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StartseiteFlucht und VertreibungTeil 1: Vor der Haustür der Krieg29.11.2004

Teil 1: Vor der Haustür der Krieg

<em> Um fünf Uhr kam der telefonische Befehl von der Kreisleitung. Wir mussten innerhalb einer Stunde aufgebrochen sein, die Herde sei mitzutreiben. Ein Irrsinn, denn das Weiterkommen war dadurch natürlich sehr erschwert. 40 Kühe und das Jungvieh zusammenzuhalten war eine Unmöglichkeit, zumal an jeder Wegkreuzung neue Flüchtlingstrecks zu uns stießen. </em>

Von Peter Lange

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Marie Elisabeth Angerer, eine Bäuerin aus dem ostpreußischen Groß Engelau. Sie gehört zu den ersten, die nach angstvollen Wochen im September 1944 ihren Hof verlassen müssen. Die Front hält nicht mehr; die sowjetischen Truppen stehen in Ostpreußen.

Mein Mann war im Herbst 1944 auf Urlaub und wusste schon genau Bescheid: Der sagte, ihr müsst hier weg, das mir ganz klar. Ich lasse alle Wagen, das waren ja Leiterwagen, die Räder neu machen und ich sage, welche Pferde ihre anspannen müsst. Es wurde eben ganz genau geplant und die Wagen standen bereit.

Gerda Hoffmann aus dem ostpreußischen Labiau, heute 92 Jahre alt. - Als der Krieg auf das Land zurückfällt, das ihn entfacht hat, bereitet sie sich heimlich auf die Flucht vor - obwohl das vom NS-Regime verboten ist und drakonisch geahndet wird. Wie auch die Familie des damals siebenjährigen Gerhard Blosze im Gebiet von Tilsit im östlichen Ostpreußen

In der Tenne der Scheune befand sich bereits seit Wochen ein heimlich vorbereiteter Planwagen, voll beladen mit dem nötigsten Hab und Gut sowie mit haltbaren Lebensmitteln für eine Flucht. An einem Sonntag, es war vermutlich der 27. Oktober 1944 verließen wir früh morgens, möglichst unbemerkt, das Dorf.

Zur gleichen Zeit, als noch viele vom Endsieg träumen, trägt sich die Mutter von Helga Scharpe aus Königsberg mit dem Gedanken, die Stadt zu verlassen. Bald darauf ergibt sich eine Möglichkeit. Es werden Ausreisetransporte mit der Bahn Richtung Westen organisiert. Die damals 14jährige notiert später:

Mutter meldet uns alle für den Transport an. Kleidung, Wäsche und Betten darf man mitnehmen. Der Abreisetermin wird uns mitgeteilt, es muss um den 18. November gewesen sein. Einige Stunden vor der Abfahrt musste das Gepäck am Straßenrand zur Abholung bereitgestellt werden.

Für die Familie von Katharina Hoesch, damals 20 Jahre alt, aus dem ostpreußischen Rossiten an der Kurischen Nehrung, kommt nach langem Zögern der Moment der Flucht dann doch überraschend. Sie erinnert sich:

Ende Januar kam plötzlich der Räumungsbefehl. (...) In Rossiten war nichts für einen Treck organisiert worden. In den wenigen Stunden, die bis zur Abfahrt verblieben, lud jede Familie auf den Wagen, was sie in der Eile für notwendig befand. Jeder fuhr seinen eigenen Weg.

Ich sehe mich da noch so vom Hof gehen ...

Für Anna Kumpat, damals 21 Jahre alt und frisch verheiratet kommt am 1. November 1944 der Moment, sich auf die Flucht zu machen.

Man wusste nicht , wo geht es jetzt hin. Es war ein Leiterwagen, der ausgezogen war und so hergerichtet war, mit so einem Dach drüber und die Betten und das alles hat man ja mitgenommen. Man dachte ja, wochenlang unterwegs zu sein.

Wir Kinder mussten am Morgen des 28. Januar 1945 alles doppelt anziehen, weil es sehr kalt war, aber auch, damit wir Sachen zum Wechseln am Körper hatten, falls alles verloren ging, was auf den Wagen mitgenommen wurde. Meine Eltern rechneten also mit dem Schlimmste.

Doris Richter, damals 10 Jahre alt, erinnert sich, wie bei ihnen, im Ostpreußischen Bartenstein, die Flucht begann. Andere haben nicht einmal eine Stunde Vorwarnzeit. So erinnert sich Hermann Lemke an den überstürzten Aufbruch aus Belgard in Pommern.

In einer halben Stunde sollte alles geräumt sein. Wir wollten gerade Abendbrot essen, der Tisch war schon gedeckt. In überstürzter Eile nahmen wir die Lebensmittel vom Tisch und einige Sachen, die unbedingt erforderlich waren.

In dem chaotischen Aufbruch geraten manche in Panik und treffen katastrophale Fehlentscheidungen.

Vor uns fuhr ein altes Ehepaar. Plötzlich kippte der Wagen um. Während wir halten, den Wagen aufzurichten und die herausgefallenen Habseligkeiten wieder aufzuladen, wurde uns klar, wie die alten Leute mit dem plötzlichen Räumungsbefehl überfordert waren. Da hatten sie alles aufgeladen, was ihnen unter den Hände kam: alte Stalleimer, Holzklumpen, leere Säcke usw., dagegen waren kaum Kleidung und Lebensmittel vorhanden.

Charlotte Kasupke aus Brockau bei Breslau schreibt am 22. Januar in einem Brief an ihren Mann.

Nachts zwei Uhr. Herbert! In der schicksalsschwersten Stunde meines Lebens nehme ich Abschied von unserem Heim. Worte sind zu arm, um alles zu schildern, und ich kann nicht mehr. Morgen früh gehe ich mit Muttel und meinen Kolleginnen um 5 Uhr. Wohin weiß ich nicht. Mutter, Vater, Friedel und Else machen auch morgen weg, nahm heut Abschied. Tags und Nachts fluten die Menschen zu Tausenden; ein unbeschreibliches Bild.

Nun war es endlich so weit. Und man hatte irgendwie das Gefühl einer Befreiung, die Unsicherheit und auch die Entscheidung waren von einem genommen. Jetzt musste gehandelt werden.

Marie Schlottke aus Schöneberg an der Weichsel registriert bei sich fast ein Gefühl der Erleichterung, als sie am 24. Januar nach wochenlanger Ungewissheit die entscheidende Nachricht erhält: die Russen stehen vor Elbing. Die Bevölkerung muss weg.

Für mich war das endgültig. Da habe ich mich nicht verabschiedet, da war ich bloß drauf und dran: Weg, schnell weg. Nicht dem Russen in die Hände fallen. Da hat man an gar nichts anderes gedacht, als nur das Leben retten, und das Leben der Kinder retten.

Bei Christine Peisker aus Malen im Kreis Breslau überwiegt dagegen im Moment der Abreise die Trauer um den Verlust der Heimat

Ich gab die Parole aus, es wird nicht geweint, und wir haben auch nicht geweint, wir haben es jedenfalls nicht gezeigt. Bei Dalberg, wo die Straße die erste Biegung in den Wald hinein macht, sah ich mich das letzte mal um: Da lag das liebe Dorf im tiefsten Frieden, dick verschneit in der Klarheit eines schönen Wintermorgens. Es war wie ein Traum.

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