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StartseiteInformationen am MorgenWas die ehemalige US-Bundesanwältin Mary Jo White heute anders machen würde10.09.2021

Terroranschläge vom 11. September 2001Was die ehemalige US-Bundesanwältin Mary Jo White heute anders machen würde

Die frühere US-Bundesanwältin Mary Jo White brachte den Mann hinter Gitter, der für den ersten geplanten Anschlag auf das World Trade Center 1993 verantwortlich war. Auch 2001 war sie an den Ermittlungen nach den Anschlägen maßgeblich beteiligt. Heute, 20 Jahre später, spricht sie von Systemversagen.

Von Doris Simon

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Die frühere US-Bundesanwältin Mary Jo White bei einer Anhörung (AFP/ GETTY/ Marc Wilson)
20 Stunden am Tag arbeitete Mary Jo White damals mit dem FBI daran, die Verantwortlichen für die Terroranschläge vom 11. September zu ermitteln (AFP/ GETTY/ Marc Wilson)
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Aufstehen, Kaffee machen, den Sohn zur Schule bringen und dann ins Büro. Auch gefürchtete Bundesanwältinnen haben eine Morgenroutine, und die sah bei Mary Jo White am 11. September 2001 nicht anders aus als an den meisten Tagen.

"Ich sah die Türme auf dem Weg zur Arbeit, ich schaute auf sie, wie ich es immer machte. Ich glaube, anderen aus Polizei und Justiz ging es genauso: Da war dieses Majestätische, und gleichzeitig dieses Wissen um die Gefährdung durch einen weiteren Anschlag. Wir alle wussten das."

Gefahr durch islamistischen Terror früh erkannt

Der Blick auf die Zwillingstürme. Vier Jahre zuvor hatte Mary Jo White den Mann hinter Gitter gebracht, der den ersten Anschlag auf das World Trade Center geplant hatte – Ramsy Youssef, hochintelligent, voller Hass auf die Vereinigten Staaten, so wie viele, die die Bundesanwältin erfolgreich angeklagt hatte. White hatte nach dem Anschlag 1993 die erste Abteilung für Terrordelikte in einer Bundesanwaltschaft eingerichtet. Sie hatte die Gefahr durch islamistischen Terror früh erkannt, ermittelte bei Anschlägen auf US-Einrichtungen weltweit. Die Bundesanwältin beantragte auch den ersten Haftbefehl gegen Osama bin Laden, Jahre vor dem 11. September 2001.

"Ich und andere, die an diesen Fällen arbeiteten, kamen zu dem Schluss, dass die USA auf lange Zeit massiv durch islamische Extremisten, Terroristen, bedroht sein würden. Und das stellte sich leider als richtig heraus."

Erinnerungen an 1993

Mary Jo White hatte verstanden, dass islamistische Terroristen Anschläge in den Vereinigten Staaten planten, die Amerika demütigen sollten - und dass sie dafür nach symbolischen Orten suchten. Das World Trade Center war der steingewordene Ausdruck für Amerikas Streben nach Größe und Dominanz.  Auch am 11. September dachte Mary Jo White, wie jeden Tag, an die Überführung von Ramsy Youssef nach Manhattan. Der FBI-Mann Lou Schiliro hatte damals den Polizeihubschrauber zweimal um das World Trade Center fliegen lassen: Schau, sie stehen noch, sagte er zu Youssef, der 1993 versucht hatte, die Türme zu sprengen.  

"Youssefs Antwort war: Dass sie noch stehen, hat nur einen einzigen Grund: Ich hatte 1993 nicht genug Geld, um eine entsprechend große Bombe zu bauen. Youssefs Ziel war schon 1993, die beiden Türme ineinander stürzen zu lassen. So begann also mein Tag."

Mit Mafia und Wirtschaftskriminellen angelegt

Die Spitzenjuristin war schon vor ihren Terrorermittlungen eine gefürchtete Bundesanwältin: zielstrebig, unprätentiös, 1,50 Meter groß und mit einem harten Kern unter der Mid-West-Freundlichkeit. Im prestigeträchtigsten Gerichtsbezirk der USA, dem südlichen Distrikt von New York, hatte sich White mit der Mafia und extrem gewalttätigen Gangs angelegt, mit Wirtschaftskriminellen und Finanzjongleuren.

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Am 11. September telefoniert Mary Jo White gegen Viertel vor neun in ihrem Büro im Federal Building, als es sehr laut knallte. Wie so oft dachte sie: Eine Bombe? Nein, sicher ein Laster, der über Metallplatten an einer Baustelle fährt. Das lauteste Geräusch, das man sich vorstellen könne. Die Bundesanwältin drehte sich zur Seite – und sah etwas wie Konfetti, das aus dem World Trade Center quoll. Darüber dicker Qualm. Etwas Katastrophales war passiert. 

Umschalten in den vollen Kampfmodus

Es war ein Anschlag. Die Bundesanwaltschaft, nur ein paar Häuserblöcke weiter, wurde sofort geräumt: Die Terrorermittler galten als mögliches nächstes Ziel. Hals über Kopf wurde eine Garage des FBI weiter nördlich in Manhattan umfunktioniert zum neuen Hauptquartier.

"Während ich im Auto dorthin unterwegs war, fiel der erste Turm. Als ich ankam, schaute ich nach Süden. Und da sah ich, wie der zweite Turm in sich zusammenfiel. Das war ungeheuerlich, einfach unbeschreiblich."

Ich habe mich gesammelt, und dann in vollen Kampfmodus umgeschaltet, so erinnert sich die frühere Bundesanwältin heute an den Moment danach. Am 11. September entstand auf engstem Raum und unter enormem Druck die erste gemeinsame US-Anti-Terror-Einheit. In der Garage in der 26. Straße arbeiteten hunderte von FBI-Ermittlern zusammen mit der New Yorker Bundesanwaltschaft und 24 anderen Organisationen, einschließlich NSA und CIA.

"Man versucht herauszufinden, wer es getan hat. Wer ist noch da draußen, wer könnte von einem weiteren Anschlag wissen? Und jeder war ziemlich besorgt darüber, dass es noch nicht vorbei war. Es gab das Pentagon und den anderen Absturz in Pennsylvania."

Arbeiten am Limit

20 Stunden pro Tag, viele Wochen kein Wochenende. Eine Stunde verbrachte Mary Jo White täglich zu Hause, Essen machen oder ein Hemd bügeln, um ihrem Sohn ein Gefühl von Normalität zu vermitteln. Im Hinterkopf immer der Gedanke: Wo passiert der nächste Anschlag, und wie können wir das verhindern.

Schon nach wenigen Tagen war den Ermittlern in der Garage an der 26. Straße klar, wer die Flugzeuge geflogen hatte und bald auch, wer dahintersteckte. Das FBI setzte bei den Befragungen keine ungesetzlichen Praktiken ein, wie später die CIA. Wir wollten unbedingt fair ermitteln, sagt die frühere US-Bundesanwältin White. Auch wenn das den Druck enorm erhöht habe.

"Der Gedanke, dass einer dieser Terroristen, die wir angeklagt haben, nicht verurteilt wird, dass wir vielleicht einen Fall einstellen müssen und dass sie dann gleich wieder da draußen sind - und beim nächsten Bombenanschlag dabei."

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Noch immer 39 Verdächtige in Guantanamo inhaftiert

Vor Militärgerichten muss die Anklage nicht so viel offenlegen wie vor Zivilgerichten. Deshalb war Bundesanwältin White nach dem 11. September einverstanden, als die US-Regierung entschied, die Verdächtigen der Militärjustiz zu übergeben. Heute, 20 Jahre später, sieht White die Dinge anders. Zwei Jahrzehnte nach den Anschlägen säßen immer noch 39 Verdächtige in Guantanamo, niemand sei verurteilt, die wenigsten angeklagt. Das wäre nicht passiert, wenn die Verdächtigen vor Zivilgerichten angeklagt worden wären, ist sich White sicher: "Man muss es als ein Versagen des Systems betrachten. Wenn sie mir heute die Frage so stellen, würde ich Ihnen sagen, dass Zivilgerichte das beste Mittel sind, um den Terrorismus zu bekämpfen."

Mary Jo White arbeitet heute wieder als Anwältin und Partnerin in der Kanzlei, in der sie schon vor 30 Jahren tätig war, rund um die Uhr, selten ein Wochenende. Doch die Anschläge auf das World Trade Center haben sie nie losgelassen. Sie frage sich fast täglich, ob sie mehr hätte tun können, anderen Spuren hätte nachgehen müssen, sagt die 74-Jährige. Man fühle sich schuldig, obwohl man alles getan habe, was man konnte. Und man frage sich, sagt die frühere Bundesanwältin: Wie konnten wir das nicht verhindern?

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