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StartseiteFlucht und VertreibungTeil 14: Fahrt ins Ungewisse12.12.2004

Teil 14: Fahrt ins Ungewisse

<em>Im Juli ´46 begann die Evakuierung des Kreises Jauer. Vater hatte die Aufgabe, die Leute waggonweise einzuteilen, Waggonälterste zu bestimmen und Waggonlisten schreiben zu lassen. </em>

Von Thomas Kujawinski

So erinnert sich Peter Schiefer, damals 15 Jahre alt, an die letzten Stunden am Bahnhof seiner niederschlesischen Heimatstadt.

Jeder Erwachsene durfte nur einen Ring mitnehmen, anderer Schmuck war nicht erlaubt. Den hatte Vater aber gut versteckt, durch die ganze Polenzeit hindurch gerettet. Mutters Schmuck war im Knoten von Vaters Schlips eingenäht, und den trug er tagaus tagein, von früh bis spät.

Auf den Bahnhöfen wird gründlich kontrolliert. Auch in Neiße. Bis zum Juni 1946 lebt dort Carola Lommer, damals 26 Jahre alt, mit ihrem Mann und ihren Kindern.

Wir konnten von unserer Wohnung auf die Bahn gehen. Da wurden wir schon von Polen empfangen und wurden erstmal ausgeplündert. Alles, was wir hatten, wurde auseinandergerissen.

Auf die Durchsuchung folgt die Fahrt ins Unbekannte. Für Alfred Böhm, damals 57 Jahre alt, ist der Ausgangsort Glatz in Niederschlesien. In seinem Tagebuch notiert er:

Unser Zug, meist 50 französische Viehwagen, für je 30 Personen und Gepäck, hatte bereits einen Transport aus Glatz weggebracht. Dies besagten die Aufschriften auf den Wänden des Waggons. Wir bedauerten nur, kein Zeichen zu finden, wo deren Fahrt geendet hat. So blieb auch unser Ziel im Dunkeln.

Gisela Giese, die mit ihrer Mutter und ihren Geschwistern ausgewiesen wird, erinnert sich an die Situation am Bahnhof.

Und dann hieß es, jetzt kommt ein Güterzug und wir kommen alle nach Sibirien. Und das Schlimmste war für uns, wir waren getrennt von unserem Dorf, meine Mutter und wir vier Kinder. Das war eine riesige Batterie Waggons, und wir wurden getrieben wie eine Horde Kühe.

Wir lagen oder saßen auf unserem Gepäck. Bei jeder Bewegung stieß man gegen einen Nachbarn. Frische Luft wurde zugeführt indem man die Schiebetür des Waggons etwas öffnete.

schreibt Horst Winkler über die erzwungene Abreise aus seinem Heimatort Tannenberg in Niederschlesien.

Eine Zugbegleitung war nicht vorhanden, und Verpflegung wurde nicht gereicht.
Trotzdem hatten wir die ganze Zeit etwas Essbares. Obwohl der Tag der Ausweisung nicht genau feststand, hatte sich jeder irgendwie etwas vorbereitet. Hielt der Zug, so suchte man hektisch nach Wasser und Brennmaterial. Es wurde eine Feuerstelle gebaut und versucht, etwas Warmes zuzubereiten, zum Beispiel Mehlsuppe.


Einmal gingen einige Frauen zum Lokomotivführer und baten um etwas Wasser. Er gab uns wirklich etwas Wasser, worauf Öl schwamm. Wir haben es getrunken.

Helene Kösters, aus dem oberschlesischen Kreiwitz. - Nicht jeder erreicht das Ziel der Fahrt. Die Mutter von Gisela Giese erkrankt wie viele andere an Typhus. Sie stirbt im Zug kurz vor der Ankunft im Westen.

Irgendwann an einem Tag sagte jemand: Nun ist sie tot, nun raus damit. Da habe ich erst erfahren, dass meine Mutter tot war. Wir Kinder saßen da um sie herum, sie lag da tot, wir haben es gar nicht gemerkt. Es war dann in Görlitz: Da kamen dann ein paar Männer oder Frauen und sagten: Sind hier Tote drin? Ja, da ist eine Frau. Da haben sie eine Leiter, haben sie einfach angezogen, wie sie war, draufgepackt und sind damit weg. Meine Brüder und die Kleine, die schrien wie verrückt, und ich bin hinterhergelaufen.

Die Bahnfahrt dauerte über acht Tage. Die erste Station in Deutschland war in Pasewalk. Die Begrüßung bestand darin, dass wir Läusepulver in den Halsausschnitt gestreut bekamen. Aber wir erhielten auch warmen Tee.

Kurt Seeger aus Löbkojen in Ostpreußen über den ersten Halt seines Zuges jenseits der Oder. - Im Westen angekommen, werden die Vertriebenen auf verschiedene Regionen verteilt. Carola Lommer erinnert sich an die Ankunft ihrer Familie in einem Vertriebenenlager in der britischen Zone.

Da war ein Zaun, es war Sonntag, da gingen die feinen Wunsdorfer mit weißen Handschuhen und Hut, schön angezogen, gingen an uns vorbei wie im Zoo und guckten, was da für ´ne Horde kommt. Das war furchtbar. Die guckten uns natürlich neugierig an und sagten: "Warum kommt ihr denn überhaupt?" In Schlesien waren wir die Deutschen, und hier, da waren wir die Polacken. Diese Demütigung war einer der schlimmsten Momente, die wir durchgemacht haben.

Besser schon die Erfahrung von Heinz Furchner. Endstation für ihn ist das brandenburgische Döbberin.

Im Dorf, fanden wir Unterkunft und Arbeit auf einem großen Bauerngut. Als Wohnraum wurde vorübergehend eine Kellerwohnung bezogen. Die Bauernfamilie war glücklich, einige Arbeitskräfte mit landwirtschaftlicher Erfahrung als Unterstützung auf dem Hof zu haben.

Anders hat der damals siebenjährige Georg Friebe die erste Zeit im Westen in Erinnerung. Auch er kommt mit seinen Eltern auf einen Bauernhof.

Der Bauer, dem wir zugewiesen wurden, verweigerte uns die Aufnahme, so dass wir einen halben Tag in glühender Hitze auf der Straße lagen. Danach ließ er uns in eine Dunkelkammer: "für die nächste Nacht": Daraus wurde eine Dauerregelung von fünf Jahren.

An vielen Türen wurde die Bitte um Gewährung einer Unterkunft barsch abgewiesen; vor allem, wenn Mutti für ihre siebenköpfige Familie ein Dach über dem Kopf erbat.

erinnert sich der damals sechsjährige Elmar Bergmann aus Wischau im Sudetenland

So wurde es Abend und schließlich auch dunkel, als wir immer noch am Platz vor der Kirche als letzte verbliebene Familie ausharrten.

Eberhard Lommer, ein Mediziner aus Breslau, analisiert in seinem Tagebuch das Verhältnis zwischen den Vertriebenen und den Einheimischen.

Sehr langsam begriff die Bevölkerung von Wunsdorf, dass die Menschen nicht freiwillig gekommen waren, sondern dass sie von Haus und Hof vertrieben wurden. Wenn auch erst nach längerer Zeit wurden die Vertriebenen angenommen und es kam zu einem harmonischen und friedlichen Zusammenleben.

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