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StartseiteFlucht und VertreibungTeil 10: Die Zwangsumsiedlung der Polen08.12.2004

Teil 10: Die Zwangsumsiedlung der Polen

<em>Die Haltung der Sowjets war klar: Hier ist ab jetzt russisches, sowjetisches Territorium - litauisch-sowjetisch. Das war so ein Spiel von ihrer Seite, denn formal war das ja Litauen. Und deshalb säuberten sie die Gegend von den Polen. Die hatten wohl vor irgendeinem Widerstand Angst! Die wollten also einfach ein ethnisch "sauberes" Gebiet! </em>

Von Robert Baag

Daniela Stankiewicz, 1928 im litauischen Wilna geboren, hat keinerlei Zweifel. Als sie und ihre Familie am 10. Dezember 1945 die Heimat Richtung Westen verlassen muss, geschieht das nur vordergründig freiwillig

Die ganze Zeit machten die russischen Truppen Straßen-Razzien, nahmen willkür-lich Leute fest, fingen an, sie abzutransportieren - richtiger Terror begann. Sie droh-ten: ‚Wenn ihr Wilna nicht verlasst, schicken wir euch schnurstracks in die Lager nach Russland!’

Auch in Zdolbunów, einem kleinen Ort in der West-Ukraine, mit einem von jeher hohen polnischen Bevölkerungsanteil ist die Stimmung im Sommer 1944 eher gedrückt, als die Rote Armee die deutsche Wehrmacht vor sich hertrieb. Denn, so die damals knapp 12jährige Maria Jablonowska:

Für uns waren doch beide, die einen wie die anderen - Feinde: Die so genannten 'Befreier’ - und die Deutschen. - 1939 waren die Russen doch schon einmal bei uns einmarschiert. Und danach waren wir für fast zwei Jahre unter sowjetischer Besatzung. Menschen wurden in großer Zahl nach Sibirien deportiert, sehr viele Polen waren darunter. Wir wussten nicht, was uns unter dieser anderen Okkupation erwarten würde.

Die schlimmen Vorahnungen sind begründet. Der polnische Siedler Jan Rutkowski aus dem Ort Sarny im westukrainischen Wolhynien, damals 17 Jahre alt:

Immer, wenn man zu einem Funktionär musste, hatte man eine Menge Angst. Denn man wusste nie, wie das ausgehen würde.
Man musste Dokumente ausfüllen, was man mitnehmen wollte, was man zurückließ. In unserem Fall: Unser Haus war von Ukrainern nieder gebrannt worden, aber unsere 20 Hektar Grundbesitz hat man uns ebenso dokumentiert wie 200 Ostbäume - diese Bescheinigung hab ich heute noch. Mitgenommen haben wir ein Bett, eine Couch, einen Schrank, ein paar Stühle - und das war’s.


Die ukrainischen Ortsansässigen haben sich selbst dann noch feindselig uns gegenüber - ihren polnischen Nachbarn - verhalten, als wir schon buchstäblich auf ge-packten Koffern saßen. Während unser Transportzug auf dem Bahnhof von Luck schon zusammengestellt wurde, haben sie uns große Teile unseres Umzugsgutes gestohlen.

Zbigniew Anculewicz aus Luck - ebenfalls Ostpolen. Die Abreise aus der Heimat Mitte April 1945 hat er nie vergessen, den physischen und psychischen Terror, der seine Familie schließlich zum Abschied gezwungen hat: Für die allermeisten eine Fahrt ins Ungewisse, ein Albtraum, ob sie aus der heutigen Ukraine, dem heutigen Weißrussland oder aus dem litauischen Wilna stammten, wie die damals 16ährige Daniela Stankiewicz:

Das war.... Eigentlich will ich mich gar nicht daran erinnern. - Deutsch-Eylau - dort war der Grenzübergang nach Ostpreußen. Dort ging’s dann so richtig los. Dort wurden wir alle von den Russen buchstäblich gefilzt. Soldaten mit aufgepflanzten Bajonetten liefen herum, immer drei von ihnen stellten sich vor der Schiebetür eines Waggons auf. "Rauskommen!" - Alle mussten raus. Immer wieder. Selbst unsere alte Großmutter, die sich nur noch mit Mühe bewegen konnte. Niemand durfte im Waggon zurückbleiben. - Und ich habe mit eigenen Augen gesehen, dass sie dann auch viele Menschen mitgenommen haben, mit all ihrem Gepäck. Angeblich war mit ihren Papieren ir-gendwas nicht in Ordnung.

Das Begleitpersonal war sowjetisch, die Wachmannschaft waren NKWD-Soldaten vom sowjetischen Geheimdienst. Eine vollkommene Rechtlosigkeit herrschte damals. Das brutale Recht des Siegers kriegten auch wir zu spüren. Ich habe selbst mitbekommen, dass nachts, der Zug hielt irgendwo, wo, weiß ich nicht mehr, zwei junge Polinnen aus dem Zug gezerrt und vergewaltigt worden sind.

Um Essen und Trinken habe sich jeder selbst kümmern müssen, weiß Maria Jablonowska noch. Den Menschen sei von den Behörden vor Fahrtantritt lediglich mitgeteilt worden, dass man ein paar Tage unterwegs sein werde.

Aber selbst, als die Transportzüge schon polnisches Zentralgebiet erreichen, ist die Mühsal der Zwangsausgesiedelten aus dem Osten des einstigen Vorkriegspolen noch lange nicht zu Ende. Das Land ist verwüstet, mit der Ankunft der Neuankömmlinge organisatorisch überfordert. Und auch in den Flüchtlings- und Übersiedlerzügen regiert das Chaos. Der damals 9-jährige Slawomir Kalembka - heute Historiker an der Universität Thorn - erinnert sich an viele Details der Fahrt, etwa an die hygienischen Verhältnisse:

Hygiene???! - Wenn es nicht mehr anders ging, hat man eben aus den offenen Waggontüren gepinkelt. Kinder, Männer... Frauen setzten sich bei einem kurzen Halt gerade mal neben die Waggon-Räder... Am Ende hat das niemanden mehr gekümmert.

"Wen hat man damals eigentlich vertrieben?" , fragt Kalembka sarkastisch nach. Die Antwort gibt er gleich selbst: "Es waren die Frauen, die Alten, die Kinder und die Krüppel. Denn die Männer waren entweder umgekommen, kämpften in der Armee oder waren sonst wer-weiß-wo!" - "Und das", schließt Kalembka, "war bei den Deutschen genauso wie bei den Polen!"

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