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StartseiteDeutschland heuteWenigstens den Hunger stillen16.10.2014

Textilarbeiter in KambodschaWenigstens den Hunger stillen

Nicht mehr als einen Hungerlohn erhalten die Textilarbeiter in Kambodscha: Trotz 70 Stunden-Woche reicht das Geld nicht, um sich satt zu essen. Die Gewerkschafterin Sen Sophol tourt nun durch Europa und wirbt um Unterstützung für ihren Kampf um einen Mindestlohn in ihrer Heimat.

Von Svenja Pelzel

Kambodschanische Arbeiterinnen und Arbeiter sitzen im Jahr 2007 in einer Textilfabrik am Rande Phnom Penhs mit Mundschutz an Nähmaschinen. (dpa / picture alliance / Arjay Stevens)
Arbeiten für einen Hungerlohn (dpa / picture alliance / Arjay Stevens)
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Seit zwölf Jahren hört Sophol 70 Stunden in der Woche das Rattern einer Nähmaschine. Neu in Sophols Leben ist dagegen das hier: Gemeinsam mit hunderttausend Männern und Frauen ging Sophol Anfang des Jahres zum Demonstrieren auf die Straße. Sie und die anderen Textilarbeiterinnen forderten statt 95 Dollar Arbeitslohn im Monat 177 Dollar. Bekommen haben sie fünf Dollar mehr und jede Menge Gewalt von Regierungsseite.

Deshalb hat Sophol die Einladung der "Kampagne für Saubere Kleidung" angenommen und tourt  im Moment mit anderen kambodschanischen Gewerkschaftern durch Europa. Belgien, Holland, Tschechien, Polen, Norwegen, die Schweiz und Deutschland stehen auf ihrem Programm.

An diesem Abend sitzt Sen Sophol gemeinsam mit einer Kollegin in einem kleinen Versammlungsraum der Verdi–Zentrale in Berlin-Mitte. Etwa 20 Leute sind gekommen, darunter auch einige Mitarbeiter der kambodschanischen Botschaft. Die Stimmung ist entspannt, der Beamer brummt, Sophol erhebt sich, legt die Hände zusammen, verbeugt sich kurz zur Begrüßung.

"Ich begrüße Sie herzlich, ich heiße Sen Sophol, ich bin 41 Jahre alt, ich arbeite in einem Textilbetrieb seit zwölf Jahren, ich bin in der Gewerkschaft seit fünf Jahren; insgesamt sind es knapp tausend Mitglieder."

Allen Grund zum Sorgenmachen

Mit Hilfe des Dolmetschers erzählt Sophol von den Arbeitsbedingungen Zuhause, von den hundert Dollar, die sie im Monat für die schwere Arbeit und die vielen Überstunden verdient, von der Mangelernährung, dem winzigen Zimmer, das sie mit anderen teilt und für das sie 50 Dollar Miete zahlt. Sie berichtet auch davon, dass sie und ihre Kolleginnen immer nur Kurzzeitverträge bekommen und damit erpressbar sind. Ihre Forderung ist deshalb klar.

"Und jetzt haben die dann demonstriert, um 177 Dollar zu fordern. Das ist nicht irgend eine Zahl, die wir uns ausgedacht haben, sondern recherchiert, was gerecht ist. Mindestlohn! Das ist keine ausgedachte Zahl von uns."

Sophol ist eine schmale Frau, klein, mit einem ernsten Gesicht. Sie wirkt sehr konzentriert, macht beim Sprechen oft Pausen, damit der Dolmetscher übersetzen kann. Nach einer Woche Reise mit zahlreichen Vorträgen hat die 41-jährige Näherin schon etwas Routine.

Am nächsten Tag steht ein Termin im Außenministerium auf Sophols Programm, anschließend Interviews mit Journalisten im Büro von Inkota. Inkota ist eine Nichtregierungsorganisation, die bei der "Kampagne für Saubere Kleidung" mitmacht. Heute begleitet ein anderer Dolmetscher die Frauen, übersetzt, was Sophol von sich selbst erzählt. 200 Dollar hat sie für die Reise Schulden gemacht, um sich neue Kleidung und einen Koffer zu kaufen.  Ihre beiden Jungs sind 14 und 17 und im Moment zuhause bei ihrem Mann. Der macht sich große Sorgen um sie.

"Nein, so sehr stolz ist er nicht, er hat Angst, einfach nur Angst."

Zum Sorgenmachen hat ihr Mann auch tatsächlich allen Grund.

"Ja, bin ich stark, ich bin vorn, wenn es ums Streiken geht, bin ich in der ersten Reihe. Ich bin vorneweg und werde diese Sperrung aufheben. Man kann mich nicht ängstigen, man kann mich nicht unterkriegen."

Vorgeschobenes Argument

Und wenn die für heute angesetzten Gespräche nochmals verschoben werden, dann gehen die Demonstrationen wieder los, sagt Sophol. 

"Nein, aufgeben gibt's nicht. Wenn wir den Lohn nicht bekommen, den wir gefordert haben, dann werden wir streiken, einen großen Streik, Generalstreik kann man sagen, von allen Arbeitern der Textilfabriken."

Und dann sagt Sen Sophol noch einen Satz, der sich nicht an ihre Regierung und an die Fabrikbesitzer richtet, sondern an die deutschen Verbraucher:

"Ich hoffe, wenn Ihr mehr bezahlt, dass wir auch mehr Geld bekommen. Man sagt so: ohne Preissteigerung keine Lohnerhöhung. So argumentieren sie, die Hersteller und Fabrikbesitzer."

Dieses Argument der Hersteller ist allerdings nur vorgeschoben. Der Lohn einer Näherin macht bei einem Kleidungsstück gerade mal 0,4 Prozent der Kosten aus. Wenn die Hersteller dagegen ihren Werbeetat von neun Prozent auf acht Prozent senken würden, könnte Sophol schon morgen das Dreifache verdienen.

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