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StartseiteKommentare und Themen der WocheRückschlag für Söder und mehr als ein Fauxpas13.08.2020

Testpanne in BayernRückschlag für Söder und mehr als ein Fauxpas

Nach der Testpanne in Bayern muss Ministerpräsident Markus Söder (CSU) seine eigene Krise in der Krise managen, kommentiert Michael Watzke. Wer sich so aufreizend als Klassenprimus inszeniere, biete bei jeder Panne viel Angriffsfläche. Söders Image als Macher in der Krise habe einen Kratzer bekommen.

Von Michael Watzke

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Söder vor einer blauen Wand mit dem bayerischen Wappen. Man sieht nur seinen Kopf. Der Maskenstoff zeigt die blau-weißen Rauten.   ( Peter Kneffel/dpa)
Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) - sein Image als Macher in der Krise habe einen Kratzer bekommen, kommentiert Michael Watzke ( Peter Kneffel/dpa)
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"Wer Kanzler werden will, muss Krise können" - ein Zitat von Markus Söder. Der bayerische Ministerpräsident muss jetzt seine eigene Krise in der Krise managen. Die schleppende Übermittlung von 44.000 Corona-Testergebnissen - darunter mehr als 1.000 positiven - ist ein schweres organisatorisches Versagen. Es fällt nicht nur auf die bayerische Gesundheitsministerin Melanie Huml zurück, sondern auch auf Söder, den Regierungschef.

Denn der wiederholt seit Monaten sein Corona-Mantra: "Testen, testen, testen". Das ist ja richtig so - nur muss man eine solche Ankündigung dann auch stemmen können. Wer die Backen dick aufbläst, muss auch pfeifen. Niemand kann die Backen so dick aufblasen wie Söder. Aber im aktuellen Fall kommt dem CSU-Chef kein gescheiter Ton über die Lippen. Corona-Tests, deren Ergebnisse irgendwo zwischen Test-Station, Labor und Gesundheitsamt versanden, sind nicht nur rausgeschmissenes Geld, sondern stiften unnötig Verwirrung. 

Wäre eine bessere Organisation möglich gewesen?

Es ist zwar übertrieben, diese Panne als fahrlässige Körperverletzung zu bezeichnen, wie die bayerische FDP das tut, denn die positiv getesteten Probanden tragen das Virus so oder so in sich, egal ob sie getestet worden wären oder nicht. Ein Test, dessen Ergebnis versandet, ist nicht besser als gar kein Test, aber auch nicht schlechter.

Markus Söder (CSU, l), bayerischer Ministerpräsident, verfolgt die Rede des Fraktionsvorsitzenden von Bündnis 90/Die Grünen im Landtag, Ludwig Hartmann (picture alliance/Tobias Hase/dpa) (picture alliance/Tobias Hase/dpa)Hartmann (Grünen): "Debakel mit Ansage" bei Coronatests in Bayern
Die Testpanne in Bayern sei der schwerste Fehler, der bisher in der Bekämpfung der Corona-Pandemie passiert sei, sagte der Vorsitzende der Grünen-Fraktion im bayerischen Landtag, Ludwig Hartmann, im Dlf. 

Trotzdem ist das Test-Debakel an den bayerischen Autobahn-Raststätten mehr als ein Fauxpas. Die entscheidende Frage dabei ist: War es in der kurzen Vorbereitungszeit möglich, die freiwilligen Tests besser zu organisieren? Lautet die Antwort "nein", trüge der Ministerpräsident die Verantwortung. Weil er den Bürgern zu viel versprach und den bayerischen Behörden zu viel abverlangte. Aber Söder sagt, nicht er bestimme das Tempo, sondern Corona. Und es wäre möglich gewesen, das Testen der Urlaubsheimkehrer besser zu organisieren.

Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)Übersicht zum Thema Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

Dass dies nicht gelang, lastet Söder seiner Gesundheitsministerin Melanie Huml an. Er entlässt sie aber nicht, sondern beruft stattdessen den Präsidenten des Landesamtes für Gesundheit ab. Der sei zwar ein guter Mediziner, aber kein guter Organisator. "Niemand ist perfekt", sagt Söder. "Auch ich nicht." Da hat er recht. Das Problem ist, dass er zu oft den Eindruck erwecken will, er sei perfekt.

Söders Verhalten provoziert Häme 

Söder sollte sich daher nicht wundern, dass jetzt viel Häme über ihn hereinbricht: Wer sich so aufreizend als Klassenprimus inszeniert, bietet bei jeder Panne viel Angriffsfläche fürs Heimzahlen.

Sein Image als Macher in der Krise hat einen Kratzer bekommen. Und Söders ausgesprochen unausgesprochene Kanzler-Ambitionen ebenso. Von Wilhelm Busch stammt der kleine Spott-Vers: "Wenn einer, der mit Mühe kaum geklettert ist auf einen Baum / schon meint, dass er ein Vogel wär - so irrt sich der." Mit ein klein wenig Boshaftigkeit lässt sich dieses Verslein auch auf Markus Söder anwenden.

Michael Watzke  (©Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Michael Watzke (©Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Michael Watzke, geboren 1973 in Remscheid, absolvierte die Deutsche Journalistenschule. Er studierte Politik und Soziologie in München und Washington DC. Nach Stationen bei SZ und BILD arbeitete er als Chefreporter für Antenne Bayern. 2003 gewann er den Axel-Springer-Preis. Danach Ausbildung an der Drehbuch-Werkstatt der HFF München. Als Autor des TV-Dramas "Das letzte Stück Himmel" (Regie: Jo Baier) erhielt er den Robert-Geisendörfer-Preis und war für den Deutschen Fernsehpreis nominiert. Arbeit als Regisseur und Produzent. Seit 2010 berichtet er für Deutschlandradio als Bayern-Korrespondent aus München.

 

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