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StartseiteKommentare und Themen der WocheVerbale Aufrüstung kaschiert die Ratlosigkeit01.11.2020

Terroranschläge in FrankreichVerbale Aufrüstung kaschiert die Ratlosigkeit

Bei der Suche nach den Ursachen für die wiederholten Anschläge in Frankreich und einer Täterideologie schlägt die Stunde der Vereinfacher, kommentiert Christiane Florin. Dabei ist Differenzierung gefragt – und auch über den Laizismus muss neu nachgedacht werden.

Von Christiane Florin

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Frankreich, Nizza: Polizeibeamte stehen in der Nähe des Tatorts einer Messerattacke vor der Kirche Notre-Dame in der südfranzösischen Küstenstadt Nizza. Bei der Messerattacke hat es mindestens drei Tote und mehrere Verletzte gegeben. (Eric Gaillard/Pool Reuters/AP/dpa)
Die Schattenseiten der Laicité: Frankreichs Staat weiß nicht souverän mit Religion umzugehen, kommentiert Christiane Florin (Eric Gaillard/Pool Reuters/AP/dpa)
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Der Terror lässt für Trauer kaum Zeit. An diesem Montag wird in allen Schulen Frankreichs an den mutigen Lehrer Samuel Paty erinnert. Doch bevor der Gedenktag an das eine Terroropfer begonnen hat, schlug erneut ein Attentäter zu. Diesmal wurden drei Menschen in der Kathedrale von Nizza ermordet. Jeder Anschlag wirkt wie ein Déjà-vu: Wieder Nizza. Dort hatte am 14. Juli 2016 ein Terrorist einen LKW als Waffe eingesetzt. Wieder eine katholische Kirche. Am 26. Juli 2016 wurde dem Priester Jaques Hamel während der Messe die Kehle durchgeschnitten. Und wieder eine Tat mutmaßlich im Zusammenhang mit einer Karikatur. 

  (imago images / Xinhua) (imago images / Xinhua)Politologe Hans Stark: "Es sind eher einsame Wölfe"
Die mutmaßlich islamistischen Anschläge in Frankreich wie die Tötung eines Lehrers oder die Messerattacke in Nizza seien zurückzuführen auf Einzeltäter, die sich im Internet radikalisierten, sagte der Politologe Hans Stark im Dlf. Eine wichtige Rolle spielten Imame, auf die der Staat aber wenig Einfluss habe.

Die Attentäter haben einen Koran dabei, sie rufen "Allah ist groß" oder bekennen sich zum IS. Sie machen sich zum Richter, bestrafen den Glauben an einen anderen Gott oder an gar keinen, sie rächen Beleidigung des Propheten und bekämpfen einen Lebensstil, den sie für dekadent halten. Die Mehrheit der Muslime in und außerhalb Frankreichs lehnt Gewalt ab und muss damit leben, ständig zur Rede gestellt zu werden: Empört euch!, auch diese Ermahnung ist ein Déjà-vu. Die ohnehin Distanzierten ermüdet die Dauerdistanzierung zwar, aber gerade die Stimmen von Gläubigen, die diese Taten verurteilen, sind wichtig für eine differenzierte Sicht. Der Terror hat nicht nur mit dem Islam zu tun, aber er hat auch nicht nichts damit zu tun.

Die Stunde der Vereinfacher 

Differenzierung sieht, mal wieder, wie Schwäche aus. Frankreich hat die höchste Terrorwarnstufe ausgerufen, der öffentliche Diskurs ist einmal mehr im Kriegsmodus. Die verbale Aufrüstung kaschiert die Ratlosigkeit: Wann hört das endlich auf? Auf diese einfache Frage gibt es keine einfache Antwort. Gefordert sind alle Bereiche, von der Sicherheits-, Außen-, Sozial-, Bildungs- Städtebau- bis zur Erinnerungspolitik.

Aber natürlich schlägt die Stunde der Vereinfacher, erkennbar an der hohen -ismus-Dichte. Islamismus reicht als Beschreibung der Täterideologie nicht mehr. Von Islamo-Faschismus ist seit Jahren ebenfalls die Rede, will sagen: Wenn der Faschismus die tödlichste Ideologie des 20. Jahrhunderts war, dann ist der Islamo-Faschismus das Gift des 21. Jahrhunderts. Auf der Suche nach Mitschuldigen hat die Rechte wiederum den Islamo-Gauchismus entdeckt. Gemeint ist, dass die Linke Terroristen zu Befreiern von kolonialem Joch verklärt hat. Die Unterabteilung wäre der Islamo-Feminismus. Ein Teil der Frauenrechtlerinnen, so der Vorwurf, habe Diskriminierung im Namen Allahs als kulturelle Eigenart verniedlicht. Die Linke wiederum wehrt sich, indem sie den Rechtsextremismus in Mithaftung nimmt, als sei Terror Notwehr gegen den Islamhass rechtsextremer und populistischer Parteien.

Die -ismen wirken so, als habe ein Arzt oder eine Ärztin nach langem Rätselraten eine klare Diagnose gestellt. Die mag falsch oder nur halbrichtig sein, aber endlich hat die gefährliche Krankheit, hat der Feind einen Namen. Gefahr benannt, Gefahr gebannt.

Macrons Selbstkritik und Erdogans Furor

Auch Emmanuel Macron hat sich eine Diagnose, einen -ismus zu eigen gemacht. "Islamistischer Separatismus". Das Politologen-Wort meint, dass Stadtviertel von islamistischen Predigern erobert wurden und sich von den Werten der Republik verabschiedet haben. Anders als viele, die mit Fachvokabeln bloß Islamverachtung kaschieren, verbindet Macron das Wort mit Selbstkritik. Der französische Staat habe diese Entwicklung zugelassen, zu naiv auf die Schule der Republik vertraut. Macrons Analyse rief Erdogan auf den Plan. Der inszeniert sich, auch ein Déjà-vu, als Führer der islamischen Welt und erklärt Frankreichs Staatspräsidenten zum Feind der Muslime.

In Frankreich demonstrieren viele Menschen in Erinnerung an den ermordeten Lehrer Samuel Paty. Sie zeigen ein Bild von ihm, eine Frankreich-Fahne und eine Zeitung, auf der eine Mohammed-Karikatur zu erkennen ist. (imago /  Hans Lucas) (imago / Hans Lucas)Terror, Laizität, Meinungsfreiheit Frankreich nach dem Mord an Paty
Die Hoffnung, dass der Zusammenhalt in der französischen Gesellschaft nach den islamistischen Anschlägen von 2015 auf Charlie Hebdo und im Club Bataclan wächst, hat sich nicht erfüllt. "Die Kluft ist größer geworden und die Frustration auch", sagt die Politikwissenschaftlerin Claire Demesmay im Dlf.

All den finsteren -ismen setzt Macron einen strahlenden -ismus entgegen: den Laizismus, die Laicité. Das Gesetz zur Trennung von Kirche und Staat wird bald 115 Jahre alt. Macrons hoher persönlicher Einsatz ist bewundernswert, er riskiert in der aufgeheizten Situation sein Leben für die Werte der Aufklärung, Französisch Les Lumiéres, Lichter.

Frankreichs Staat weiß nicht souverän mit Religion umzugehen

Sichtbar werden gerade jetzt allerdings auch die Schattenseiten der Laicité. Frankreichs Staat weiß nicht souverän mit Religion umzugehen. Sie wird als Privatsache geduldet und im öffentlichen Raum vor allem durch Verbote in Schach gehalten. Es könnte aber sein, dass staatlich gefördertes Nachdenken über Religion im öffentlichen Raum – etwa durch Religionsunterricht, Hochschultheologie, universitäre Imamausbildung – eine zähmende Wirkung auf -ismen hat und die liberalen Gläubigen ermutigt.

Der Gedanke an ein solche punktuelle Kooperation ist ein Sakrileg in einem laizistischen Land, zudem wirkt Nachdenklichkeit lächerlich angesichts von Brutalität. Aber Aufklärung ist keine Epoche, die man hinter sich lässt, sie ist ein Prozess. Für alle.

Dr. Christiane Florin (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Dr. Christiane Florin (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Christiane Florin, Jahrgang 1968, ist Redakteurin für "Religion und Gesellschaft" beim Deutschlandfunk. Bis 2015 leitete sie die Redaktion von Christ&Welt in der Wochenzeitung "Die ZEIT". Ihre Erfahrungen als Lehrbeauftragte für Politikwissenschaft an der Universität Bonn verarbeitete sie in dem Essay "Warum unsere Studenten so angepasst sind" (Rowohlt 2014). 2017 veröffentlichte sie das Buch "Weiberaufstand. Warum Frauen in der katholischen Kirche mehr Macht brauchen" (Kösel).

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