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Teufelsbrück

Klett-Cotta, 505 S., DM 44,-

Es kronauert gewaltig, und zwar gleich am Anfang. Auf die erste Szene, ja, buchstäblich die erste Seite des neuen Roman der Hamburger Schriftstellerin geht ein intertextuelles Hinweis- und literaturgeschichtliches Referenzgewitter nieder, das es in sich hat. Maria Fraulob, der Heldin und Ich-Erzählerin, vergeht auch gleich Hören und Sehen. Genauer gesagt, sie geht in die Knie.

Ursula März

Folgendes spielt sich ab: Maria Fraulob befindet sich im EZZ, "dem Elbe – Einkaufszentrum" und ist in den Anblick eines dreifarbigen Herrenslips in einem Schaufenster vertieft. Da passiert es. Eine kleine pyknoleptische Absence, ein kurzer Aussetzer der Zeit, "momentan keine Ahnung, wieviel Zeit inzwischen vergangen ist", und Maria Fraulob rutscht gleichsam an sich selber ab. Mit einem solchen Sturz aufs Pflaster endete das Leben des Apothekers Willi in Brigitte Kronauers vorangegangenem Roman "Das Taschentuch". Dieses Finale greift die Autorin nun als Erzählbeginn von "Teufelsbrück" auf. Aber der Kniefall im EZZ hat noch eine andere werkgeschichtliche Spur. Sie führt zurück zu "Rita Münster". Auch bei dieser war es eine Kleinigkeit, ein mückengroßer Vorfall, nämlich der Satz "wollen Sie noch ein Stück Zucker ?", der eine elefantöse erotische Epiphanie auslöste, nach der nichts mehr so war wie vorher. "Meine herrliche neue Empfindung", sagt sich Maria Fraulob keine Stunde später vor.

Der Blitz, der sie trifft, heißt Leo. Leo Ribbat. Er fängt die Stürzende auf, sie sieht in sein Gesicht, sie bildet sich ein, der Inkarnation des männlich Verführerischen ins Gesicht zu sehen. Sie bildet sich ab jetzt alles Mögliche ein. Sie hört zum Beispiel aus dem Hintergrund der Szene, mitten im EZZ, plötzlich ein Vöglein, das "Zuküth, ziküth, ziküth" ruft. Für Maria Fraulobs Ohren heißt das aber: "wie blöd, wie blöd". Ein solches, in menschlich verstehbaren Phonemen zwitscherndes Vöglein führte auch in Grimms Märchen "Das Aschenputtel" heimlich Regie. Von der Aschenputtelgeschichte hat "Teufelsbrück" überhaupt viel; zum einen das Bildmotiv des Schuhs, zum anderen das Verlassenheitstrauma der Hauptfigur. Denn Aschenputtel ist ein Waisenkind. Maria Fraulob indes, die allein lebt und als Schmuckherstellerin ihr Geld verdient, hat in der Vergangenheit Mann und Kind durch einen Unfall verloren.

Mit Willi, Rita Münster und Aschenputtel ist die hermeneutische Spurensicherung dieser allerersten Romanszene noch längst nicht erledigt. In die äußere Komposition und die innere Sinnstiftung von "Teufelsbrück" mischt sich unübersehbar ein weiteres Märchen der Romantik, "Der goldene Topf" von E.T.A. Hoffmann. Dort stürzt im ersten Kapitel der Student Anselmus in eine Marktbude und bleibt so liegen, daß er plötzlich einer Schlange ins Auge starrt – wie Maria Fraulob dem Leo Ribbat. Der Schock ist der gleiche. Aber strukturell ist die Initialbegegnung bei Brigitte Kronauer weitaus komplizierter und aufwendiger. Da sich in ihrem neuen Roman fast jedes Erzählelement, jedes Motiv und jede Figur verdoppelt, verzweigt, vervielfältigt, hat es Maria Fraulob bei ihrem Kniefall nicht nur mit einer, sondern gleich mit zwei Verführerschlangen zu tun. Neben Leo steht Zara. Ein pompöses, charismatisches Exemplar weiblichen Geschlechts, launisch und multivalent, durchgehend mondän, in der Regel manipulatorisch und wenn ihr der Sinn danach steht, sogar mütterlich. In ihrem Wesen haben Zarah Leander, die Zarin Katharina und die rote Zora als Vorbilder spielend Platz. In ihrem Gesicht drücken sich gleich zwei schlüpfrige Tierarten als "Fischmaul" und "Froschauge" aus. Zara zieht die Fäden und Maria Fraulob scheint den Roman über daran zu hängen. Zumindest sieht es 490 von gut 500 Romanseiten so aus.

Denn die Heldin betritt im EZZ die Wüste der Ungewißheit, in die Gott Abraham schickte und Eros alle schickt, die einer fremden Seele oder, was noch schlimmer ist, einem fremden Körper verfallen sind. Aber Brigitte Kronauer sucht und sammelt zwar in der Vergangenheitstiefe der Literaturgeschichte. Sie denkt und argumentiert jedoch vollkommen auf der Höhe der Zeit. Und deshalb hat die Wüste der Ungewißheit in "Teufelsbrück" die Gestalt eines semiotischen Dschungels. Eines Dschungels, in dem sich Signifikanten teilen, in dem Metaphern busch- und bündelweise auftreten, weil eine allein die Sache gar nicht richtig treffen kann. Ein Dschungel, in dem Erzählwege zu Täuschungsmanövern und Geschichten zu Kreuzworträtseln werden. Über den diffusen Zustand der Wirklichkeit, ihren Rollentausch mit der Fiktion und die zeitgenössischen Orientierungsprobleme der Literatur kann man sich kaum intelligenter und raffinierter äußern als Brigitte Kronauer es hier tut.

Maria Fraulob gerät von heute auf morgen ins Haus der Rätsel und Undurchsichtigkeiten. Es gehört Zara. Sie residiert mit Leo, der ihr als Liebhaber und vermutlich auch als Handlanger dubioser Geschäfte dient, in einer Villa, die jenseits der Elbe im sogenannten "Alten Land" liegt. Dieses gibt es tatsächlich. Im Kontext des Märchenhaften verwandeln sich jedoch sowohl die Topographie des Romans als auch Maria Fraulobs sehnsüchtige Flußüberquerungen in Bestandteile einer Parabel. Auch Zaras inszenatorische Einfälle bedienen sich bei der Hinterlist der Symbolik. Einmal wohnt Maria Fraulob, von Zara netterweise zum Teetrinken eingeladen, einer privaten Filmvorführung bei. Auf der Leinwand erscheinen zwei Riesenschildkröten beim Begattungsakt. Für die leohungrige Schmuckherstellerin ist die Darbietung eine höhnische Zumutung. Für den Leser ein Genuß. Brillant, wie kein anderer deutschsprachiger Schriftsteller es ihr nachmacht, übersetzt Brigitte Kronauer die Mittel der Unschärfe- und Zoomtechnik in dieser Szene in literarische Sprache.

Bei der Inneneinrichtung der Zara-Villa befindet sich die Autorin generell auf der Luxushöhe ihrer Phantasie. Hier ein siebenteiliger Tafelaltar, auf dem in Tierparabeln das Leben Jesu abgebildet ist und der an den Isenheimer Altar erinnert, einem Herzstück aus Kronauers Poetik. Dort eine frivole chinesische Puppe, durch die sich eine Art Tapetentür öffnet, hinter der sich ein Geheimkabinett mit Zaras gigantischer Schuhsammlung befindet. Exotisches und Gespenstisches, Flora und Fauna, Terrarien und Vitrinen: Dekadenz vom Feinsten also. Organisiert als reine Kunstwelt, errichtet im Stil bürgerlicher Salons des späten 19. Jahrhunderts mit seiner wahnhaften Leidenschaft für das Interieur, für theatralische Wintergärten und hermetische Vorhänge an den Fenstern. Die Illusion war das Wohnideal dieser Epoche. Und sie war das Kapital des großformatigen Romans, das die Literatur des 20. Jahrhunderts sich zu verspielen gezwungen war. In "Teufelsbrück" trauert Brigitte Kronauer dem schönen Schein des Erzählens nach. Auf den ersten Blick ist Eros das Hauptthema ihres Romans, auf den zweiten aber die Illussion und die Frage, ob und unter welchen Versuchsbedingungen das literarische Erfinden überhaupt noch illusionistisch zu wirken vermag.

Besuch für Besuch, Kapitel für Kapitel kommt Maria Fraulob ihrem Leo näher. Sie kriegt ihn auch. Nicht am Ende, sondern etwa in der Romanmitte, wobei die Vereinigung mit dem nie richtig wach und präsent werdenden Mann keineswegs das Ende, sondern nur einen neuen, gesteigerten Anfang im Prozedere der Ungewißheit darstellt. Wer nun allerdings glaubt, bei Maria Fraulob handele es sich um eine Vertreterin der Authentizität, der Gegenidee zu Zaras artifiziellem Haushalt also, die nichts mit den Überformungen der Kunst, sondern nur die nackte Natur des Hautkontaktes im Sinn hat, der wird im zweiten oder dritten Romankapitel langsam eines Besseren belehrt. Der Leser lernt die Erzählerin selbst als zwielichtige Gestalt und literarische Drehtür kennen, die sich in verschiedene Richtungen öffnet. Zunächst erscheint sie als das Double einer gewissen Sophie, die als Angestellte bei Zara ein- und ausgeht und ihrerseits in Leo verschossen ist. Des weiteren ist Maria Fraulob aber selbst das Objekt einer unerwiderten Begierde. Wolf Specht ist wie der Teufel hinter ihr her. Und sie ist Schicksalsgefährtin Leos. Denn dieser hängt, was über 400 Seiten nicht unbedingt zu erwarten war, unglücklich an Zara. Mit Fraulob- und Sophie- Affären tröstet er sich lediglich über seine Schmach hinweg. Sie alle treiben in ihrem Leid, ihrem Begehren und Vermissen in die gleiche Richtung: Die der symbiotischen Nähe und zwillingshaften Ununterscheidbarkeit. Am Ende hängen sie, erotisch und erzähltechnisch in einem Rondo aneinander als wäre einer der Austauschspieler des anderen. Als wären sie einstmals eine einzige Figur gewesen, die der Roman in ein Ensemble zerlegt. Der junge Mann, der plötzlich bei Maria Fraulob im Wohnzimmer hockt, sich als Sohn Wolf Spechts ausgibt und ihr eine Moralpredigt hält, sieht er nicht zum Verwechseln jenem jungen Liebhaber ähnlich, den Zara sich zum Leide Leos nebenbei hält ? Oder Zaras Villa: Auf dem Nachbargrundstück steht ein Haus, das sich nur durch die Hausnummer, architektonisch aber überhaupt nicht unterscheidet. Der Sturz im EZZ zu Romanbeginn ereignet sich gegen Ende des Romans ein zweites Mal. Diesmal fällt Zara übel auf die Nase.

Alles, ihr ganzes Romanmaterial bearbeitet Brigitte Kronauer mit den Methoden der Zellteilung. Sie lenkt es furios in die Substanzform der Masse, sie treibt es in die Situation des Staus. Auch sein metaphorisches Inbild entstammt, wie das "Alte Land" bei Hamburg, der geographischen Realität. Es handelt sich um den Stausee am Glockner-Kaprun-Kraftwerk, von dem Roman über Seiten hinweg berichtet. Dort oben, in alpiner Höhenluft und mitten im Schnee sitzen zwei Damen und arbeiten an einem Roman namens "Teufelsbrück". Die eine spricht, die andere hört zu. Aber wer sind sie ? Diese so arglos wirkende Maria Fraulob quält als Erzählerin den Leser mit Geheimniskrämerei und minimal dosierter Geheimnislüftung wie Leo und Zara es mit ihr tun. Ohne detektivische Aufmerksamkeit sind die winzigen Hinweise darauf, daß es sich bei dem gesamten Roman mit seinen neun Kapiteln um eine mündliche Erzählung handelt, die sich an neun Abenden abspielt, leicht zu übersehen. Hin und wieder ein versteckt eingestreutes "Sie", mit dem Maria Fraulob ihr unsichtbares Gegenüber anspricht - mehr nicht.

Brigitte Kronauer begibt sich in einen Wettlauf mit sich selbst: Einen Roman, so extrem es geht, den Prinzipien der stofflichen Anhäufung und sprachlichen Dehnung, zugleich aber dem Takt der Stoppuhr auszusetzen. Ein tolles Experiment. Keine Frage, wir haben es hier mit einem der ambitioniertesten und hochrangigsten Romanwerke der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur zu tun. Aber ein wenig sportiv, laborhaft und erarbeitet wirkt das Ganze auch. Brigitte Kronauer stößt - und sie weiß es natürlich - an die Grenze einer Aporie. Am Reißbrett entworfene Geheimnisse, geplante Illusionen haben die Eigenschaft, durchschaubar und somit genau genommen keine mehr zu sein. Überplanung und Überfüllung sind der Preis, den die Schriftstellerin für ihren kühnen Versuch zahlt, die verlassenen Formen der Romansuggestion und – halluzination in der Werkstatt der Spätmoderne so zu restaurieren, daß ein zeitgemäßes Stück Reflexiosprosa dabei herauskommt. Tatsächlich bedient sich Brigitte Kronauer für "Teufelsbrück" einer literarischen Möglichkeit, die sie normalerweise mied, die der krimihaften Erzählspannung. Selbstredend setzt sie die Tricks, mit denen ein Autor die Leserschaft auf die Folter spannt, unkonventionell ein. Aber immerhin, es kommt am Ende tatsächlich zu einer Schießerei und der gesamte Text, der ihr vorausgeht, spannt sich über ein einziges großes Fragezeichen.

Es stimmt ja, sie ist eine der Letzten vom Stamm der Mohikaner; jener Romanciers, deren phänomenale Phantasie und exzessive Beschreibungslust einen klassischen Erzählkosmos erschafft. Der Reichtum und die Weite ihrer Sprache ist unerschöpflich und jedes Wort lebt auf, wenn Brigitte Kronauer es hinschreibt. Sie verfügt über eine Stimme, mit der sie spielend über zwei Oktaven kommt, von feinsten Tönen bis zu rotzfrechen, vom Dezenten bis zum Rotzfrechen, vom politisch zu verstehenden Ernst bis zu Görenblödelei. Ein gewisser Hang zum Manierismus findet sich bei Brigitte Kronauer allerdings auch - und, was den Eindruck des Manieristischen mindert, eine tiefernste Überzeugtheit vom Sinn des Erzählens. Denn wie es aussieht, kommt Maria Fraulob aus der großen unglücklichen Liebe ihres Lebens heil heraus. Es geht ihr nicht wie Abraham, der aus der Wüste der Ungewißheit nicht zurückfindet ins Land der Väter, sondern wie Odysseus, der heim- und im Epos ankommt. Der erotische Heißhunger, der Maria Fraulob hinter einem Leo hertrieb, der ohnehin immer blasser und nebensächlicher wird, gehört am Ende vollkommen der Lust, die ganze Sache in Worte zu bringen und dem Anblick der neun Abende zuhörenden Person. Einer geheimnisvollen Frau mit einer schwarzen Sonnenbrille. Sie sieht Zara so ähnlich, daß sie diese vermutlich auch ist. Letzte Gewißheit haben wir da aber nicht.

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