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StartseitePISAplusTeil 1: Keine Lust auf Deutschland?01.11.2008

Teil 1: Keine Lust auf Deutschland?

Ein Fall und seine Erklärung

Mahir Hamurcu ist in Deutschland geboren und aufgewachsen. Auch sein Jurastudium absolvierte er in Deutschland. Doch danach zog es ihn ins Land seiner Eltern, in die Türkei. Hier seien die Entwicklungschancen einfach besser, meint der 28 Jahre alte Anwalt.

Von Reiner Scholz

Viele deutschtürische Jugendliche müssen sich nach das Ausbildung für ein Land entscheiden. (AP)
Viele deutschtürische Jugendliche müssen sich nach das Ausbildung für ein Land entscheiden. (AP)
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Keine Lust auf Deutschland?

Mahir Hamurcu macht Auslandsurlaub in Deutschland. Dabei ist er hier aufgewachsen. Seine Eltern waren einst aus der südosttürkischen Stadt Antakia nach Norddeutschland gekommen. In der deutschen Schule hatte er keine Probleme. Beim HSV hätte er es mit ein bisschen mehr Talent und Ausdauer womöglich sogar zu einem Profifußballer gebracht. Seit Februar 2006 lebt der 28-Jährige aber in Istanbul.

"Ich merke für mich selber, dass das Entwicklungspotenzial in Istanbul einfach viel größer ist. Das hat auch vielleicht was damit zu tun, dass Deutschland so fortgeschritten ist und dass in der Türkei noch in den nächsten 15 bis 20 Jahre Potenzial da ist, wo man was aufbauen kann."

Der Jurist berät in einer Kanzlei für Wirtschafts- und Handelsrecht deutsche Firmen, die in der Türkei investieren wollen. Eine reizvolle Aufgabe für einen jungen Mann wie ihn. Er habe noch nie soviel erlebt wie in Istanbul, sagt Mahir Hamurcu. Kein Tag sei wie der andere. Das Arbeitsklima gefalle ihm gut, er sei zudem sehr angesehen unter seinen Kollegen. Ein Gefühl, dass er aus Deutschland so gar nicht kannte:

"Was ständig passiert ist, dass man vorgestellt wird. Immer wieder: Ach, der ist doch aus Deutschland, der kommt von da, der hat in Deutschland studiert. Alle machen große Augen. Man fühlt sich schon gut, wenn man in den Vordergrund gedrängt wird, obwohl man das vielleicht gar nicht immer möchte."

Mahir Hamurcu erzählt, dass er in der Türkei weniger Geld verdient als in Deutschland, der Anwaltsberuf dort weniger Ansehen genieße und er in Istanbul länger arbeiten müsse als hierzulande. Und dennoch sieht der junge Mann, der in Norderstedt bei Hamburg geboren und aufgewachsen ist, seine Zukunft in der Metropole am Bosporus:

"Die Tendenz geht deutlich dahin, dass ich vorwiegend in Istanbul leben werde, später, und dann alle 14 Tage ein-, zweimal im Monat in Deutschland sein werde, dann auch nicht familiär, sondern beruflich, dass man hier Mandanten besucht, den Geschäften nachgeht, und dass man sich dort was aufbaut in Istanbul."

Erfahrungen, wie sie der deutschtürkische Jurist macht, sprechen sich schnell herum in der türkischen Gemeinschaft und fallen dort offenbar auf fruchtbaren Boden. Immer mehr türkischstämmige, in Deutschland gut ausgebildete Hochschulabsolventen ziehe es in das Land ihrer Mütter und Väter:

"Ich hab zwei Freundinnen, die sind auch aus Deutschland, die sind direkt nach ihrem Studium nach Istanbul gegangen, fühlen sich dort auch sehr wohl, haben auch dort den Anschluss gefunden und sind sehr glücklich dort."

Einer Untersuchung des Krefelder Instituts "futureorg" zufolge, können sich fast 40 Prozent der türkischstämmigen Studierenden vorstellen, nach dem Examen in die Türkei auszuwandern. Für Ediz Bökli sind diese Zahlen nicht überraschend. Der 34-Jährige betreibt in Osnabrück eine Arbeitsvermittlung. 4500 Interessenten umfasst seine Datenbank, zumeist Menschen, die in Deutschland aufgewachsen sind, hier ausgebildet wurden und nun eine berufliche Herausforderung in der Türkei suchen. Und vielleicht auch finden:

"Aktuell suchen wir für ein englisches Unternehmen für die Türkei mehrere Marktleiter oder Geschäftsführer für die Filialen. Das ist im Bereich Elektronik-Fachmarkt und das Unternehmen möchte in der Türkei mindestens fünf bis sechs Unternehmen pro Jahr eröffnen und möchte in Deutschland gut ausgebildete Marktleiter für diese Filialen rekrutieren."

Am liebsten arbeitet Bökli mit deutschen Firmen zusammen. Das Geschäft boomt. In den letzten vier Jahren investierten mehr als 3000 deutsche Betriebe in den türkischen Markt. Diese Firmen suchen Mitarbeiter, die in beiden Kulturen zuhause sind, der deutschen und der türkischen:

"Viele deutsche Unternehmen sind in die Türkei expandiert. Sie bieten sehr gute Positionen und diese deutsch-türkische Zielgruppe ist prädestiniert für höhere Positionen in der Türkei. Und viele haben hier einen sehr guten Background und möchten in dem Herkunftsland der Eltern eine Herausforderung annehmen und diese auch meistern. Und das Know-how wird in der Türkei sehr gut gebraucht."

Seine Datenbank umfasst übrigens keineswegs nur Männer, im Gegenteil. Die meisten Deutschen wüssten gar nicht, dass in den oberen Führungsetagen türkischer Firmen viel häufiger Frauen anzutreffen seien als in deutschen Unternehmen:

"Und in meiner Community sind sehr viele weibliche Kandidaten, die eben auch in der Türkei Jobs suchen, also: Es gibt wirklich sehr viele weibliche Kandidaten, die sehr gut qualifiziert sind, eine hohe Position anstreben, und die auch sehr erfolgreich sind."

Dass Personalvermittler Bökli einst einen eigenen Betrieb haben würde, war so nicht geplant. Ursprünglich wollte er bei einer großen Firma, einem international tätigen deutschen Unternehmen anheuern. Er hatte eine Doktorarbeit über die Lufthansa geschrieben und seine Zeugnisse waren gut:

"Ich bin auch zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen worden. Man war auch sehr angetan, das Gespräch verlief auch sehr, sehr gut. Nur der Personalleiter hat mir später gesagt, dass für diese Einheit ich nicht infrage komme, weil ich eben zu interkulturell bin. Es könnten womöglich interkulturelle Probleme auftreten, weil es eben eine sehr deutsche Einheit ist."

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