Kommentare und Themen der Woche 29.12.2019

Terror in SomaliaMenschlichkeit gegen die alltägliche GewaltVon Bettina Rühl

Beitrag hören Autobombenanschlag in der somalischen Hauptstadt Mogadischu (AFP / Abdirazak Hussein Farah)Leben mit dem alltäglichen Terror: Menschen in Mogadischu am Anschlagsort (AFP / Abdirazak Hussein Farah)

Angesichts des blutigen Anschlags in der somalischen Hauptstadt Mogadischu vom Samstag konstatiert Bettina Rühl der Staatengemeinschaft Rat- und Tatenlosigkeit. Sollte Somalia jemals wieder auf die Füße kommen, sei das allein seiner Bevölkerung zu verdanken, die dem Terror mit Menschlichkeit trotzt.

Hundert Tote, vielleicht aber auch zwanzig mehr oder weniger - die Unklarheit über die Zahl der Opfer lässt ahnen, wie grauenhaft die Folgen des gestrigen Anschlags in der somalischen Hauptstadt Mogadischu sind. Viele der Opfer wurden durch die Wucht der Detonation in Stücke gerissen oder sind bis zur Unkenntlichkeit verbrannt, das macht den Rettungskräften das Zählen schwer.

Die Justiz fürchtet die Islamisten

Zu der Tat hat sich bisher niemand bekannt, als Täter gilt aber die islamistische Shabaab-Miliz. Die sunnitische Terrorgruppe gehört zum al-Qaida-Netzwerk und hat in den vergangenen Jahren immer wieder ähnliche Anschläge wie den von diesem Wochenende verübt. Dass die Islamisten die Tat nicht für sich reklamieren liegt womöglich daran, dass sie den Zorn der Bevölkerung fürchten. So wie im Oktober 2017, damals starben durch die Detonation eines LKW voller Sprengstoff fast 600 Menschen. Anschließend gingen die Bewohner von Mogadischu auf die Straße, schrien ihre Wut über die Islamisten hinaus.

Der Papst und UN-Generalsekretär Antonio Guterres haben den Anschlag verurteilt. Die Urheber dieses, so wörtlich, "entsetzlichen Verbrechens" müssten vor Gericht gestellt werden, forderte Guterres. Aber vor welches Gericht denn? Vor ein somalisches? Die Justiz funktioniert nicht, und schon gar nicht mit Blick auf die radikalen Islamisten - aus guten Gründen fürchten die Richter um ihr Leben, würden sie über Shabaab-Mitglieder urteilen. Einige ihrer Kollegen wurden schon Opfer von Attentaten.

Externe Akteure verschlimmern die Situation

Es gibt in Somalia fast nichts was so funktioniert, wie wir Deutschen uns das vorstellen. Vielleicht erklärt das ein bisschen die Rat- und Tatenlosigkeit der internationalen Gemeinschaft: Sie findet nicht die passenden Rezepte, um Krieg und Gewalt beenden zu helfen. Seit fast 30 Jahren wird in Somalia gekämpft, immer wieder haben Akteure von außen eingegriffen und die Situation dadurch häufig noch verschlimmert.

Dafür gibt es ein aktuelles Beispiel: Die US-Armee hat 500 Soldaten im Land und fliegt außerdem regelmäßig Drohnenangriffe gegen mutmaßliche Islamisten. Dabei würden allerdings auch immer wieder Zivilisten getötet, kritisiert Amnesty International. Einem Bericht der Vereinten Nationen zufolge spielt das den radikalen Islamisten in die Hände: Sie nutzen jede staatliche Ungerechtigkeit als Argument, um weitere Mitglieder zu rekrutieren.

Dem Terror nicht das Feld überlassen

Die einzigen, die man angesichts der allgegenwärtigen Gewalt gar nicht genug würdigen kann, sind die Somalierinnen und Somalier. Sie gehen morgens aus dem Haus und wissen, dass sie vielleicht nicht mehr zurückkommen, weil sie heute Opfer eines Anschlags werden. Besonders häufig werden beliebte Cafés und Restaurants angegriffen.

Wer also in Mogadischu bloß eine Pizza isst, riskiert damit sein Leben - und die Bevölkerung tut das ganz bewusst, nimmt diese Risiken in Kauf. Zur Erklärung sagen die Menschen: "Wir dürfen den anderen nicht das Feld überlassen." Oder: "Wir haben die Angst hinter uns gelassen. Wir tun, was wir für richtig halten, bis wir vielleicht deswegen sterben."

Wenn Somalia jemals wieder auf die Füße kommt, wird es das nicht seinen Regierenden verdanken, und auch nicht der internationalen Gemeinschaft. Sondern den Vielen, die sich durch die allgegenwärtige Gewalt nicht von ihrer Menschlichkeit haben abbringen lassen.

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