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StartseiteKommentare und Themen der WocheVersagen der Sicherheitskräfte23.04.2019

Terror in Sri LankaVersagen der Sicherheitskräfte

Die Anschläge in Sri Lanka hätten verhindert werden können, kommentiert Marcus Pindur. Die nötigen Informationen, um die Terroristen zu verhaften, hätten alle vorgelegen. Besonders die Rivalität innerhalb der politischen Führungsschicht habe ein rechtzeitiges Handeln verhindert.

Von Marcus Pindur

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Colombo, Sri Lanka: Soldaten stehen vor der Kirche St. Anthony, in der bei einer Explosion am Ostersonntag zahlreiche Menschen starben. (www.imago-images.de)
Soldaten stehen vor der Kirche St. Anthony in Sri Lanka , in der bei einer Explosion am Ostersonntag zahlreiche Menschen starben. Der Notstand wurde ausgerufen. (www.imago-images.de)
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Die Frage muss gestellt werden: Warum wurde nicht vor den furchtbaren Anschlägen in Sri Lanka gehandelt? Nicht nur der Erzbischof von Colombo ist fassungslos über das Versagen der politischen Führung und der Sicherheitsorgane Sri Lankas.

Die nötigen Informationen lagen alle vor. Die Sri-Lankische Polizei hatte vom indischen Geheimdienst eine Warnung bekommen und die islamistische Terrorzelle National Thoweet Jamaath observiert. Namen, Adressen, Telefonnummern, sogar die nächtlichen Uhrzeiten, zu denen ein Anführer seine Frau besuchte, waren bekannt. Seit Anfang Januar wusste man, dass islamistische Extremisten Sprengstoff und Zünder horteten. Die Warnung aus Indien besagte, dass unter anderem christliche Kirchen Anschlagsziel sein könnten.

Die schnellen Festnahmen dutzender mutmaßlicher Islamisten schon kurz nach den Terroranschlägen scheinen zu bestätigen, dass die Sicherheitsdienste gut im Bilde waren.

Polizeiliches Versagen ist unfassbar

All dies macht das polizeiliche Versagen noch unfassbarer. Man kann vermuten, dass die lokalen Verhältnisse eine nicht unerhebliche Rolle dabei spielten – besonders die Rivalität innerhalb der politischen Führungsschicht. Präsident Sirisena ist für die Sicherheitsdienste verantwortlich. Die brisanten Informationen des indischen Geheimdienstes reichte er jedoch nicht an Ministerpräsident Wickremesinghe weiter. So liegt die Vermutung nahe, dass gegenseitiges Misstrauen innerhalb des Regierungsapparates ein effektives Vorgehen gegen die Terroristen verhindert hat.

Doch das beantwortet nicht die Frage, warum eine lokale Islamistengruppe mit den Anschlägen gerade auf die christliche Minderheit zielt. Normalerweise spielen sich die Konflikte in Sri Lanka eher zwischen den beherrschenden Buddhisten auf der einen und Christen, Muslimen und Hindus auf der anderen Seite ab.

Doch es kann sein, dass die Wahl christlicher Kirchen als Terrorziele das Ergebnis einer weitreichenden Radikalisierung von außen ist. Das koordinierte Vorgehen und die schiere Masse des eingesetzten Sprengstoffes deuten auf eine internationale, uns leider zu bekannte Dimension des Verbrechens hin. Womöglich gab es Unterstützung für die Terrorgruppe aus dem Ausland, namentlich vom sogenannten Islamischen Staat, IS, der den Anschlag für sich reklamierte.

Vergeltung für Anschlag in Christchurch

Und eine weitere internationale Dimension rückt ins Bild. Der Sri-Lankische Verteidigungsminister erklärte, es gebe Hinweise darauf, dass der Terror in Colombo als Vergeltung für den Terroranschlag auf die Moschee in Christchurch in Neuseeland gedacht gewesen sei.

Die Internationale der gewalttätigen Extremisten rechtfertigt ihren Hass gerne mit pseudopolitischen und pseudophilosophischen  Argumenten. Diese Extremisten und ihre Rechtfertigungsnarrative zu bekämpfen, ist eine der dringlichsten Aufgaben unserer Tage – wo immer sie sich stellt.

Marcus Pindur, Korrespondent in Washington (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré )Marcus Pindur (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré )Marcus Pindur hat Geschichte, Politische Wissenschaften, Nordamerikastudien und Judaistik an der Freien Universität Berlin und der Tulane University in New Orleans studiert. Er war Stipendiat der Fulbright-Stiftung, der FU Berlin sowie des German Marshall Fund. 1997 bis 1998 arbeitete er als Politischer Referent im US-Repräsentantenhaus. Pindur war ARD-Hörfunkkorrespondent in Brüssel, bevor er 2005 zum Deutschlandradio wechselte. Von 2012 bis 2016 war er Korrespondent für Deutschlandradio in Washington, D.C. Seit Anfang 2019 ist er Deutschlandfunk-Korrespondent für Sicherheitspolitik.

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