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StartseiteKommentare und Themen der WocheEine Debatte über Islamismus ist in Frankreich überfällig17.10.2020

Terroranschlag in ParisEine Debatte über Islamismus ist in Frankreich überfällig

Nach der Wiederveröffentlichung der Mohammed-Karikaturen in der Zeitschrift "Charlie Hebdo" wurde ein Mann Opfer eines Anschlags in Paris. Ob ein Zusammenhang besteht, ist unklar. Doch Frankreich müsse sich endlich einer gesellschaftlichen Debatte über die Ursachen des Terrors stellen, meint Jürgen König.

Von Jürgen König

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Macron in der Nähe des Tatortes (www.imago-images.de)
Frankreichs Präsident Emmanuel Macron am Tatort in Conflans-Sainte-Honorine (www.imago-images.de)
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Hätte es diesen Mord an dem französischen Geschichtslehrer Samuel Paty auch gegeben, wenn die Satire-Zeitschrift "Charlie Hebdo" die Mohammed-Karikaturen des Kurt Westergaard nicht wiederveröffentlicht hätte? Aus Anlass der Prozess-Eröffnung zu den Attentaten vom Januar 2015, bei denen allein in den Redaktionsräumen der Zeitschrift elf Menschen starben, hatte "Charlie Hebdo" sie Anfang September noch einmal abgedruckt, und wieder, wie schon nach ihrem ersten Erscheinen im Jahr 2005, hatten sich weltweit Muslime erbost gezeigt: Die Zeichnungen würden ihre religiösen Gefühle beleidigen.

Eine Rose und Kerzen stehen auf der Straße, darunter der Schriftzug "Je suis Charlie" (imago / IP3press / Aurelien Morissard) (imago / IP3press / Aurelien Morissard)"Charlie Hebdo" - Prozessauftakt in Paris
Die Terroranschläge 2015 waren zuletzt etwas in den Hintergrund gerückt. Doch mit dem Prozessauftakt zum Anschlag auf "Charlie Hebdo" wird Frankreich erneut mit der Frage konfrontiert, wie es zum Islamismus steht.

Lehrer habe Karikaturen mit seinen Klassen besprochen

Kurz nach dem erneuten Erscheinen hatte in Paris ein Attentäter in der Nähe der früheren Redaktionsräume von "Charlie Hebdo" zwei Menschen angegriffen und lebensgefährlich verletzt und dabei als Motiv ausdrücklich diese Wiederveröffentlichung der Karikaturen genannt, die er "nicht ertragen" habe. Und auch der gestrige Mord hat etwas mit den Mohammed-Karikaturen zu tun. Der getötete Lehrer hatte im Unterricht mit seinen Schülern über diese Karikaturen gesprochen, hatte sie als Beispiel für Meinungsfreiheit genannt, die in Frankreich durch die Verfassung garantiert sei und unbedingt geschützt werden müsse. Daraufhin hatte es den Ermittlungen zufolge Drohungen gegen den Lehrer gegeben, ein Elternteil eines Schülers legte Beschwerde ein, auch die Direktorin der Schule soll in den vergangenen Wochen "hohem Druck ausgesetzt gewesen sein".  Ob es eine Verbindung des mutmaßlichen Täters zur Schule gab, ist noch unklar. Dass auch dieses Attentat dem islamistischen Terror zuzuschreiben ist, gilt als gesichert.

Macron verteidigte die Blasphemie als legitim

Hätte es also diesen Mord am Lehrer Samuel Paty auch gegeben, wenn "Charlie Hebdo" die Mohammed-Karikaturen nicht wiederveröffentlicht hätte? Natürlich ist die Frage nicht zu beantworten, aber genau an ihr scheiden sich die Geister. Viele in Frankreich, und wahrlich nicht nur Muslime, hatten den Schritt von "Charlie Hebdo" als "unnötige Provokation" bezeichnet. Gerade sei die Bedrohung durch den islamistischen Terrorismus etwas in den Hintergrund getreten, wozu jetzt erneut ein großes Risiko eingehen? Staatspräsident Macron dagegen hatte das erneute Erscheinen der Karikaturen ausdrücklich verteidigt. In einem freien Land, das Kirche und Staat ausdrücklich trennt, sei auch Blasphemie legitim und müsse, wenn schon nicht geschätzt, so doch hingenommen werden.

Debatte über Laizismus und Islamismus in Frankreich steht noch aus

Wie auch immer man zu dieser Frage stehen mag, eines bringt dieses erneute islamistische Attentat schmerzlich in Erinnerung - dass es eine wirkliche, anhaltende Debatte über den Laizismus wie auch über den Islamismus in Frankreich nicht gegeben hat. Auch über die Zustände in französischen Gefängnissen, wo viele junge Muslime sich schon radikalisierten, wurde nie in großem Stil öffentlich diskutiert. Auch die Existenz von Parallelgesellschaften am Rande der Metropolen, auch die Praxis vieler Einwandererfamilien, ihre Kinder nicht in öffentlichen Schulen, sondern in privaten Moscheeschulen unterrichten zu lassen, war noch nicht Gegenstand anhaltender öffentlicher Debatten, selbst dann nicht, als Präsident Macron einen Gesetzentwurf vorgestellt hatte, der unter anderem vorsieht, diesen "Fernunterricht" zu unterbinden und alle Kinder ab drei Jahren zum Besuch öffentlicher oder vom Staat zugelassener Schulen zu verpflichten.

(©Deutschlandradio / Bettina Straub)Jürgen König (©Deutschlandradio / Bettina Straub)Jürgen König, geb. 1959, Journalist, Autor, Moderator. Studierte Musikwissenschaft und Neue deutsche Literatur in Hamburg und Berlin. Von 1991 bis 1996 freier Kulturkorrespondent in Paris, seither für Deutschlandradio tätig als Redakteur und Moderator, Kulturkorrespondent im Hauptstadtstudio von 2010 bis 2013, im Anschluss Redaktionsleiter von "Studio 9 - Kultur und Politik". Seit Januar 2016 Korrespondent in Paris.

  

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