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StartseiteFlucht und VertreibungTeil 11: Polnische Siedler im 'Westen'09.12.2004

Teil 11: Polnische Siedler im 'Westen'

<em>Die Stadt brennt. Wir wussten zuerst nicht, warum... Dann stellte sich heraus, dass die Sowjetsoldaten auf diese Weise das Kriegsende feierten... Wodka... und Rache... an der Bevölkerung. Und zwar egal, ob das Deutsche waren oder sonst wer... Sie zerstörten, verbrannten und vergewaltigten... </em>

Von Robert Baag

Mit diesen Eindrücken begrüßt das ostpreußische Neidenburg in der Nacht vom 8. auf den 9. Mai 1945 den damals 18-jährigen Jan Rutkowski. Jene Nacht, als der Zweite Weltkrieg in Europa zu Ende geht. Neidenburg - ein Zwischenstopp für ihn bei der Zwangaussreise per Bahntransport aus dem vorkriegs-polnischen Ort Sarny, der nach dem Willen Moskaus und der alliierten Sieger künftig zur Sowjetukraine gehören sollte. - Elf Tage lang ist der aus 40 Waggons bestehende Umsiedlerzug mit Wolhynien-Polen unterwegs gewesen. Rutkowskis Mutter hat - als kein Ausweg mehr offen stand - als Wunschziel eigentlich einen Ort in Zentralpolen ange-geben. Ausgeladen aber hat man sie ungerührt in der bisher deutschen Provinz Ostpreußen. Ihr künftiger Wohnort: Allenstein - künftig polnisch: Olsztyn. - Nur wenig später, am 15.Mai, endet dort auch die Reise des ebenso aus Ostpolen zwangsumgesiedelten Zbigniew Anculewicz mit seiner Familie:

Nach dreiwöchiger Fahrt, unter menschenunwürdigen Verhältnissen, kamen wir an: Die Strassen waren wie ausgestorben, Brandgeruch lag in der Luft, überall lagen Daunenfedern herum und Kissen und auch zerstörte Möbel. Sehr oft sprachen Mutter und Großmutter damals davon, dass Allenstein für uns sicher nur eine Zwischenetappe sein würde und wir so schnell wie möglich wieder in unsere - wie wir sagten - 'kleine Heimat’, nach Wolhynien und nach Luck zurückkehren würden.

Daniela Stankiewicz hat sich im Dezember 1945, bei der Ankunft im ehemaligen deutschen Westpreußen, eine ganz bestimmte Szene ins Ge-dächtnis eingebrannt.

Als wir in Thorn ankamen, lag weniger Schnee als im Nordosten, der Zug hielt nicht im Bahnhof, sondern stand lange Zeit vor der Stadt. Dorthin gingen wir zu Fuß - und da sah ich an der Gleisböschung vom Frost starre Leichen liegen: Kinder, Frauen... - ich nehme an, es waren Deutsche, denn auch die wurden in dieser Zeit wohl in Züge verfrachtet. Ich weiß nicht, vielleicht hat man sie nach Russland transportiert...? Wir haben uns eigentlich gewundert, dass die dort lagen...

Schwer sei es ihnen allen ums Herz gewesen, damals in der Weihnachtszeit, Ende Dezember 1945...:

Mich persönlich hat das sehr berührt, mitgenommen, als wir in der Gegend von Thorn und Posen immer hin und her gefahren wurden. Dort, so habe ich gesehen, dort sind erleuchtete Fenster, dort wohnen Menschen - und wir? Wohin sollten wir? Wo würden wir landen?

Endstation: Landsberg an der Warthe

In Allenstein gab es nichts...

Der erste Eindruck von Erasmina Gressel, als ihr Transport in der ostpreußischen Stadt endet

Allenstein war abgebrannt, lag in Ruinen. - Ich fragte also einen russischen Militärarzt: 'Habt ihr hier so lange und so schwer gekämpft?’ - 'Nein, nein’, kam leichthin seine trockene Antwort, ‚unsere Prachtkerle haben nur ein bisschen gefeiert...’

Die Trümmer in Allenstein räumten deutsche Frauen und Mädchen weg, sie fegten die Straßen sauber

erinnert sich Jan Rutkowski an seine ersten Kontakte mit den Ortsansässigen, die zurückgeblieben waren. Woran er sie als Deutsche erkannte? Nein, nicht an irgendwelchen speziellen Armbinden oder Abzeichen. Die hochge-steckten Frisuren, turban-ähnlich zusammengebunden mit einem Schal - dieser An-blick sei damals irgendwie charakteristisch gewesen für deutsche Frauen. Polinnen hätten sich anders frisiert und angezogen.

Die erste Bekanntschaft mit Deutschen in Allenstein sah für uns so aus: Da kam so ein kleiner, vielleicht vierjähriger Junge an unsere Haustür, stellte sich hin und fragte uns: 'Brot???!’- On glodny byl chlopak. No to dostal ten ‘Brot’.

Er war halt hungrig, der Kleine. Und so kriegte er also sein 'Brot’.

So erinnert sich die damals knapp 13jährige Maria Jablonowska

Und als dann beim nächsten Mal wieder auftauchte, da sagte er schon drei Worte: 'Brot?? Und Speck??!’...

'Brot? Und Speck??!’- Wiec dostawal ten 'Brot und Speck’...

Also bekam er wieder sein 'Brot und Speck’. Wir waren ja einigermaßen versorgt - durch die Patienten meiner Mutter, die Zahnärztin war.

Auch Slawomir Kalembka, geboren und aufgewachsen im litauischen Wilna und damals als Halbwüchsiger nach Danzig zwangsumgesiedelt, bleibt der Anblick der deutschen Frauen aus der Nachbarschaft gegenwärtig:

Sie machten eher einen traurigen als einen verschreckten Eindruck. Die ganze Umgebung war doch abgebrannt und zerschossen. In den Wohnungen gab es keine einzige Fensterscheibe. Die Fensterhöhlen waren mit Pappe- oder Sperrholzstücken vernagelt. Diese Wohnung hatte etwas von einer Grabkammer, denn es gab überhaupt kein Licht. - Neben unserer Eingangstür war ein Riesenloch von einem Granateinschlag. - Verschüttete Gräben waren zu se-hen. Aus manchen stank es immer noch nach den Leichen hastig beerdigter Bom-benopfer.

Heute, nach bald 60 Jahren, sind dem Historiker Kalembka zwei Einsichten sehr wichtig:

Weggenommen haben wir in Danzig niemandem etwas. - Sicher: Das, was die deutschen Frauen bei ihrer Abreise zurückgelassen haben, die Möbel in der Wohnung, die haben wir dann benutzt... Nur: Wie hatte es denn bei uns ausgesehen? Uns ging’s doch genauso, als wir aus Wilna fort mussten. - Und: Die Durchschnitts-Polen aus dem Osten Vorkriegs-Polens hätten es vorgezogen dort zu bleiben, obwohl die Lebensverhältnisse dort insgesamt ärmlicher waren. Aber: Es war ihr Zuhause.

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