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StartseitePISAplusTeil 5: Keine Lust auf Deutschland?01.11.2008

Teil 5: Keine Lust auf Deutschland?

Die Folgen der Abwanderung

Wenn die türkischstämmigen Studenten Deutschland verlassen, wird eine Integration der türkischen Migranten in die Gesellschaft kaum gelingen. Denn ohne gebildete türkische Mittelschicht fehlen diejenigen, die zwischen den beiden Kulturen Brücken bauen könnten.

Von Reiner Scholz

Wie ist eine Integration türkische Migranten in Deutschland möglich? (AP)
Wie ist eine Integration türkische Migranten in Deutschland möglich? (AP)
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Keine Lust auf Deutschland?

Wer, wie Belit Onay, Angst hat, in Deutschland keine geeignete Stelle zu finden, hat seit einigen Jahren eine gute Alternative: In der Türkei werden deutsche Absolventen mit türkischen Hintergrund gesucht. Nach dem Studium an den Bosporus oder nach Anatolien zu ziehen, ist längst nicht mehr ungewöhnlich. Aydan Özoguz, Sozialwissenschaftlerin bei der "Körber-Stiftung" in Hamburg, wundert sich, wen sie alles trifft, wenn sie in der Türkei unterwegs ist:

"Meine Erfahrung sind so, dass ich in den letzten Jahren in der Türkei einige Werke besucht habe, also von Mercedes und einfach anderen Firmen und dort tatsächlich festgestellt hab, dass es junge Leute gibt, die erzählen, sie sind in Köln, Hamburg oder sonst wo groß geworden und haben hier einfach nicht adäquate Jobs gefunden, eben auch gut bezahlte Jobs und haben eben auch sich umgeguckt in der Türkei und leben dort."

Für Deutschland kann die Abwanderung junger, gut ausgebildeter Zuwanderer zu einem echten Problem werden. Die beliebtesten Studienfächer bei den Studierenden ausländischer Herkunft sind Jura, BWL, Medizin, aber auch der gesamte Ingenieurbereich. Nicht in allen, aber in einigen Berufe fehlt es in Deutschland teilweise schon heute an Nachwuchs. Die Folgen ließen sich auf dem Arbeitsmarkt bereits ablesen, sagt der deutsch-türkische Arbeitsvermittler Ediz Bökli:

"Es herrscht eine negative demographische Entwicklung. Wir haben einen enormen Fachkräftemangel in bestimmten Richtungen und wenn sie bedenken, dass junge, gut ausgebildete Türken in die Türkei gehen, weil sie hier eben nicht die Aussichten haben, ist das natürlich sehr negativ und ein gewisser Brain-Drain, was den Deutschen später fehlen wird. Also, dieser Fachkräftemangel herrscht seit Jahren und das wird immer akuter."

Der Diplompsychologe kann kaum verstehen, wie leicht deutsche Unternehmer gute Leute ziehen lassen, Menschen, für deren Ausbildung die Gesellschaft doch viel Geld aufgewendet hat:

"Ich habe aktuell für ein holländisches Unternehmen eine sehr erfolgreich qualifizierte Dame vermittelt. Die Dame ist 31 Jahre alt, eine Powerfrau, hat Raumfahrtechnik studiert, hat über acht, neun Jahre strenge Erfahrung im Bereich "Sales" und das Unternehmen wollte partout nicht mehr als 80.000 Euro geben und mittlerweile hat sie ein Angebot von 102.000 Euro plus Firmenwagen und private Krankenversicherung."

Doch es sind nicht nur die Probleme am Arbeitsmarkt, es ist offenbar in hohem Masse auch die gesellschaftliche Ablehnung, die gut ausgebildete Menschen nach Alternativen im Ausland suchen lassen. Darauf jedenfalls ist Tanja El-Cherkey im Rahmen ihrer Untersuchungen am "Hamburger Weltwirtschafts-Institut" gestoßen:

"Die Leute, mit denen wir gesprochen haben mit einer wunderbaren Qualifikation, die viel so genanntes Kapital mitbringen, so genanntes Humankapital und so weiter, bei denen ist eher das Problem, dass sie sich nach wie vor in ganz bestimmten Situation in Deutschland fremd fühlen. Dieses ist nicht unbedingt mit dem Arbeitsmarkt in erster Linie verbunden. Ich denke, es ist tatsächlich eine gesellschaftliche Frage."

Soziologen weisen darauf hin, dass diese Menschen in Deutschland gebraucht werden, als Brückenbauer zwischen den "deutschstämmigen" Deutschen und den Zuwanderern. Ohne die Herausbildung einer selbstbewussten türkischen Mittelschicht beispielsweise werde Integration kaum gelingen. Ohne ihr Vorbild fehle den Nachwachsenden eine wichtige Orientierung. Wenn die Besten aber wegziehen, habe die gesamte Gesellschaft ein Problem. Unter denen die bleiben, finden sich nicht nur überproportional viele Hartz-IV-Empfänger, sie fühlten sich auch zunehmend aufgrund ihrer Herkunft an den gesellschaftlichen Rand gedrängt, als Menschen zweiter Klasse mit allen negativen Folgen, warnt Tanja El-Cherkey:

"Die große Gefahr besteht, dass die zweiten Generationen auch stellenweise sehr vernachlässigt werden und dadurch diese Zerrissenheit aufgekommen ist, dass das ein Hinweis darauf ist, dass bei den dritten und vierten Generationen wesentlich stärker auf ganz bestimmte nationale Merkmale aus dem Herkunftsland geachtet wird, dass die sich irgendwo zugehörig fühlen."

Die Folge: Junge Menschen mit ausländischen Wurzeln werden nationalistischer, vielleicht sogar religiös fundamentalistischer. Keine guten Aussichten.

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