anlage auf Basis eines 120 Watt starken Bodenventilators entwickelt. Es ist ein Gerät, das auch in aufgeheizten Wohnungen stehen könnte. Thomas Roß:

"Da hab ich mir gedacht: Was der pustet, wenn hier acht Leute stehen beim Kammerchor, der bläst alles weg, alleine, völlig problemlos. Also nimm den doch, um zu saugen."

Thomas Roß demonstriert mit einer Rauchpatrone die Sogwirkung seiner Anlage. (Deutschlandradio / Simon Schomäcker)Starker Sog: Thomas Roß demonstriert die Wirkung seiner Abzugsanlage (Deutschlandradio / Simon Schomäcker)

Thomas Roß baute den Ventilator in das Ende eines etwa sieben Meter langen, luftdichten Kriechtunnels ein. Durch eine Seitenkapelle legte er das Stoffschlauchende mit der Windmaschine nach draußen vor die Tür. Das andere Ende führt zur Theke. In deren Platte befinden sich nahe der vorderen Kante breite Lüftungsschlitze. Um die Sogwirkung zu demonstrieren, zündet Thomas Roß eine Rauchpatrone an.

"Da können Sie sehen, dass es jetzt schön verschwindet. Das ist ja heißer Rauch, der geht eigentlich nach oben. Aber die Maschine arbeitet jetzt dagegen."

Etwa 70 bis 80 Prozent der Atemluft saugt die Anlage bereits ab – und das völlig geräuschlos. Innerhalb von fünf Wochen hat Thomas Roß das System auf den jetzigen Stand gebracht. Zuerst musste der Technikfan in der gesamten Vorrichtung für einen gleichmäßigen Unterdruck sorgen. Roß deutet auf die Stelle, wo die Abluftleitung ansetzt. Thomas Roß:

"In dem Bereich hast du die Abluft von allen acht Leuten. Das heißt, da hast du relativ schnelle Stromgeschwindigkeit. Hier an der Kopfseite hast du nur eine Person, da ist fast gar keine Strömungsgeschwindigkeit drin. Je mehr Strömungsgeschwindigkeit du aber drin hast, desto mehr Unterdruck entsteht. Da hinten würde also viel mehr abgesaugt werden als hier."

Chromitglieder wie im Fahrkartenschalter

Darum sitzt unter jedem Abluftschlitz ein vom Thekenhohlkörper abgetrennter Holzkasten. Diese sogenannten Kanzellen werden vom hintersten bis zum vordersten Platz kontinuierlich schmaler. In Saugrichtung befindet sich jeweils eine kleine Auslassöffnung zum Hohlkörper. Somit herrscht an allen Gesangsplätzen dieselbe Sogwirkung – und niemand bekommt die Atemluft des Nachbarn ab.

Zusätzlich sind die Plätze mit kleinen Wänden abgetrennt. Sie bestehen aus Kohlefaserrahmen, über die dünne, durchsichtige Folie gespannt ist - ähnlich wie Frischhaltefolie. Ein wenig sieht es so aus, als würden die Sängerinnen und Sänger in einem Fahrkartenschalter stehen. Sängerin Claudia Duy findet den Anblick gewöhnungsbedürftig – akustisch hat sie aber nichts auszusetzen.

Die Sängerinnen und Sänger an ihren Plätzen an der Abluftanlage. (Deutschlandradio / Simon Schomäcker)Gewöhnungsbedürftig, aber geräuscharm: Die Chorsänger an ihren Plätzen an der Abluftanlage (Deutschlandradio / Simon Schomäcker)


"Ich hatte Schlimmeres erwartet, ich dachte, wir hören uns gar nicht. Aber es ging doch ganz gut! Und das hatte sich der Thomas ja auch extra so ausgetüftelt. Er hat dann auch gesagt, dass das mit Plexiglasscheiben nicht gut funktioniert hat, weil die Sänger sich nicht gut hören konnten."

Thomas Roß möchte seine Abluftanlage noch vom Gesundheitsamt abnehmen lassen. Er hofft so vor allem auf wertvolle Expertentipps. Bis dahin entwickelt der Musiker seine Konstruktion selbst weiter. Zum Beispiel in Sachen Effizienz, die noch auf über 95 Prozent steigen soll. Einerseits möchte Roß dafür stärkere Ventilatoren einsetzen und austesten, ab wann Heulgeräusche zu hören sind. Doch damit nicht genug.

"Wenn ich eine Richtung vorgebe, ich puste, dann kann ich bestimmen, wo das hingeht. Wenn ich sauge, erzeuge ich nur einen Unterdruck. Ich kann nicht aus einer Richtung saugen. Es saugt immer von allen Seiten gleich, also auch von denen, die man nicht braucht."

Kein Patent – es gilt: nachmachen erwünscht!

Hier können schon relativ einfache Abgrenzungen am Thekenrand helfen. Thomas Roß:

"Was ich noch machen werde, ist, dass ich vorne noch so zehn Zentimeter aufsetzen werde, mit leicht gebogenem Glas-Kunststoff. Und dann haben wir schon den ungefähr vierfachen Effekt vom Einsaugen her."

Thomas Roß rechnet damit, dass seine Absauganlage etwa ein Jahr lang in der Dreikönigs-Kirche eingesetzt wird. Und zwar bis ein Corona-Impfstoff gefunden ist. Patentieren lassen möchte Roß seine Erfindung übrigens nicht. Vielmehr gilt: nachmachen erwünscht! Thomas Roß:

"Wir werden noch einen kleinen Film drehen, den wir auf unsere Internetseite stellen. Da ist dann alles mit Querschnitten, Maßen und so weiter. Und wenn jemand Interesse hat, guckt er sich das einfach da ab. Die Leute sollen sich gerne was mitnehmen und vielleicht Neues dazu tun, damit es noch besser wird."

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Doch zum Proben und Auftreten – zumindest in kleiner Besetzung – ist die Anlage schon ausreichend. Sehr zur Freude von Michael Karhausen und des restlichen Kammerchors:

"Ich glaube, die Leute vereinsamen auch an ihren Bildschirmen. Und da ist es ganz schön, wenn man doch mal in der Realität miteinander Musik machen kann. Das ist ja schon was ganz Besonderes im Moment."

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