Freitag, 27. Mai 2022

Tesla-Werk eröffnet
Der Umweltschutz bleibt auf der Strecke

Für die Eröffnung des Tesla-Werks in Brandenburg wurde im Bundesland wirklich alles getan, kommentiert Christoph Richter. Man habe dem US-Autobauer einen roten Teppich ausgelegt. Tesla schien mitunter selbst die Regeln aufzustellen. Bedenken von Umweltschützern seien abgebügelt worden.

Ein Kommentar von Christoph Richter | 22.03.2022

Eröffnung der Tesla-Fabrik in Grünheide u.a. mit Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD)
Eröffnung der Tesla-Fabrik in Grünheide u.a. mit Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) (picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Patrick Pleul)
Atemberaubend sei das Tesla-Tempo, schwärmen die meistens jungen Fans des US-Autobauers. Anpacken, eigene Pläne durchziehen, verändern. Mit Konzernchef Elon Musk könne man mit Zuversicht in die Zukunft schauen, er sei eine Art moderner Jules Verne. Nicht weniger euphorisch klingt es bei den Landespolitikern. Sie schwelgen von der „Bajuwarisierung Brandenburgs“. Und sehen – durch die Tesla-Ansiedlung - Brandenburg schon gleichauf mit Bayern und Baden-Württemberg.
Der SPD-Ministerpräsident Dietmar Woidke spricht gar von einer neuen brandenburgischen Zeitrechnung. Die Zeit VT - vor Tesla und MT – mit Tesla. Vorbei sei die Zeit, als man auf den Osten abfällig herabgeschaut hat, als man nur die verlängerte Werkbank des Westens war. Dafür hat man in Brandenburg aber in den letzten zwei Jahren auch wirklich alles getan. Hat dem US-Autobauer einen roten Teppich ausgelegt. Koste es, was es wolle. Tesla schien mitunter selbst die Regeln aufzustellen. Tenor: Wir schaffen Arbeitsplätze, ihr sorgt für die Genehmigungen.

Lange Liste von Kritikpunkten

Bedenken von Umweltschützern oder Anwohnern – gerne als Ewiggestrige beschimpft – wurden abgebügelt. Dabei ist die Liste der Kritikpunkte lang: Waldrodungen, die Zerstörung der Artenvielfalt, die Verkehrssituation. Das größte Problem ist der immense Wasserverbrauch, den Tesla für sich beansprucht. Denn: Das Wasser gibt es in der Region einfach nicht. Fast wäre die Fabrik daran gescheitert. Denn ein Gericht nannte die Förderung eines Wasserwerks wegen eines Verfahrensfehlers „rechtswidrig“. Alles stand auf der Kippe. Doch Landepolitiker und Juristen fanden einen Trick und dulden erstmal die bemängelte Förderung. Nur so kann Tesla starten. Ob man für kleine Unternehmen auch so erfindungsreich gewesen wäre? Kaum vorstellbar.

E-Autos kaum besser als Verbrenner

Auch unerklärlich – und unbeantwortet – warum ein US-Autobauer sein riesiges Werk in ein Wasserschutzgebiet bauen darf. Das können letztlich nur Brandenburgs Landespolitiker beantworten. Der Umweltschutz bleibt zugunsten des wirtschaftlichen Fortschritts auf der Strecke. Verteilungskämpfe um das Wasser sind nicht ausgeschlossen und werden in Zukunft größer. Denn – durch Tesla – sind weitere große Gewerbeansiedlungen in der Region Ostbrandenburg erstmal nicht möglich.
Das Ganze macht man für einen E-Autohersteller, der laut der Nichtregierungsorganisation „Carbon Disclosure Projects“ in Sachen Treibhausgasemissionen schlechter abschneidet als andere Autobauer. Und man macht es für E-Autos, die auch mit Strom aus Kohlekraftwerken angetrieben werden. Letztlich sind es auch diese Autos irgendwie Fossile alter Zeit.[*] 
Interessiert die Politik nicht. Wenn es um den wirtschaftlichen Aufschwung geht, muss der Umweltschutz eben schon mal hinten anstehen. Brandenburger Logik. Und eine neue Zeitrechnung bricht mitnichten an.
[*] Hier haben wir eine Aussage präzisiert.
Christoph Richter
Christoph Richter
Christoph Richter, aufgewachsen am Rande Ost-Berlins, studierte in Hamburg und Madrid Soziologie, Germanistik und Philosophie. 2004 gründete er in Berlin ein Radio-Korrespondenten-Büro und arbeitete von dort für alle Hörfunkwellen der ARD, die Deutsche Welle, den ORF und natürlich die Programme von Deutschlandradio. Seit 2013 ist er als Landeskorrespondent tätig: zunächst in Sachsen-Anhalt und seit 2020 in Brandenburg.