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StartseiteFlucht und VertreibungTeil 6: Die Todesmärsche der KZ-Häftlinge04.12.2004

Teil 6: Die Todesmärsche der KZ-Häftlinge

<em>Es war eisekalt, 32 Grad minus. Und da hörte man, ein Klappern von Holzschuhen und von Eßgeschirr. Und da kamen Gestalten an, ganz dürre abgemergelte Gestalten in den gestreiften KZ-Anzügen mit einer Decke hierum und dieses Geschirr und diese Holzschuhe. Es war ein Geräusch, es war entsetzlich. </em>

Von Peter Lange

An einem der extrem kalten Januarabende des Jahres 1945 sieht und hört Carola Lommer an der Breslauer Brücke in Neisse, wie sich KZ-Häftlinge durch die Stadt schleppen.

Ich weiß nicht, ob die aus Auschwitz kamen, jedenfalls wurden die getrieben aus einem KZ in den Westen. Und die kamen bei uns vorbei. Ich kann nur sagen. Ein Leidenszug von Gespenstern zog auf den Straßen lang ...

Ein Gespensterzug - das denkt auch Margot Koegler aus Beuthen in Oberschlesien, als sie im Januar auf KZ-Häftlinge trifft. Als die Front immer weiter nach Westen rückt und die sowjetischen Truppen Ostpreußen erreichen, werden die Konzentrationslager im Osten geräumt. Für die Insassen folgt auf das Martyrium ein qualvoller Marsch nach Westen, den viele nicht überleben.

Eine Menge von Menschen in gestreiften dünnen Anzügen zog an mir vorbei. Es hieß, es seien Strafgefangene aus dem Konzentrationslager Auschwitz. Als die Ortsgrenze erreicht war, hörte man Schüsse, später fand man tote Gefangene im Straßengraben. Wer zu schwach war, wurde erschossen.

Emil Doppler, Ingenieur bei der IG Farben, wird Augenzeuge eines Mordes, als er auf der Flucht aus Oberschlesien an einem Abend im Januar in der Nähe von Cosel eine große Kolonne Männer in Sträflingskleidung überholt.

Einer sagte mir auf Befragen, daß sie aus Auschwitz kämen, aber nicht wüßten, wo es hinginge in dem immer höher werdenden Schnee. Zwischenzeitlich minus 10 Grad, dünne Sträflingskleidung, schlechte Schuhe, nichts zu essen. Einer der Männer stellte sich am Wege mit entblößter Brust vor einen Wachhabenden und sagte: Erschieß mich, ich kann und will nicht mehr. So geschah es dann auch. Er fiel in eine tiefe Schneemulde und war tot.

Es war am 1. oder 2. Februar 1945, als sich auf der Straße vom Süden her ein eigenartiger Zug näherte. In Fünferreihen schleppte sich eine lange Marschkolonne menschenähnlicher Gestalten langsam daher.

So erinnert sich Herbert Bögl. Was der damals neunjährige Sohn eines Gutsverwalters westlich von Gdingen - oder Gotenhafen, wie es damals hieß - beobachtet, ist ein Zug von Häftlingen aus dem KZ-Stutthoff.
Für viele Deutsche ist in dieser letzten Kriegsphase erstmals offensichtlich, was sie eigentlich wissen, aber verdrängt haben und nicht wahrhaben wollten.

Erschrocken und entsetzt zog uns Mutter vom Zaun weg ins Haus hinein und verschloß die Tür, wie um das Schreckliche nicht hineinzulassen. Meinen Fragen, was das alles zu bedeuten habe, wich sie aus: Das verstehst Du nicht, das sind Gefangene. Dabei hat sie geweint.

Das war ein Erlebnis, das mich so erschüttert hat, weil ich nicht für möglich gehalten habe, daß man Menschen so erniedrigen kann, daß sie praktisch als Menschen gar nicht mehr wahrgenommen werden.

Waltraud Jurig, damals ein junges Mädchen aus der Gegend von Zittau in Sachsen. Sie sieht einen dieser Häftlingszüge in den letzten Apriltagen.

Die kamen also nicht marschiert, die kamen auch nicht gelaufen, sondern die kamen regelrecht geschlichen. Sie waren so kaputt und so fertig, daß einer den anderen stützen mußte, und bei uns vorm Haus machten sie halt. Es war ein Bild des Jammers.

Durch die verschneiten Straßen wankte ein Zug in Decken gehüllter Gestalten. Um die Füße hatten sie Lumpen gewickelt.

notiert Gertrud Klier in ihren Erinnerungen, damals 18 Jahre alt. Sie beobachtet Anfang Februar in Marienbad Häftlinge aus dem Osten auf dem Transport in das KZ Flossenbürg.

Zu beiden Seiten des Zuges - es mögen etwa hundert Personen gewesen sein - gingen Soldaten mit schussbereiten Waffen. Eine Frau setzte sich am Rande der Straße vor Müdigkeit nieder. Doch gleich wurde sie von ihren Bewachern weitergejagt. So wie ich standen auch andere Menschen am Straßenrand und sahen den Zug, unfähig zu einer Geste des Mitleids, aus Angst vor den Gewehren der Soldaten.

Und da weiß ich, da ist ein Junge - ich weiß nicht von wann an man im KZ sein konnte. Der ist dann in ein Geschäft gegangen und wollte etwas zu trinken haben. Der hat nichts bekommen. An einer Litfaßsäule ist dann einer tot zusammengebrochen.

Ähnliches registriert der Königsberger Arno Piper in dem deutsch-polnischen Grenzort Unruhstadt.

Während wir dort waren, wurde, so breit wie die Straße, ein Zug von Juden "durchgetrieben", nur Frauen und Kinder, aus einer Stadt im Osten. Bewacht wurde der Zug beidseitig von SS-Leuten, die Peitschen in den Händen hatten und zuschlugen, wenn einer schlapp machte. Furchtbar der Anblick. Pfarrer Lipper hob die Hände und sagte zu mir, Gott möge uns nicht heimzahlen, was da geschieht. So viel Elend wie auf der Fahrt dorthin habe ich nirgends gesehen.

Menschliche Gesten gegenüber den Opfern des NS-Regimes - dazu können sich viele erst nach Kriegsende durchringen. So erinnert sich Horst Winkler aus dem niederschlesischen Tannenberg an zwei Männer, die bei seinen Großeltern aufgetaucht sind, ehemalige KZ-Häftlinge aus Auschwitz.

Ihre Wangen waren eingefallen, sie waren unrasiert und trugen einen verwaschenen gestreiften Anzug, darüber eine Militärjacke. Oma hatte ihnen Essen zubereitet. Sie aßen wortlos und blickten mich nur kurz an. Als sie fertig waren, nickten sie der Oma, sicher als Dank für die Bewirtung zu und gingen in Richtung Neurode weiter.

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