Teuerungsrate in Deutschland Die Inflation sollte im Bund mitsondieren

Bei den Sondierungsgesprächen der potenziellen neuen Regierungsparteien war bisher keine Rede vom Thema Inflation. Das ist ein Fehler, kommentiert Klemens Kindermann. Denn einiges von dem, was insbesondere SPD und Grüne vorhaben, könnte die Geldentwertung in Deutschland weiter anheizen.

Ein Kommentar von Klemens Kindermann | 30.09.2021

Eine Frau holt einen 5-Euroschein aus ihrem Portemonnaie
Geldentwertung hält sich nicht an politische Farben, sondern an ökonomische Pfade, kommentiert Klemens Kindermann (picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Fernando Gutierrez-Juarez)
Die Inflation soll offenbar nicht mit am Tisch sitzen bei den Sondierungen im politischen Berlin. Bisher war jedenfalls von ihr nicht die Rede als Thema oder Problem. Das ist ein Fehler. Denn viele Entscheidungen, die die wahrscheinlich neue Ampelkoalition zu treffen hat, müssen im Licht einer fortschreitenden Geldentwertung in Deutschland gesehen werden.
Hände halten eine Geldbörse mit Euroscheinen auf
Inflation - Warum steigen die Preise?
Im September 2021 wird die Inflation voraussichtlich 4,1 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat erreichen, teilte das Statistische Bundesamt in Wiesbaden mit. Damit haben die Verbraucherpreise in Deutschland den Höchststand seit 28 Jahren erreicht.
Psychologisch ist absolut verständlich, dass die rot-grün-gelben Sondierer sich nicht unbedingt mit der Inflation auseinandersetzen wollen, die heute nach fast drei Jahrzehnten wieder die Vier-Prozent-Marke überschritten hat. Waren es doch die politischen Widersacher von CDU/CSU, die das Thema Teuerung noch auf den letzten Metern des Bundestagswahlkampfes entdeckten.

Gefahr der Lohn-Preis-Spirale bei Erhöhung des Mindestlohns

Nur hält sich die Geldentwertung nicht an politische Farben, sondern an ökonomische Pfade. Tut man gegen sie nichts, schreitet die Teuerung fort und ist irgendwann nur noch schwer einzuholen. Was jetzt im Baukasten vor allem von SPD und Grünen liegt, hat das Zeug dazu, die Inflation sogar noch anzuheizen. Wenn der Mindestlohn wirklich auf zwölf Euro steigen soll, wird dies das Einkommensniveau von unten aus kräftig steigern.
Dann besteht bei einer anziehenden Inflation die Gefahr, dass die gefürchtete Lohn-Preis-Spirale anspringt: höhere Löhne bewirken höhere Preise, die wiederum die Forderung nach noch höheren Löhnen auslöst, die erneut die Preise steigen lassen.

Hohe Inflation auf lange Zeit wäre unsozial

Auch bei der politisch gewollten noch schnelleren Verteuerung klimaschädlicher Emissionen ist die Frage nach dem Maß zu stellen. Denn besonders Menschen mit niedrigem Einkommen können sich höhere Heizkosten oder gar den Umstieg auf ein teurer gewordenes Elektroauto nicht leisten.

Dies rührt an den Kern: Eine auf längere Zeit hohe Geldentwertung wäre zutiefst unsozial, weil sie die Schwachen in der Gesellschaft besonders trifft. Niedrigeinkommen und kleine Renten können ihr nicht entkommen. Wer eine Spareinlage für viele Jahr anlegt, baut darauf sein Leben und seine Altersvorsorge auf, muss aber nun zusehen, wie diese abnimmt. Die Inflation sollte einen Platz haben am Tisch der Sondierer und Verhandler in Berlin.
Klemens Kindermann
Klemens Kindermann (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)
Klemens Kindermann ist seit 2009 Abteilungsleiter Wirtschaft und Gesellschaft und seit 2012 stellvertretender Chefredakteur beim Deutschlandfunk. Von 1991 bis 1997 war er Redakteur und Korrespondent der Deutsche Presse-Agentur (dpa). Danach wechselte er 1997 zur Wirtschafts- und Finanzzeitung "Handelsblatt", wo er als Fachredakteur, Desk-Chef im neu geschaffenen Newsroom und ab 2004 als stellvertretender Ressortleiter Wirtschaft & Politik tätig war.