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StartseiteWirtschaft und GesellschaftNigeria kämpft trotz Importverbot mit Altkleiderschwemme20.07.2018

TextilindustrieNigeria kämpft trotz Importverbot mit Altkleiderschwemme

Großer Altkleider-Import verhindert, dass sich in Schwellenländern eine eigene Textilindustrie entwickeln kann. In Nigeria wurde der Import daher Anfang des Jahrtausends verboten. Andere Ostafrikanische Länder wollen nun folgen. Doch: Verbessert hat sich die Lage der nigerianischen Textilindustrie kaum.

Von Katja Scherer

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Eine Strassenhaendlerin verkauft gebrauchte Kleidungsstuecke in der Markthalle von Kigali. (imago)
Auch Länder wie Ruanda wollen die Importe verbieten und die Altkleider, wie hier in Kigali, von den Straßen holen (imago)
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An einer Straßenecke in Lagos, der größten Stadt Nigerias, haben Händler ihre Stände aufgebaut. Sie verkaufen Obst, Haushaltswaren – und importierte Altkleider. Offiziell ist der Import von Altkleidern nach Nigeria zwar verboten. Aber dieses Verbot gelte nur auf dem Papier, sagt Soji Apampa, einer der bekanntesten Kämpfer gegen Korruption im Land:

"Man kann das verbieten, aber die Ware kommt trotzdem ins Land. Manche Menschen sind mächtiger als die staatlichen Institutionen."

Trotz Importverbot blüht das Geschäft der Schmuggler. In der Regel kommt die Ware über die kaum kontrollierten Grenzen im Norden des Landes oder aus dem Nachbarland Benin, einem regionalen Hotspot für Schmugglerware aller Art. Die Gefahr, dabei entdeckt zu werden, sei für die Täter gering, sagt der Politiker Uche Chuta von der Oppositionspartei United Democratic Party:

"Es ist ziemlich einfach. Man bringt die Kleider an die Grenze, bezahlt die Grenzposten – und fertig. Wir haben sehr schlechte Grenzkontrollen."

Niedergang der Textilindustrie führte zu sozialen Verwerfungen

Eigentlich wollte die Regierung mit dem Importverbot von Altkleidern ein Comeback der nigerianischen Textilindustrie ermöglichen. Lange Zeit galt die Textilproduktion als wichtigste verarbeitende Branche im Land. In den achtziger Jahren gab es rund 170 Textilfabriken mit 350.000 Beschäftigten; inzwischen sind nur noch etwa 20 Fabriken mit 25.000 Arbeitern übrig. Daran hat auch das Importverbot vor rund 15 Jahren nichts geändert. Der Niedergang habe vor allem in der Textilregion Kaduna im Norden des Landes zu starken sozialen Verwerfungen geführt, sagt der Aktivist Apampa:

"Fast alle Textilfabriken in Kaduna und Lagos mussten schließen. Sie stellten mal etwa ein Drittel der Arbeitsplätze im Privatsektor. All diese Jobs sind verschwunden."

Das Aus der Textilindustrie habe auch die zahlreichen Baumwollbauern im Land verarmen lassen, ergänzt Politiker Uche Chuta:

"Die Baumwollindustrie war wichtig für Nigeria, aber jetzt ist das anders. Auch sie ist verschwunden."

Chinesische Marken-Plagiate als weiteres Problem

Importverbote allein reichen also nicht, wenn es keinen Staat gibt, der sie durchsetzt. Die Altkleidermärkte in Lagos gelten als mit die größten in Afrika – und da alles "schwarz" gehandelt wird, verdient der Staat daran keinen Cent. Zudem sind es nicht nur Altkleider, die den Wiederaufbau der nigerianischen Textilindustrie verhindern.

Seit ein paar Jahren wird das Land überschwemmt mit billigen Marken-Plagiaten aus China, T-Shirts mit umgekehrten Nike-Zeichen zum Beispiel. Einige dubiose Fabriken in China haben sich sogar darauf spezialisiert, traditionelle nigerianische Gewänder zu fertigen – versehen mit dem Label "Made in Nigeria". Auch diese Ware wird von internationalen Kartellen über die wenig bewachten Landesgrenzen geschmuggelt. Solche Plagiate und Fälschungen sei für die nigerianische Textilindustrie noch viel schlimmer als die Altkleiderimporte aus dem Westen, sagt der Wirtschaftsexperte Apampa:

"Die meisten Nigerianer bevorzugen traditionelle Gewänder, keine westliche Kleidung. Ich glaube, die Altkleiderimporte sind nicht das Problem. Aber wenn man keine Textilien mehr herstellen kann, weil ein Kartell das unterwandert, dann schadet das mehr als importierte Altkleider für arme Menschen."

Politik unternimmt zu wenig gegen Textilien-Schmuggel

Nach Schätzungen der Weltbank werden inzwischen Textilien im Wert von rund 2,2 Milliarden Dollar jährlich von China nach Nigeria geschmuggelt, während die nigerianische Produktion nach wie vor am Boden liegt. Und Soji Apampa hat wenig Hoffnung, dass sich daran bald etwas ändert – zu eng seien die Verbindungen der Schmugglerbanden in die Politik:

"Nigerias größter Schmuggler stammt quasi aus der gleichen Heimatstadt wie der Präsident. Man sagt, niemand kann Zolldirektor werden ohne das Wissen und Segen dieses Schmugglers. So mächtig ist er."

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